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Arlo Parks hat sich auf Ambiguous Desire neu entdeckt. Zumindest musikalisch klingt vieles auf ihrem dritten Album so: elektronischer, tanzbarer, inspiriert von New Yorks eskapistischem Nachtleben. Dieser Euphorie steht oft große Verletzlichkeit gegenüber – in jedem Fall erzählt Arlo Parks ihre typisch einfühlsamen Stories.
Willkommen im Club
Wer als Fan zum ersten Mal auf eine der Singles zu Arlo Parks‘ neuem Album geklickt hat, wird sich wahrscheinlich gedacht haben: „Huch! Die hat sich aber verändert! Ist das nicht doch ein Remix?“ Kannte man Arlo Parks doch bisher für sanften R&B und Soul, scheint sie sich nun im Club verirrt zu haben.
Und genau das ist tatsächlich passiert: Arlo Parks zog nach New York City, verliebte sich in die Stadt, in nächtliche Orte und in jemanden, der dort lebte. Dazu gehörte auch das Club-Leben, denn Tanzen wurde heilend und entfesselnd: „Das waren Orte, an denen ich sein konnte, wer auch immer ich in dieser Nacht sein wollte, vom Bleiben am Rande bis zum Hineinstürzen und stundenlangen Flüchten auf der Tanzfläche“, sagt Parks. Auch musikalisch hatte das seinen Einfluss: „Sich in diesen expressiven Räumen aufzuhalten gab mir das Selbstvertrauen, die Künstler:innen zu entdecken, die ich schon immer geliebt habe, die ich aber noch nie in meiner Musik zur Geltung bringen konnte.“ Also erklingen UK Garage, House und Electro-Pop, gepaart mit Arlo Parks‘ immer noch sanfter Stimme.
Ambiguous Desire von Arlo Parks auf Vinyl:
Erstaunlich, wie gut das funktioniert: diesen kuschligen Vibe beizubehalten, auch wenn vieles hier so pulsiert und zappelt. Es ist eine Veränderung, die Parks‘ Karriere jetzt gut tut, gerade weil sie so unerwartet ist. Ein Herz für Synths, gesamplete Drums und das ein oder andere schwingende Tanzbein hat sie schon öfters gehabt, aber: Die bassigen Drops in Heaven? Die rastlosen UK-Garage-Beats in Get Go? So etwas hat man bei ihr noch nie gehört. Aber es klingt stets passend.
Den Band-Sound vermisst man kaum, da der Produzent Baird an vielen Stellen glänzt. Senses etwa klingt fantastisch, die Gitarren wirken wunderbar nah, greifbar und dreidimensional. Man hört dem Song den Einfluss des großartigen Sampha an, der natürlich auch darauf mitsingt – ein echtes Highlight. Auch Nightswimming schafft mit vielen Synths ein Momentum, das einen Augenblick einzufrieren scheint, was perfekt zum Text passt.
Beobachtungen übers Verlangen
Viele Songs haben durch den Stilwechsel eine neue, aufregende Energie und fangen doch das ruhig Beobachtende im Zwischenmenschlichen ein, das Arlo Parks so gut beherrscht. Denn bei ihr geht es auch immer um die Texte, um ihre persönlichen Geschichten und unter die Lupe genommenen Momente. Zum Albumtitel Ambiguous Desire erklärt Parks: „Verlangen ist eine Lebenskraft. Es ist ein Wollen, eine Sehnsucht, ein Impuls – wir alle leben, weil wir etwas oder jemanden wollen – Verlangen ist ein Motor. Aber es ist auch geheimnisvoll, verworren, zufällig, aufschlussreich und menschlich.“
Eines der Beispiele, inwiefern Verlangen „ambiguous“, also uneindeutig sein kann, präsentiert etwa Get Go: Parks trifft eine Bekannte namens Maria im Club, die offensichtlich überfordert ist. Maria erklärt, dass sie ihren Ex an der Bar mit einer anderen Frau gesehen hat, was für sie alte Wunden aufreißt. Doch anstatt den Club zu verlassen, will sie nun erst recht dort Eskapismus und Ekstase finden, obwohl ihr Ex ja auch dort ist. Das Verlangen nach Freiheit durchs Tanzen vermischt sich mit dem Verlangen, diesen Ort zu verlassen, und einem gebrochenen Herzen. Und dennoch überwiegt Ersteres – das Tanzen wird wie eine Form des Protests inmitten einer Verstrickung aus verschiedenen Sehnsüchten.
Daher bietet der Club, textlich und musikalisch, einen geeigneten Schauplatz für Arlo Parks‘ Themen: Das Album verarbeitet die Freiheit, Liebe und queeres Selbstvertrauen, aber zugleich die Verdrängung und die Erkenntnisse, die sich im Nachtleben abspielen. Euphorie und Verletztsein sind dabei oft nah beieinander.
Interpretationsspielraum im Nichtgesagten
Parks‘ Schreibstil bleibt ihre Handschrift. Sie erzählt Geschichten, kleine Momente, die sich umso größer anfühlen. In vielen Songs erwähnt sie Personen namentlich, die die Hörer:innen nicht kennen, oder sie spricht „you“s an, ohne zu erklären, wer diese sind. Den Kontext auszulassen, lässt die Geschichte intimer wirken. In What If I Say It? tut Arlo Parks genau das nicht, was im Songtitel steht: Sie unterhält sich mit einer Person über ein Ereignis in der Vergangenheit, das aber nie erklärt wird. „In your parents’ house in mid July / You were hurting and we both know why“ – das Publikum weiß es aber nicht. Man kann erahnen, dass es um ein nicht verarbeitetes Trauma geht, um Missbrauch oder Herzschmerz, aber das kann jede:r für sich selbst interpretieren.
Mit Ambiguous Desire vollzieht Arlo Parks somit eine gelungene Metamorphose. Ihre Stories bleiben feinfühlig und erlauben sich stellenweise noch mehr Licht als zuvor. Vor allem die größten Experimente, die das Album musikalisch wagt, lohnen sich. Arlo Parks scheint hier geradezu aufzublühen. Deswegen ist das letzte Bild des Albums besonders schön: Zitternde Drum-Schnipsel wirren um Parks herum, während sie wiederholt: „We’re blossoming“.