Ellur im Interview: „Wenn ich live spiele, kann ich gar nicht glauben, dass die Welt so gespalten ist“
popkultur09.02.26
Sie zählt zu den heißesten Newcomerinnen Großbritanniens: Ellur. Auf ihre nordenglische Art kombiniert sie Bandliebe mit großen Popmelodien und kreiert auf ihrem Debütalbum At Home In My Mind ein Spannungsfeld zwischen akustischen und elektronischen Momenten. Im Interview erzählt Ellur mehr über die magischen Momente ihrer Musikkarriere, über Zuhause und selbstgemachte Spitzendeckchen.
Wer letztes Jahr auf dem Reeperbahn Festival einen Blick auf Ellur erhaschen konnte, wird sich dieses Debütalbum mit Rotstift in den Kalender eingetragen haben. Denn ihre Songs bringen stoischen Pop mit Indie-Bandliebe zusammen und tänzeln über die Fußstapfen, die Amy McDonald und Sam Fender hinterlassen – doch unterm Arm trägt Ellur zusätzlich noch satte Synthesizer, die sie sich bei The 1975 gemopst hat. Mit unbändiger Energie treibt sie große Refrains voran und schlägt mit hartem Strumming in die Saiten ihrer Gitarre. Die Musikerin aus dem Norden Englands steckt voller Humor und Hingabe – was sie ganz direkt in ihr Debüt At Home In My Mind fließen lässt.
Zuhause ist überall
Dabei klingt das Album wie ein beständiges Tauziehen mit sich selbst. An einem Ende stehen all ihre Macken, die sie in den Wahnsinn treiben, auf der anderen Seite ringt die verständnisvolle Akzeptanz darum, sich endlich durchzusetzen. Ihre Gedankenwelt beschreibt sie in den Songs, dem Titel At Home In My Mind zum Trotz, nicht immer als einen Ort, an dem sie sich wohl fühlt. Was zu Hause überhaupt für sie bedeutet, wollen wir von Ellur wissen, die auf einer Couch sitzt, im Hintergrund eine Wand voller Familienbilder. „Zuhause muss dort sein, wo man sich gerade befindet, egal ob man in einem Hotelzimmer auf Tour ist oder in seinem eigenen Haus“, sagt sie, während sie in just diesem Moment besonders verwurzelt in ihren vier Wänden sitzt. „Für mich bedeutet Zuhause, sich wohl und sicher zu fühlen. Solange ich mich wohl und sicher fühle, ist es mir eigentlich egal, wo ich mich geografisch befinde, aber es ist ein Prozess, denn an manchen Tagen fühle ich mich in mir selbst wirklich unsicher.“
Schluss mit den Oasis-Cover-Songs
Der Sound ihrer Heimat ist tief in der Klang-DNA der Musikerin verwurzelt. Erste musikalische Gehversuche machte sie in den Pubs Großbritanniens. Ihr Vater unterstützte sie dabei an der Gitarre, und sie erzählt, dass er auch heute manchmal einspringe, wenn Ellurs Band nicht vollständig sei. Eine Erfahrung, die einen schnell auf den Boden der Tatsachen holt und die glamourösen Träume vom Musiker:innen-Lifestyle in ein harsches Licht rückt. Doch obwohl die kleinen Gigs sich finanziell gelohnt hatten, wollte Ellur irgendwann mehr, als zum hundertsten Mal ein Oasis-Cover in einem Raum zu spielen, in dem sich alle unterhalten und niemand so ganz zuhört. „Es war meine Zeit nicht mehr wert, meine Wochenenden mit Covern zu vergeuden, anstatt meine eigene Musik zu machen und Gigs zu spielen, die zwar weniger zahlen, aber mit denen ich in meine eigene Karriere investiere“, erklärt Ellur. Die vielen Jahre in den Ecken von Bars haben sie jedoch zu einer fantastischen Live-Musikerin gemacht, die auch als Opening Act sowohl von Robbie Williams als auch von Kate Nash und Blossoms nicht ins Schwitzen gerät.
Sie liebt es, auf der Bühne zu stehen – auch, weil es ihr Hoffnung gibt. „Wenn ich live spiele, kann ich gar nicht glauben, dass die Welt so gespalten ist. Wenn man in einem Raum mit hundert, zweihundert oder tausend Menschen steht und alle gemeinsam dasselbe Lied singen, kann man sich umschauen und sich fragen, wie gespalten wir wirklich sein können, wenn so viele Menschen ähnliche Erfahrungen und die gleichen Gefühle teilen. Musik ist etwas, das uns vereinen kann“, sagt Ellur. Obwohl ihr Album mit dem Song God Help Me Now beginnt, beschreibt Ellur sich selbst als Agnostikerin. „Das Erschaffen von Musik ist zu einer Art Spiritualität und Religion geworden. Das Schreiben und das Schaffen haben etwas wirklich Magisches an sich, und ich habe das Gefühl, dass ich durch den kreativen Prozess irgendwie herausgefunden habe, dass es da draußen noch etwas anderes gibt“, erklärt Ellur.
