„Annyeonghaseyo! We're back!“ Mit diesen Worten eröffnete BTS-Bandleader RM das gut einstündige Comeback-Konzert am Samstagabend, das Seoul seit Tagen lahmlegt. Dazu muss man wissen: der Gwanghwamun-Platz, benannt nach dem Tor zum Gyeongbokgung-Palast, ist nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort, sondern auch ein Verkehrsknotenpunkt dieser Fast-Zehn-Millionen-Stadt. Hier ein Konzert in dieser Größenordnung aufzuziehen, das per Netflix-Live-Stream auf der ganzen Welt zu sehen war, dürfte nicht weniger als ein logistischer Albtraum gewesen sein. Andererseits: Die Rückkehr der größten Boyband der Welt nach einer mehrjährigen Pause ist schon jetzt DER popkulturelle Moment des Jahres – auf dem gleichen Wahrnehmungslevel dürfte wohl nur die Super Bowl Halftime Show liegen. Da passt es gut, dass der Regisseur des BTS-Livestreams auch Hamish Hamilton heißt – der Brite führt nämlich seit 2010 die Regie der Super Bowl-Konzerte.
Jin, Suga, J-Hope, RM, Jimin, V und Jung Kook haben sich für ihre Rückkehr auf die Bühne also den größtmöglichen Druck aufgebaut. 260.000 Menschen sollen sich nach Schätzungen um den Gwanghwamun-Platz versammelt haben. 22.000 glückliche ARMY, die bei einer Verlosung gewonnen hatten, durften dabei in Bühnennähe sein. Das Netflix-Publikum dürfte in die Millionen gegangen sein. Laut den Behörden der Stadt seien rund 15.000 Menschen allein für Sicherheitsbelange im Einsatz gewesen. Aus Angst vor Terrorangriffen durfte das Konzert nur eine Stunde dauern. Rund zehn Kilometer Stromkabel wurden verlegt, LED-Screens aufgebaut, die es insgesamt auf rund 50 Millionen Pixel brachten. Zwei Dutzend Kameras waren im Einsatz, darunter die Modelle, die James Cameron für den Dreh seiner „Avatar“-Filme nutzt. Überhaupt war es eine Premiere, dass eine Pop-Band, den Gwanghwamun-Platz bespielen durfte. Er gilt als das Herz Seouls – zum einen, weil im Gyeongbokgung-Palast einst von 1352 bis 1592 und von 1868 bis 1910 die koreanischen Herrscher residierten, zum anderen, weil er immer wieder Schauplatz historischer Demonstrationen wurde. Zum Beispiel, als der damalige südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeo Ende 2024 das Kriegsrecht ausrief, und die Südkoreaner:innen lautstark dagegen aufbegehrten.
Euphorie & Freudentränen
Am Samstagabend, ab 20 Uhr Ortszeit, gab es hier aber statt Wut und Aufbegehren eher Euphorie und Freudentränen. Der Livestream begann mit einem Drohnenflug vom Palast über den „Weg der Könige“ bis zum schlauchartigen Gwanghwamun-Platz, der von tausenden BTS-Lightsticks, Scheinwerfern und LED-Screens erleuchtet wurde. Ein visuell faszinierend harter Cut zwischen dem historischen Seoul und der modernen, hochtourig laufenden Metropole, die hier bisweilen wie eine Science-Fiction-Kulisse wirkte. Dieser Kontrast passt jedoch auch gut zur aktuellen Comeback-Era von BTS: Ihr am Freitag veröffentlichtes, fünftes Studioalbum ARIRANG highlightet im Titel und in den Visuals ganz bewusst ihre koreanischen Roots, ist musikalisch aber der bisher konsequenteste Brückenschlag zum US-Rap, der den Sound der Band von Anfang an prägte. Die Lyrics sind überwiegend Englisch, die Songwriter:innen- und Produzent:innen-Garde an der Seite von BTS versammelt einige der spannendsten Namen der US-Szene. Die Platte wurde komplett in Los Angeles geschrieben und aufgenommen – was man durchaus hört.
Holt euch hier ARIRANG nach Hause:
Das Comeback-Konzert stand dann in den ersten Minuten auch unter dem Banner „Albumpromo“ – wobei das vielleicht ein wenig zu zynisch klingt. Sagen wir eher so: die Band liebt ihren neuen Sound und wollte diese Songs flexen. Los ging es deshalb mit dem Albumopener Body To Body – ein tighter, raplastiger Track, mit einem wunderschönen Zwischenspiel. Im zweiten Drittel hört man nämlich eine Gesangsperformance von Arirang. Dieses Jahrhunderte alte Volkslied ist so etwas wie die inoffizielle Hymne Koreas und wurde bei dem Konzert von einer traditionellen Gesangstruppe performt.
Was eine Show!
