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Foto: Jonathan Weiner

Interview mit Taylor Acorn: „Ich habe immer das Gefühl, dass meine Musik für mich vor allem Therapie ist.“

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Wer auf TikTok auch nur ein bisschen an der Pop-Punk-/Emo-Bubble kratzt, hat mit 99-prozentiger Sicherheit schon einmal ein Video von Taylor Acorn gesehen. Die Singer-Songwriterin aus Nashville vereint die klassischen Pop-Punk-Vibes mit nachdenklichen Themen wie Coming of Age, mentale Gesundheit und zwischenmenschliche Beziehungen. Gerade ist sie mit den Pop-Punk-Darlings All Time Low auf Tour. Wir haben sie in Hamburg getroffen, um mit ihr über ihr aktuelles Album Poster Child und ihre musikalischen Einflüsse zu sprechen.

Poster Child ist Taylor Acorns zweites Album und folgt klanglich dem Vorgänger Certified Depressant. Jetzt dürfen sich Fans aber über mehr Tracks freuen. Außerdem gibt’s neben den beliebten Mitsing-Hooks, die schon Songs wie I Think I’m In Love auf dem Debüt in den Mix einbrachten, hier und da einen leichten Pop-Einschlag. Dennoch trägt das Album eine klare Pop-Punk-Signatur – mit Palm-Muting, energetischen Drums und starken Hooks, die von Taylors Stimme präsent und kraftvoll platziert werden. Jeder Belt, auch in schwindelerregenden Höhen, sitzt!

Sagen, was gesagt werden muss

Für den Nachfolger hat sich Taylor Acorn mehr Zeit genommen als für das Erstlingswerk, hat bewusst nach zwei Jahren Touring kurz Luft geholt und Bestandsaufnahme gemacht: Was ist in den letzten Jahren eigentlich passiert – beruflich wie persönlich? Was hat sich verändert und was ist geblieben? Es gab eine Menge zu sagen: Dinge und Themen, die an die Oberfläche kamen und auf Papier gebracht werden wollten.


Eine weitere Neuerung war, dass Taylor einige der Songs erst einmal alleine schrieb und dann in Sessions mit ihrem Team finalisierte. Alles begann mit dem titelgebenden Track Poster Child. Nur sie und ihre Gitarre, wie zuletzt als Country-Artist zu Beginn ihrer Karriere. Zur Finalisierung der Songs holte sie sich dann ihren langjährigen Begleiter Dan Swank und ihre beste Freundin Emma White ins Boot. Wie sie erklärt, entstanden dann in gemeinsamen Sessions und einem ganz organischen Prozess die zwölf Songs für das Album.

Taylor Acorn: Songwriting als Therapie

Das Ganze war für Taylor Acorn auch eine therapeutische Erfahrung. Sie sagt: „Aber ich habe immer das Gefühl, dass meine Musik für mich vor allem Therapie ist.“ Die Sängerin spricht in ihren Songs ganz offen über Beziehungs-Struggles und ihre persönlichen Themen. Sie berichtet selbst, sie hatte eine Menge zu sagen, was raus in die Welt wollte. So spricht sie in Home Videos beispielsweise über den frühen Verlust ihres Vaters und den Wunsch, noch einmal in der Zeit zurückreisen zu können, um noch einmal diese kindliche Leichtigkeit spüren zu können. In Poster Child geht es darum, sich immer wieder selbst im Weg zu stehen – und damit auch auf die Menschen, die einen am Nächsten stehen, und die Beziehung zu ihnen Einfluss zu nehmen.

Auf die Frage, ob es ihr schwerfällt, derart intime Gedanken zuerst in Songwriting-Sessions und dann später mit der ganzen Welt zu teilen, unterscheidet sie zwischen Songwriting und Performing. Beim Songwriting, so Taylor, hat sie mit ihrem Team einen absoluten Safe Space kreiert, in dem sie sich öffnen und ihre innersten Gedanken teilen kann. Songwriting ist für die Musikerin auch immer therapeutisch, ein Auf- und Verarbeiten von Erlebtem; das Verwandeln von Ungesagtem in Lyrics. Und da ist ein Safe Space mit Menschen, die einem am Herzen liegen und denen man vertraut, natürlich Gold wert.

