Review: Legt Raye mit diesem Album schon im März das Pop-Album des Jahres vor?

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Foto: Jim Dyson/Getty Images

Review: Legt Raye mit diesem Album schon im März das Pop-Album des Jahres vor?

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Mehr Musiktheater als Pop-Platte, mehr Seelenstriptease als viraler Hit: Raye überwältigt mit ihrem grandiosen neuen Album This Music May Contain Hope. Hat man so was schon mal gehört? Wir sind uns sicher: Nee. Hat man nicht.

Irgendwie hat es Raye geschafft, ein Westend-Musical als Pop-Album zu tarnen. Dass sie wahnsinnig begabt ist, hat sie natürlich schon mehrfach beweisen, nachdem sie ihr Sensationsdebüt My 21st Century Blues veröffentlicht hat. Damals wurde sie über Nacht zum Star, zur neuen Stimme des Neo-Soul. Eine neue Amy Winehouse. Mindestens. Wenn nicht eine neue Nina Simone.

Rückzugsort in unsteten Zeiten

Die Künstlerin aus dem roughen Süden Londons ist selfmade durch und durch, hat ihr erstes Album selbst veröffentlicht und von Anfang an alle Entscheidungen selbst getroffen. Heute ist sie 28. Und die erste Frau, die den Brit Award als Songwriterin des Jahres erhielt. Daneben stehen mittlerweile sieben Brit Awards, vier Global Awards, zwei Ivor Novello Awards und zwei MTV Europe Music Awards. Nicht übel bei nur einem Album.

Jetzt hat sich diese Anzahl verdoppelt. This Music May Contain Hope. ist um vier unterschiedliche Jahreszeiten herum aufgebaut, die „die Komplexität menschlicher Emotionen abdecken“, wie Raye selbst sagt. „Musik ist Medizin, das habe ich schon immer gesagt. Ich glaube, ich bin gerade dabei, Medizin für mich selbst herzustellen, die ich mit der Welt teilen kann.“ Die Platte soll ihren Fans eine warme Decke sein, ein Rückzugsort in unsteten Zeiten. Sie erschafft eine Parallelwelt, führt ihre Hörer:innen durch den Kaninchenbau ihrer überbordenden Fantasie direkt hinein in ihr eigenes Musiktheater über die Geheimnisse, Schattenseiten und Verlockungen Londons.

Gewaltig, verrückt, genial

Da Intro Girl Under The Grey Cloud. führt ein in die Szenerie. Wir hören ihre Stimme aus dem Off, wie sie von sich selbst erzählt, einer Frau Ende 20, die nach zu vielen Negronis von einer Bar zurück in ihr Hotel läuft. Danach der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere und einer der besten Pop-Songs der letzten 20 Jahre: I Will Overcome. ist dramatisch, bewegend, wie eine Art feministischer Stephen Sondheim. Sweeney Todd, aber voller female empowerment. Mitreißender Soul mit prägnanten Beats zu nostalgischen Streichern und großer Soundtrack-Grandezza – furios.

73 Minuten dauert dieses Album. Absoluter Irrsinn in dieser Ära des Aufmerksamkeitsdefizits. Doch Raye zieht durch, entfesselt eine gewaltige, verrückte, geniale Soul-R&B-Oper, die die Kinnlade regelmäßig fallen lässt. Wie macht sie das alles nur? Wie hält sie die Fäden auch in diesen monumental ausufernden Songs so mühelos zusammen?

Rayes Duett mit Hans Zimmer

Weil sie genau weiß, was sie will. Und diesen Weg konsequent geht. Sonst hätte man versucht, ihr sechsminütige Songs wie die große Achtziger-Hymne I Know You’re Hurting. auszureden. Oder eine Kollaboration mit Hans Zimmer (!) gar nicht erst zu erlauben. Wir können sehr froh sein, dass wir beide Songs haben. Insbesondere Click Clack Symphony. Mit Soundtrack-Gigant Hans Zimmer schreibt Raye die Regeln der Popmusik einfach neu. Was für ein Song!

Dieser Mut zur großen Geste muss erst mal aufgebracht werden. In Zeiten von Bedroom-Producern und Lo-Fi-Ästhetik fällt ein Pop-Musical wie dieses klar aus dem Rahmen. Und tut vielleicht auch deswegen so gut. Es ist unapologetisch theatralisch und voller Pomp, verliert aber nichts an Substanz oder Geradlinigkeit. Pop, Jazz, Soul, R&B, Big Band, Soundtrack verschwimmen in Rayes Vision zum musikalischen Narrativ einer Frau auf der Suche nach sich selbst. Das ist filmreif, sorgt für gewaltige Teppiche an Gänsehaut und lässt baff und geheilt zurück.

Es endet wie bei Disney

Da ist der klaustrophobische, düstere Pop-Jazz-Crossover The WhatsApp Shakespeare., das herzzerreißende Winter Woman. – und dann plötzlich schillernder Electro-Pop bei Life Boat. Auf einem Album voller Überraschungen sind manche Songs dann eben doch noch größere Wundertüten.

Klar darf auch der grandios swingende Soul ihrer Lead-Single WHERE IS MY HUSBAND! nicht fehlen und sogar ihre beiden Schwestern dürfen in Joy. gemeinsam mit ihr singen. Wie man dieses wunderschöne Chaos zu Ende führt? Mit dem sechseinhalbminütigen Disney-Outro Fin. natürlich, ein Lied wie aus einem nostalgischen Zeichentrickfilm.


This Music May Contain Hope. ist alles. Dramatisch, aufwühlend, orchestral, düster, beschwingt, wild, zart, selbstironisch, selbstreflektiert, selbstbewusst. Raye durch und durch eben.

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