BTS sahen dabei natürlich fantastisch aus: Sie trugen maßgeschneiderte, schwarze Outfits der koreanischen Marke Songzio, angefertigt mit dem Wunsch, auch hier koreanische Modetradition mit einem modernen Twist zu verbinden. Alles also eine perfekte Inszenierung – wäre da nicht der tragische Glitch im Bild: Ein Bandleader, der mit einer klobigen Fußschiene über die Bühne humpeln musste. RM hatte sich bei den Proben am Knöchel verletzt und war nur sehr eingeschränkt mobil. Man will gar nicht wissen, was vor der Show in ihm vorgegangen ist: Er hatte beim Comeback-Album kreativ und künstlerisch alle Fäden in der Hand, war treibende Kraft der Monate nach dem Armee-Dienst und gilt als starke Schulter und Ruhepol der Band. Dieser Abend war einer der wichtigsten in der schon jetzt beindruckenden Karriere von BTS – und dann so was. Andererseits sind K-Pop-Idols halt auch nur Menschen – und die nonchalante Art, wie BTS dieses Handicap in die Show integriert haben, strahlte fast mehr Stärke aus als eine reibungslose Performance. Auch wenn es schmerzte zu sehen, dass nur sechs BTS-Member auf die vordere Bühne ausschwärmen konnten, um dort ihre Choreos zu tanzen, während RM am Bühnenrand auf einem Hocker saß.
Wie war die Show?
Die ersten drei Songs waren besagtes Body To Body, der Rap-Banger Hooligan und das trappig beginnende 2.0, das auf der Platte ein wenig zu sehr auf Autotune setzt, hier aber sehr organisch klang. Obwohl allesamt Live-Premieren, war die Performance hier schon on Point – und es war eine große Freude zu sehen, wie viel Bock die BTS-Member aufeinander zu haben scheinen. J-Hope war fast durchgehend am Grinsen, V ebenso und Jimin hat man seit Jahren nicht mehr so ausgelassen und vergnügt auf der Bühne gesehen.
Im ersten Ansagen-Part wurde es dann geradezu emotional. Jimin erzählte, dass er sich noch sehr genau an den Moment erinnerte, als er beim letzten BTS-Konzert vor der Pause in Busan auf der Bühne stand und die Fans fragte: „Werdet ihr auf uns warten?“ Damals war das ein doppelt emotionaler Moment. Zum einen, weil vielen da endgültig bewusst wurde, dass sie eine Weile ohne ihre Herzensband auskommen mussten, zum anderen, weil niemand so recht wusste, ob es einer K-Pop-Band in ihrer Größenordnung möglich ist, nach der Militärzeit im großen Stil zurückzukehren.
Mit Butter und Mic Drop folgte ein kurzer Crowdpleasing-Part – zwei Überhits der Band, die sehr gut markieren, wie unterschiedlich BTS klingen können. Hier der englische Radiohit, der sie endgültig aus der K-Pop-Bubble hinauskatapultierte, dort der toughe Rap-Song, der ihre Anfangsjahre zitiert und zugleich im Mix von Steve Aoki zum Welthit wurde.
Das große Finale
Weiter ging es mit Aliens, FYA und schließlich der Leadsingle Swim, die in Seoul im Chorus am lautesten mitgesungen wurde. Eine echte Überraschung – auf der Platte ebenso wie beim Konzert – war das bisweilen fast grungig klingende Like Animals. Diese heavy Hymne wird – ähnlich wie die Rap-Tracks – bei der kommenden Live-Tournee besonders gut funktionieren. Es folgte NORMAL, das ebenfalls recht breitkreuzig klingt, obwohl der Song sehr behutsam diese seltsame Ambivalenz ihres Idol-Lebens reflektiert: Vieles, was sich andere erträumen, ist für sie normal – „we call this shit normal“. Während die normalen, kleinen Freuden des Lebens für diese irre bekannten Menschen oft unerreichbar sind.
Das Ende der Show war dann erneutes Crowdpleasen: Mit Dynamite gab es einen weiteren Durchbruchs-Hit aus ihrer Radio-Hit-Phase, bevor dann das ARMY gewidmete Mikrokosmos aus dem Jahr 2019 für das emotionale Finale sorgte.
Was bleibt vom Comeback?
Was bleibt nun aber von dieser größtmöglichen Comeback-Aufschlag? Zunächst mal die Erkenntnis, das die neuen Songs in Kombination mit den beliebten Hits eine gute Dynamik in die kommende Welttournee bringen werden. Das Schönste an diesem Streaming-Riesen-Event waren jedoch all die kleinen Momente in und zwischen den Songs, in denen man sah, wie wohl sich BTS gerade zusammen fühlen. Seien es die euphorisierten Performances von J-Hope, V, Sugar und Jimin, die besonders herausstachen. Seien es die ehrlichen Ansagen zwischen den Songs. Seien es die Momente, in denen der Swag dieser Gang in einer gut sitzenden Choreografie explodierte. Sei es in den Witzeleien zwischen den BTS-Members, oder die Herz wärmenden Szenen der Rücksicht, wenn die sechs fitten Idols ihrem gehandicappten Leader RM zuspielten.
Das typische BTS-Mindset kam aber vor allem in einigen Bühnenansagen durch: Dann nämlich, wenn zum Beispiel Suga oder V ganz offen teilten, dass sie den immensen Druck durchaus gespürt haben – und sie eben auch nur Menschen mit Unsicherheiten und Anxieties seien, über die sie in den letzten Monaten viel gesprochen hätten. Die Blicke der anderen Bandmitglieder bei diesen Sätzen sagten dann mehr über den aktuell anscheinend sehr vertrauten Vibe in der Band, als das jede perfekt inszenierte Performance hätte erreichen können.