Am 6. Oktober 2025 meldeten sich die verbliebenen Rush-Mitglieder Geddy Lee und Alex Lifeson mit einer gut gelaunten Videobotschaft zu Wort – und die frohe Nachricht kam einer kleinen Sensation gleich. Zum ersten Mal seit dem Tod von Drum-Legende und „Professor“ Neil Peart gehen die Prog-Ikonen wieder gemeinsam auf Tour.
Denn eines steht fest: Auch wenn man Peart nicht ersetzen kann – er gilt zu Recht als einer der größten Schlagzeuger aller Zeiten –, so verdient es die Musik von Rush doch, weiterhin live aufgeführt zu werden. Da Lee und Lifeson seit jeher enge Freunde geblieben sind und in den letzten Jahren immer wieder gemeinsam Musik gemacht haben, ergibt dieser Schritt auch künstlerisch Sinn.
In ihrer Videobotschaft erklärten sie, dass vor allem die Tribute-Konzerte für den 2022 verstorbenen Foo-Fighters-Drummer Taylor Hawkins sie wieder auf den Geschmack gebracht hätten, gemeinsam auf der Bühne zu stehen.
Nun stellte sich natürlich die große Frage, wer in die riesigen Fußstapfen von Neil Peart treten sollte – und die Wahl der beiden ist eine gleichermaßen überraschende wie begeisternde. Sie fiel nämlich auf die Schlagzeugerin Anika Nilles – und die ist in Drummer- und Musikerkreisen längst eine bekannte Größe, vielen Rockfans aber noch kein Begriff. Grund genug also, einen genaueren Blick auf das Leben und die Karriere von Anika Nilles zu werfen.
Anika Nilles: Ein Umriss ihrer Biografie
Anika Nilles wurde 1983 im unterfränkischen Aschaffenburg geboren. Sie wuchs in einer musikalischen Familie auf – ihr Vater war Schlagzeuger, weitere Verwandte spielten verschiedene Instrumente. Der Kontakt zur Musik begann früh: Bereits im Kindesalter saß sie regelmäßig am Drumset, nahm Unterricht und sammelte erste Bühnenerfahrungen in Schülerbands.
Nach dem Schulabschluss entschied sich Nilles zunächst gegen eine Musikerlaufbahn und arbeitete einige Jahre in der Sozialpädagogik. Der Wunsch, sich ganz der Musik zu widmen, blieb jedoch bestehen. „Ich wusste immer, dass ich in diesem Job nicht glücklich war“, sagte Anika Nilles im Interview mit Modern Drummer. „Aber wenn man Geld verdient und sich sicher fühlt, ist es nicht leicht, einfach zu kündigen.“
Schließlich begann sie ein Studium an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, wo sie Popularmusik und Musikbusiness studierte. Das Studium verschaffte ihr nicht nur eine fundierte theoretische Basis, sondern auch ein professionelles Netzwerk, das für ihre spätere Karriere entscheidend wurde. Daneben unterrichtete sie auch viel.
Erfolgreiche YouTuberin
Ab 2013 veröffentlichte Nilles eigene Kompositionen und Drum-Videos auf YouTube, die durch ihre technische Präzision und musikalische Komplexität schnell internationale Aufmerksamkeit erlangten. Besonders die Stücke Alter Ego und Synergy gelten heute als Meilensteine ihres Schaffens und demonstrieren ihren unverwechselbaren Stil – rhythmisch anspruchsvoll, zugleich melodisch und klar strukturiert.
2017 erschien ihr Debütalbum Pikalar, eingespielt mit ihrer Band Nevell. Das Album erhielt überaus positive Kritiken in der Fachpresse und etablierte Nilles als eine der führenden Schlagzeugerinnen im Bereich Progressive Pop und Fusion. Weltweit bekannt wurde sie 2022, als sie von Jeff Beck als Tour-Schlagzeugerin engagiert wurde.
Ihre Auftritte mit Beck fanden weltweit Beachtung – nicht zuletzt, weil sie es verstand, dessen komplexe Musik mit Präzision, Energie und eigenem Ausdruck zu interpretieren. Das Engagement gilt als Wendepunkt in ihrer Karriere und öffnete ihr endgültig die Tür zur internationalen Spitzenklasse.
Neben ihrer Tätigkeit als Live- und Studio-Musikerin ist Nilles auch als Dozentin an der Popakademie Baden-Württemberg aktiv und wird regelmäßig zu internationalen Drumfestivals eingeladen. Sie arbeitet mit renommierten Marken wie Meinl, Tama, Evans und Promark zusammen und zählt heute zu den weltweit profiliertesten und einflussreichsten Schlagzeugerinnen ihrer Generation.
„Was für eine brillante Musikerin, was für ein großartiger Mensch“
„Mein Bass-Techniker Skully arbeitete mit Jeff Beck zusammen und war mit ihm auf Tour“, erzählte Geddy Lee am 5. Oktober bei einem Presseevent in der Rock and Roll Hall of Fame. „Bevor Jeff leider verstarb, war Skully mehrere Jahre mit ihm unterwegs. Auf der letzten Tour spielte er mit einer Schlagzeugerin namens Anika Nilles – einer unglaublichen Drummerin. Er kam immer zurück und schwärmte: ‚Was für eine brillante Musikerin, was für ein großartiger Mensch‘, und so weiter.“
Neugierig geworden, begann Lee zu recherchieren: „Ich habe sie mir dann angesehen – sie ist überall auf YouTube, ziemlich bekannt in ihrer eigenen musikalischen Welt. Als Alex und ich dann ernsthaft darüber sprachen, wieder gemeinsam zu spielen, meinte ich: ‚Schau sie dir an, vielleicht ist das ein interessanter Weg.‘ Und so nahm das Ganze seinen Lauf. Als wir uns schließlich entschieden hatten, wieder zu spielen, wollten wir sehen, ob es funktioniert.“
Die Reaktionen auf ihre Berufung zur neuen Rush-Schlagzeugerin sind begeistert – die Vorschusslorbeeren aber auch gewaltig. Ein YouTube-Nutzer brachte es treffend auf den Punkt: „Als würdig erachtet zu werden, Neil Peart zu beerben, ist wohl eine der größten Ehren, die ein Schlagzeuger überhaupt erhalten kann.“ Ein größerer Ritterschlag ist im Rock kaum denkbar.