Ein Umfeld, das an sie glaubt
Mittlerweile hat Ellur die kleinen Pubs hinter sich gelassen. Zu ihren Karriere-Highlights zählt sicherlich der Auftritt beim Leeds Festival. Auf Bildern des Festivalauftritts kann man Ellur in einem Spitzentop mit roten Schleifen sehen. Ihre Mutter hat es für sie genäht. „Die Oma meines Freundes hatte mir eine riesige Kiste mit handgefertigter, alter Spitze gegeben, und meine Mutter und ich haben uns zusammengesetzt und dieses Outfit genäht“, erklärt Ellur stolz. Die Liebe für ihr Umfeld und auch für die kleinen Dinge, die ihr Halt und Zuversicht geben, sprießen nur so aus ihr heraus. Auch in ihren Lyrics lässt sie oft Platz für kleine Symbole, die ihr soziales Leben greifbar machen. „Ich beziehe immer so viel wie möglich meine Familie und meine Lieben in diesen Prozess mit ein, weil sie wissen, wie viel mir das bedeutet, und alle unterstützen mich sehr. Niemand aus meinem engen Umfeld hat jemals daran gezweifelt, was ich tue“, erzählt Ellur dankbar. Und gemeinsam sind sie dem Traum mit dem Release der Single Dream Of Mine nähergekommen. Im Intro mischt sich eine E-Gitarre, die klanglich einem Saxophon nahekommt, mit einem stetigen Auf und Ab einer warmen Akustikgitarre. Dazu singt Ellur verträumt eine eingängige Melodie darüber, dass so ein großer Traum auch mit einem Preis verbunden ist.
„Der Song hat seine ganz eigene Reise und Geschichte“, lacht die Musikerin. In dem Song besingt Ellur, dass sie für die Musikkarriere auch Dinge zurücklassen muss. „Seitdem der Song herauskam, hat er meine Aufmerksamkeit wirklich auf den gegenwärtigen Moment gelenkt und mir bewusst gemacht, dass mein Traum buchstäblich jetzt gerade ist und dass ich es tue: dass ich Musikerin von Beruf bin.“ Ellur strahlt über das ganze Gesicht. Auf dem Album findet man immer wieder Songs, die scheinbar aufeinander Bezug nehmen. Der letzte Titel des Albums, Knowing, ist ganz reduziert, nur an der Akustikgitarre. Es ist wie ein Blick hinter den Vorhang, den uns dieser minimalistische Titel gewährt.
Ein Blick hinter die Kulissen
Schon der Song Desintegrate hat Ellurs Schreibprozess auf eine ganz andere Art und Weise transparent gemacht. Der Titel sticht auf dem sehr handgemachten Album hervor, indem er sich um eine Drummachine aufbaut. Er klingt dadurch nicht weniger intim, denn die meisten Songs, die Ellur schreibt, entstehen genauso: Nur sie, wie sie im Produktionsprogramm Logic vor sich hinbastelt. „Es gibt ein paar Songs auf dem Album, bei denen die Produktionsideen direkt aus meinen Demos stammen“, beschreibt Ellur. Zum Ende des Titels mischen sich dann aber doch erneut schwere Drums in den Titel, die Songstruktur verschiebt sich und holt den Titel wieder zurück in den Band-Sound, der das Album dominiert.
Knowing hingegen bleibt in den ruhigen Gefilden, nur eine Violine mischt sich später zu dem Song hinzu. Ellur beschreibt den Moment im Studio: „Wir haben ohne Klick oder Metronom aufgenommen, also haben wir einfach ein paar Takes gemacht, nur ich, der Gesang und die Gitarre, alles gleichzeitig aufgenommen, und dann hat Chloe Hayward die Violinstimme darüber gespielt.“ In einem wippenden Dreiertakt schaukelt sich der Song wie ein schweres Boot von einer Seite zur anderen. Ellur singt hier so nah am Mikrofon und so dumpf, dass ihre Stimme manchmal zu brechen droht. Dann geht sie wieder in ihre Kopfstimme. „Ich bin im Norden Englands aufgewachsen und diese Art von Folk-Sound und diese Bewegung der Geige am Ende des Songs, fühlen sich einfach wie meine Wurzeln an.“ Wenn man zu diesem finalen Titel die Augen schließt, dann kann man sie sehen: Ellur in einer Ecke eines Pubs, in dem reges Gemurmel herrscht, wie sie sich mit der Violine im Rücken und der Gitarre in der Hand Hals über Kopf in das Musikmachen verliebt.