Featured Image
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Ein Oscar ohne die Beatles: 1971 hängt der Haussegen schief

Im Vergleich zu vielen ihrer Kolleg:innen wirkt der Trophäenschrank der Beatles überraschend überschaubar. Unter den Bands mit den meisten Grammys belegen sie mit Ach und Krach Platz 8. Ihren einzigen Oscar erhalten die Liverpooler am 15. April 1971 – und bleiben der Verleihung demonstrativ fern.


Hier gibt's Beatles-Platten für Zuhause:

Ende der Sechziger hängt der Haussegen bei den Beatles mächtig schief. Die Produktion des „White Albums“ The Beatles (1968) entpuppt sich als Desaster, Schlagzeuger Ringo Starr verlässt sogar kurzzeitig die Band. Um wieder zusammenzufinden, beschließen die „Fab Four“, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, und ein Album zu schreiben, das sie auch live spielen können. Das Ergebnis: Let It Be, dessen Entstehung von Filmemacher Michael Lindsay-Hogg mit der Kamera begleitet wird. Am 13. Mai 1970 feiert sein Dokumentarstreifen (ebenfalls Let It Be) Premiere und zeigt eine Band, die ihre anfängliche Leichtigkeit nahezu verloren zu haben scheint. Doch der Film und die Songs darin imponieren – so sehr, dass die Beatles für den Soundtrack einen Oscar erhalten. 

Die Beatles gewinnen ihren einzigen Oscar – ohne einen einzigen Beatle

Tatsächlich stehen die Liverpooler damals noch ohne Oscar da, obwohl sie bereits mehrere Filme veröffentlicht haben. Für A Hard Day’s Night waren bloß Produzent George Martin und Drehbuchautor Alun Owen für je eine der goldenen Statuen nominiert worden, gingen bei der Preisverleihung aber leer aus. Martin musste sich gegen die Musik zu My Fair Lady von André Previn geschlagen geben; und die Trophäe für das beste Drehbuch ging an Father Goose, geschrieben von S.H. Barnett, Peter Stone und Frank Tarloff. Doch bei den Oscars am 15. April 1971 ist die Zeit der Beatles gekommen: Sie erhalten den Academy Award, wie die Oscars offiziell heißen, für den „Best Music Original Song Score“ – doch keiner von ihnen ist da.


„Ihr solltet kommen“, versucht Produzent und Komponist Quincy Jones im Vorfeld der Verleihung auf Beatle Paul McCartney einzureden. Jones leitet 1971 zum ersten Mal das Orchester bei den Academy Awards und denkt, dass die Chancen der Briten auf eine Nominierung und die Trophäe hoch sind. Doch McCartneys Meinung steht fest: Er wird der Preisverleihung fernbleiben, genau wie die drei anderen Beatles. Als es soweit ist und die Gewinner in der Kategorie „Best Music Original Song Score“ tatsächlich John, Paul, George und Ringo heißen, fehlt von den vier Beatles jede Spur. Stattdessen betritt Quincy Jones die Bühne und nimmt den Oscar im Namen der Band entgegen. „Jetzt muss ich aber wieder zurück zum Orchester“, erklärt er nach seiner kurzen Dankesrede.

Die größte Band der Welt liegt in Trümmern

So richtig offenbart sich erst im Jahr 2021, warum die Beatles damals kein Interesse an ihrem Oscar zeigen. Nachdem der Dokumentarfilm Let It Be jahrzehntelang in den Archiven verschwunden war, nimmt sich Der Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson dem Material rund 50 Jahre später noch einmal an, sichtet zusätzlich zum fertigen Film mehr als 50 Stunden Bild- und 140 Stunden Audiomaterial, und schneidet daraus eine neue 468-minütige Doku namens Get Back. Darin ist nicht nur die Entstehung von Let It Be zu sehen, sondern auch die mehr als nur belastete Stimmung innerhalb der Band. So geraten Paul McCartney und John Lennon immer wieder mit Gitarrist George Harrison aneinander, was sogar für dessen kurzfristigen Ausstieg aus der Gruppe sorgt.


Obschon George Harrison wenige Tage später wieder zu den Beatles zurückkehrt, kann sein Wiedereinstieg nur kurzfristig darüber hinwegtäuschen, dass die Band nicht mehr auf einen Nenner kommt. Am 20. September 1969 lässt John Lennon seine Bandkollegen wissen, dass er aus der Gruppe aussteigt. Im April 1970 gibt Paul McCartney öffentlich bekannt, dass er den Beatles ebenfalls den Rücken kehrt. Kein Wunder also, dass die vier Liverpooler herzlich wenig Lust dazu haben, einige Monate später auf einer Preisverleihung so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Bis zur offiziellen Auflösung der „Fab Four“ dauert es aus rechtlichen Gründen noch bis 1974. Wo der einzige Oscar der Gruppe heute steht, ist nicht überliefert.

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!