Charli xcx
Foto: Taylor Hill/Getty Images

Review: Charli xcx entdeckt auf „Music, Fashion, Film“ die Stromgitarre und schreibt schon wieder Geschichte

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Ein neuer Brat Summer wird das nicht, wohl aber die Renaissance des Slacker Rock: Mit Lässigkeit, tonnenweise Gitarren, treffsicheren Texten und ikonischen Gästen schwimmt sich Charli xcx mühelos von der Farbe Limettengrün frei. Und findet auf Music, Fashion, Film zurück zu sich selbst.

Hier gibt es das Music, Fashion, Film auf Vinyl:

„Die Tanzfläche ist tot, also machen wir jetzt Rockmusik.“ Mit diesem Satz sorgte Charli xcx vergangenen April für gehörig Aufsehen. Würde sich die Künstlerin nach Brat und dem dazugehörigen Sommer tatsächlich von ihrem grellen Hyperpop-Mantra lösen und ordentlich Gitarren auffahren? Spätestens heute wissen wir: So ganz ernst gemeint war das alles nicht. Ihr ging es eher um eine Überwindung der Brat-Ära, darum, uns klarzumachen, dass das ein für allemal vorbei ist. War auch nötig: Wenige popkulturelle Phänomene der jüngeren Vergangenheit loderten mit solchem Furor wie der Brat Summer.

Selbst Madonna reagiert empört

Selbst Madonna brachte das mit der toten Tanzfläche (Murder On The Dancefloor?) damals auf die Palme, was natürlich vor allem eines zeigt: Die Welt schaut Charli xcx ganz genau auf die Finger. Es war daher wahrscheinlich eine alles andere als leichte Aufgabe, diesen ganzen Brat-Hype beiseite zu schieben und sich neu zu erfinden.Die Britin ist aber eben eine große Pop-Künstlerin, eine der größten, die wir derzeit haben, also hat sie natürlich Ideen und überwältigt uns erst mal mit ihrem sinistren Gothic-Albtraum Wuthering Heights. Zum Luft holen. Aber auch, um ihren musikalischen Kosmos noch weiter auszudehnen. Alles scheint erlaubt in ihrer Welt.

Garbage und die Pixies geistern durch die Songs

Jetzt eben Music, Fashion, Film. Schon im Opener Rock Music fallen die eingangs zitierten Zeilen „The dance floor is dead, so we’re making rock music now“. Im Kontext des Songs wird daraus eher eine Kritik an allzu schnellen Trend-Geheische, denn eines muss klar sein: Eine wirkliche Rock-Platte ist die siebte von Charli xcx nicht. Dennoch klingt sie so ganz anders als Brat. Und das ist ebenso wichtig wie willkommen. Ja, es sind eine Menge Gitarren auf der Platte, im schrammeligen Card Declined (wird ihr so schnell nicht passieren, geschätztes Vermögen: 14 Millionen US-Dollar) sogar in überraschend wüster Grunge-Manier.

Überwiegend sind es aber stark digital bearbeitete Stromgitarren, versehen mit Effekten wie ihr Gesang, der hier ein wenig anders wirkt als bisher. Ein bisschen Avril Lavigne, so was in die Richtung. Rockmusik, das weiß sie natürlich, entsteht aber nicht automatisch, wenn man darüber singt und eine Gitarre zu einem sehr simplen Schlagzeug-Beat aufnimmt. Aber das ist ja die Schönheit von Music, Fashion, Film: Die überwiegend sehr kurzen Songs (elf davon bringen es auf modisch kurze 30 Minuten Gesamtspielzeit) sind Studien oder Skizzen, zeigen eine Künstlerin, die sich lustvoll neu ausprobiert. Die Garbage mag, die Pixies oder die Strokes. Damit wird sie wahrscheinlich nicht wieder so eine Kulturrevolution lostreten wie im Sommer 2024. Dafür scheint sie aber sehr zufrieden mit sich und diesem Album zu sein.

Zynisches Porträt der Post-Internet-Ära

Das fantastische Yeah kommt ebenfalls sehr rockig und kantig daher wie die Indie-Bands der frühen Zweitausender, SS26 hat einen beschwingten Indie-Pop-Vibe, Camera oder 2007 hingegen sind relativ klassische Pop-Songs, die aber eben durch diese ein wenig (und natürlich absichtlich) steril klingende Gitarre aufgebohrt werden. Zusammen mit dem Autotune entsteht ein einerseits kühles und maschinelles, andererseits herrlich zynisches Porträt der Post-Internet-Ära. Sie singt von Dingen, die Enden, von Kommentaren, die aus dem Kontext gerissen werden, wohl auch vom Dasein als Superstar, der nach Brat eigentlich ausgebrannt, am Ende, leer war und nie wieder Musik machen wollte.


Kam ja zum Glück anders. Aber eben mit Konsequenzen. Nachdem Brat allen gehörte, ist Music, Fashion, Film dezidiert ein Album, das sie für sich geschrieben hat. I’m Afraid ist so ein Paradebeispiel für diese neue Charli xcx. Sie schüttet ihr Herz aus, während die Synthesizer dröhnen, rumoren, pulsieren. Vielleicht der direkteste Rückschluss auf Wuthering Heights. Und das ssie ihrem Co-Produzenten und Kollaborateur A.G. Cook mit Magic Metal Montana einen ganzen Song widmet, ist einfach nur sweet.

Das ikonischste Cover aller Zeiten?

Längster und letzter Song des Albums ist dann auch einer der merkwürdigsten. Ein nervöser, stacheliger Pop-Song namens No One Lasts Forever (auch keiner ihrer Kritiker, klar), der erst in eine Netflix-Serie wie Sex Education passen könnte – bis Gast David Cronenberg plötzlich zu einer Spoken-Word-Performance zu Orgelsounds und knarzender Elektronik ansetzt und sich irgendwann wie bei Revolution 9 von den Beatles leiernd wiederholt bis in alle Ewigkeit. Das ist so absolut großartig, dass man gar nicht weiß, was man sagen soll.


Und erst dann fällt einem auf, dass man ja noch gar nicht über dieses ikonische Cover gesprochen hat. Da sitzen oder lehnen Jahrhundertregisseur Martin Scorsese, Velvet-Legende John Cale und Modezar Marc Jacobs in irgendeiner Küche, als wüssten sie selbst nicht, was sie da zu suchen haben. Music, Fashion, Film kann man nicht besser visualisieren. Auch da alles richtig gemacht, Donnerwetter. 

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