Was passiert, wenn ein Popstar auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs realisiert, dass es nicht immer so bleibt? The Moment von Charli xcx entwirft ein alternatives Ende des brat-Summers und zeigt, dass kulturelle Relevanz nicht daran scheitert, zu verschwinden, sondern daran, zu lange zu bleiben.
Im April 2025 postete Charli xcx ein TikTok, das sich wie eine Beichte aus dem Auge des Sturms anfühlte. Fast ein Jahr nach dem Release ihres epochalen Albums brat philosophierte sie über die Halbwertszeit von Kultur: „Es ist wirklich schwer, brat loszulassen. Diese Sache, die so sehr ich ist, dass sie mein ganzes Leben geworden ist“, sagte sie. Sie sprach über Übersättigung und die Gefahr, zu lange zu bleiben. Doch dann folgte dieser eine Satz, der noch mehr zu versprechen schien: „Ich interessiere mich für die Spannung, die entsteht, wenn man zu lange bleibt. Ich finde das faszinierend.“
Erfolg als Falle
Mit der A24-Mockumentary The Moment liefert Charli nun die filmische Antwort auf genau diesen Drang. Doch wer eine feierliche Retrospektive über die neongrüne Ära erwartet hat, wird enttäuscht: Der Film ist keine Hommage an den brat-Summer, sondern dessen dystopischer Gegenentwurf. Statt die Ära als popkulturellen Befreiungsschlag zu zementieren, entwirft The Moment ein alternatives Ende, in dem Erfolg nicht zur Krönung wird, sondern zur Falle.
Die Mockumentary zeigt Charli xcx im Herbst 2024 auf dem kommerziellen Höhepunkt ihrer brat-Ära, während sie gleichzeitig versucht, sich auf ihre bevorstehende Arena-Tour vorzubereiten und ihre künstlerische Vision in eine Liveshow zu übersetzen. Doch ihr Label hält sie mit lukrativen Brand-Deals und einer von Amazon Music produzierten Konzertdoku im Promo-Zyklus fest, wodurch zunehmend externe Akteur:innen die kreative Kontrolle über die Tour übernehmen. In dieser fiktionalen Welt endet brat nicht als kollektives Empowerment, sondern als Content-Strategie: ein von Sponsorenverträgen und Markenlogik zersetztes Projekt, das gezwungen wird, über seinen natürlichen Lebenszyklus hinaus zu bestehen.
brat ohne Ende:
Relevanz wird skaliert
Der von Alexander Skarsgård gespielte fiktive Regisseur Johannes Godwin fungiert dabei als Antagonist und als strukturelle Konsequenz dieses Erfolgs. Seine Versuche, das ursprüngliche, club-orientierte Chaos von brat in eine massentaugliche Pop-Erzählung zu übersetzen, stehen sinnbildlich für eine Industrie, die kulturelle Relevanz nicht konservieren, sondern skalieren will. Dabei verkörpert er eine zutiefst vertraute Form struktureller Misogynie innerhalb der Musikbranche: Er versucht, Charlis Vision in eine massentaugliche, geradlinige Form zu pressen, spricht wiederholt über die Frauen in ihrem Team hinweg und ersetzt künstlerische Integrität durch das effizientere Versprechen verwertbarer Produktionsabläufe. Schritt für Schritt wird Charlis ursprüngliche Vision durch eine Version ersetzt, die nicht mehr auf Gemeinschaft, sondern auf Verwertbarkeit abzielt.
Am radikalsten verdichtet sich diese Logik in einem fiktiven Kreditkarten-Deal, der gezielt an ihre Fanbase vermarktet wird. Was einst als ästhetische und soziale Bewegung begann, wird zur Finanztransaktion, das brat-Gefühl zum Produkt. Als der Deal außer Kontrolle gerät und ein massiver Backlash einsetzt, verliert diese Filmversion von Charli zunehmend die Kontrolle über ihr eigenes Narrativ und holt sie durch ihren Selbstverkauf dennoch ein Stück zurück.
Selbstreflexion statt Selbstvermarktung
Neue Narrative eröffnet The Moment dabei kaum. Vielmehr wirkt der Film wie eine kritische Selbstreflexion, ein notwendiges Outlet, durch das Charli eine mögliche Version ihrer selbst überhaupt erst durchspielen musste. Ironischerweise geschieht das ausgerechnet in einem Moment, in dem sie öffentlich darüber nachdachte, „kommerzieller“ werden zu müssen, obwohl brat ihr bislang größter kommerzieller Erfolg ist. The Moment inszeniert so eine Charli, die von den Mechanismen des Marktes verschluckt wird und ein alternatives Ende des brat-Summers erlebt, damit die reale Künstlerin das Album letztlich für sich selbst sprechen lassen kann.
Kontrolle durch Verlust
The Moment zeigt also eine Künstlerin, die nicht aus Gier, sondern aus Erschöpfung bleibt und sich gerade dadurch von den Dingen entfernt, die ihre Arbeit ursprünglich definiert haben. In der Logik des Films verkauft sich diese Version von Charli am Ende bewusst selbst, im Glauben, dem Druck entkommen zu können, die brat-Narrative weiter aufrechtzuerhalten und der Ära damit endgültig ein Ende zu setzen. Sie hofft, dass ein kontrollierter Absturz ihr den Ausweg bietet, den der Erfolg ihr verwehrt. Wer tief in der brat-Ära verankert war und vom neongrünen Trend vereinnahmt wurde, wird auch diese Entscheidung weniger als Scheitern, sondern eher als Fluchtversuch lesen. Indem Charli ihren fiktiven Selbstverkauf so kompromisslos inszeniert, bleibt die reale Integrität ihres Werks unangetastet. Hier macht sie das, was sie in Wahrheit fürchtet: Sie bleibt zu lange auf der Party, aber nur, um sicherzustellen, dass sie selbst entscheidet, wann das Ganze hier abbrennt.