The Strokes live
Foto: Gary Miller/Getty Images

Review: „Reality Awaits“ von den Strokes ist eine Studie in verträumter Eleganz

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Ein träumerisches, verhallendes Album für heiße Sommerabende: The Strokes lassen zwar auch auf Reality Awaits die Lederjacken im Schrank, betören dafür aber mit faszinierenden, surrealen Art-Rock-Oden.

Hier gibt’s das neue The-Strokes-Album auf Vinyl:

Auch das noch: Da versucht man alles, um die Augen mal für einen Tag von der grausigen Realität da draußen zu verschließen. Und dann kommen die Strokes um die Ecke und nennen ihre neue Platte einfach Reality Awaits. Geht’s noch? Aber Moment mal, merkt der kulturpessimistische Hörer schnell, das Cover der Platte zeigt einen Old-School-Cowboy aus einer Zeit, über die dumme Menschen gern sagen, dass damals noch alles in Ordnung war. Sie spielen also mal wieder mit uns, diese Strokes.

Bisschen frech natürlich für eine Band, die uns jetzt satte sechs Jahre auf ein neues Album warten ließ. Aber Julian Casablancas darf sich ja eh alles erlauben und wir lassen es ihm durchgehen. Oder? Klar, sogar den Autotune-Effekt im faszinierenden Opener Psycho Shit, der sich von einer zart gezupften Akustikballade in einen krachenden Soundwall steigert. Starker Einstieg, keine Frage. Aber was kommt nach dieser Ouvertüre? Darf man erwarten, dass die coolste Band aus New York City zu ihrem Garage-Rock-Furor der frühen Zweitausender zurückkehrt? In die Zeit würde es passen, die Musik der Jahrtausendwende ist so populär wie zuletzt vor 25 Jahren.

The Strokes klingen britisch?!

Wäre den Strokes zu wenig. In dieser Hinsicht haben sie viel mit den Arctic Monkey gemein, deren Türen in die eigene Vergangenheit auch für immer verschlossen scheinen. Eine Nummer wie Dine N’Dash hätte man von den Strokes dann aber auch nicht erwartet. Irgendwie klingen sie hier so britisch wie lange nicht, irgendwas zwischen New Order und Radiohead. Doch auch wenn sich die internationale Musikpresse fragt, ob die Strokes den Rock’n’Roll mit Reality Awaits wirklich retten können (oder wollen) oder ob man das dann doch lieber Charli xcx überlassen sollte, reagiert die Band mit einem gewohnten sardonischen Lächeln und einem unverbindlichen Schulterzucken.

Die Strokes brüten Stücke aus, die ein wenig wie eine Alternative-Rock-Entsprechung zu den Talking Heads wirken. Rock’n’Roll, Indie, Wave, manchmal Achtziger, manchmal Neunziger, manchmal irgendwas anderes. Surf etwa. Oder Ambient. Nie aber Last Nite. Das hat aber natürlich auch niemand ernstlich erwartet, weswegen man eigentümlich fasziniert lauscht, wenn Casablancas in Falling Out Of Love den Crooner zu verhallenden Surf-Gitarren gibt. Er sehnsuchtet, er jammert, er schmollt, er liefert bitteren politischen Kommentar. Manchmal innerhalb eines Songs. Nur die Sache mit dem Autotune, die müssen wir nach mehrmaligem Nachdenken dann doch noch mal besprechen.

Kunstgriff zwischen Anspruch und Entertainment

The Strokes werden mit Reality Awaits ein Stück weit mehr zur Art-Rock-Band. Aber zu einer Art-Rock-Band, die immer noch fantastisch unterhalten kann. Vielleicht mäandern manche der Songs ein kleines bisschen zu sehr, aber ganz allgemein gelingt den Strokes ein großer Kunstgriff zwischen Anspruch und Entertainment. Spezialfälle wie Liar’s Remorse mit seinem surrealen karibischen Tagtraumflair (die Platte wurde schließlich auch in der Karibik aufgenommen!) oder The Fruits Of Conquest mit seinem „Stones unter Wasser“-Gefühl gehen aber klar als Seltsamkeiten in die Annalen dieser Band ein.

The Strokes werden mit Reality Awaits ein Stück weit mehr zur Art-Rock-Band. Aber zu einer Art-Rock-Band, die immer noch fantastisch unterhalten kann. Vielleicht mäandern manche der Songs ein kleines bisschen zu sehr, aber ganz allgemein gelingt den Strokes ein großer Kunstgriff zwischen Anspruch und Entertainment. Spezialfälle wie Liar’s Remorse mit seinem surrealen karibischen Tagtraumflair (die Platte wurde schließlich auch in der Karibik aufgenommen!) oder The Fruits Of Conquest mit seinem „Stones unter Wasser“-Gefühl gehen aber klar als Seltsamkeiten in die Annalen dieser Band ein.

Manchmal darf man sich also schon fragen, was er sich dabei gedacht hat. Aber dann wiederum war das bei den Strokes ja schon immer so. Wir können usn sehr bildlich vorstellen, wie Casablancas zusammen mit Produzenten-Zottel Rick Rubin im karibischen Studio sitzt, die Füße im Sand wie einst Brian Wilson, und sich diebisch über manchen kruden Einfall freut. Denn aller Seltsamkeiten zum Trotz entströmt diesem besonderen Album eine verträumte Eleganz, die man in der Form noch nicht von der Band – oder von irgendeiner anderen – gehört hat.

Das abschließende Epos Tyrants Of The Mellow Moon erhört dann irgendwie doch noch das Flehen der frühen Fans: Es entführt auf stimmungsvolle und nostalgische Weise in die Vergangenheit, als ein paar Typen in Lederjacken von New York aus die Welt im Sturm eroberten. Kein Garage-Rock-Überfall, eher eine nachdenkliche Ode an Nächte, die es so wahrscheinlich nie wieder geben wird. Da ist sie wieder, die grausame Realität.

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