Vom Safe Space in die Welt

Wenn es dann ans Teilen mit der ganzen Welt geht, so hofft Taylor, dass sich die Leute mit ihren Songs identifizieren können und sie somit ein Teil ihrer Story wird – etwas, das sie durch den Tag bringt und ihnen genauso durchs Leben hilft, wie es Taylor geholfen hat, diese Songs im ersten Schritt zu schreiben. Das bedeutet aber nicht, dass es sich für sie nicht doch ein wenig befremdlich anfühlt, so viele Leute in ihre innerste Gedankenwelt zu lassen. Aber, so sagt sie, ab einem gewissen Punkt lässt sie sämtliche Gedanken diesbezüglich einfach los und gehen.


Obwohl sie eine absolute Perfektionistin ist (typisch für das Sternzeichen Jungfrau, sagt sie), fällt es ihr doch leicht, Songs zu finalisieren und loszulassen. Für sie sei es eher wichtig, dass man gegebenenfalls sogar kleine Unperfektheiten hören kann, als dass die Songs zu sehr bearbeitet und verändert werden. Sie sagt: „Wenn es sich richtig anfühlt, spüren das andere Menschen auch und bauen eine Verbindung dazu auf.“


Das habe sie auch bei ihren musikalischen Vorbildern immer geschätzt. Wo wir gerade bei Vorbildern sind: Da zählt Taylor das Who is Who der späten 90er Alternative-/Post-Grunge- Pop-Rock-Liga auf: The Verve Pipe, Vertical Horizon, Michelle Branch, Alanis Morissette, Counting Crows. Noch heute ist sie von den Songs inspiriert, noch heute resonieren die Texte und Themen mit ihr. Das begleitet sie auch in ihrer musikalischen Arbeit – mit einem eigenen Twist.

Ein Full Circle Moment six years in the making

Apropos eigener Twist: Vor nunmehr sechs Jahren lud Taylor Acorn auf Instagram ein Cover des All-Time-Low-Fan-Favorites Remembering Sunday hoch. Auf der aktuellen Tour spielt sie den Song Abend für Abend an Seite der Band in deren Set. Für sie ein absoluter Full Circle Moment: Zum Zeitpunkt des Covers schob sie Schichten in drei Jobs, um sich neben dem Musikmachen über Wasser zu halten und ihre Karriere zu finanzieren. Damals hat sie noch Country gemacht und hatte keine Ahnung davon, dass sie kurze Zeit später als Opening Act mit All Time Low die Welt bereisen und on top jeden Abend die Bühne teilen würde.


Ans Pause machen und Durchatmen ist für Taylor jetzt aber erst einmal nicht zu denken: Nach dem European Leg der Tour geht’s nach Australien und im April kommt sie zurück auf ihre erste eigene Europa-Tour. Die Dates stehen schon:

Pop-Punk’s not dead

Und so beweist Taylor Acorn, dass Pop-Punk auch 2026 noch einen wohlverdienten Platz am Genre-Tisch hat und eigentlich nie weg war, auch wenn seit der Peak-Phase von Emo & Co. schon ein wenig Zeit ins Land gegangen ist. Acts wie sie zeigen, dass die Pop-Punk-Geschichte noch lange nicht auserzählt ist und man ihr immer mal wieder einen neuen Höhepunkt verleihen kann. Das zeigt auch die Live-Show: Gemeinsam mit ihrem Gitarristen und Drummer füllt sie die halbe Stunde Set mit unglaublich viel Energie, heizt dem Publikum ein, nimmt es mit durch ihre Songs. Am Ende steht man vor der Bühne und nimmt sich fest vor, die Songs in die ein oder andere Playlist zu packen und/oder die Lyrics nochmal genauer zu studieren.

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