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Foto: Sonny McCartney, MPL Communications_PMC

Review: „The Boys Of Dungeon Lane“ ist das große Nostalgiewerk des Sir Paul McCartney

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Paul McCartney wird im Juni 84 Jahre alt. Auf seinem beeindruckenden Spätwerk The Boys Of Dungeon Lane blickt er zurück auf seine Kindheit, seine Anfänge, seine Freundschaft mit John Lennon – und spielt wie bei seiner ersten Soloplatte fast alles im Alleingang ein. Das Ergebnis ist großartig, bewegend, voller feinem Humor – und durch und durch Macca.

Zu beweisen hat Paul McCartney schon seit Jahrzehnten nichts mehr. Für uns zumindest. Macca selbst sieht das wohl anders. Das war damals so, nach dem Ende der Beatles, als er verzweifelt nach einem neuen künstlerischen Ausdruck suchte und sein erstes Soloalbum fern der Welt allein einspielte. Das war mit den Wings so, mit denen ihm tatsächlich ein zweiter ganz großer Wurf gelang. Und das ist auch noch heute so, mit knapp 84 Jahren. Paul McCartney hat vielleicht alles erreicht. Aber noch immer nicht alles gesagt.

The Boys Of Dungeon Lane im Circle Store:

Märchenstunde mit dem Großvater

Also hat er ein neues Album aufgenommen. Ein Album, das anders ist als alles, was er bisher gemacht hat. Und dennoch die pure Essenz seines Schaffens ist, seiner Musik, seines Humors, seiner Narrative, die er vergnüglich, melancholisch, nostalgisch, entrückt seit über 60 Jahren spinnt. The Boys Of Dungeon Lane könnte sein letztes Album sein. Das war ihm im Entstehungsprozess sehr wahrscheinlich bewusst. Anders sind bestimmte Auffälligkeiten nicht zu erklären: Wie sein Solodebüt McCartney hat er das Gros aller Instrumente auf The Boys Of Dungeon Lane eingespielt, womit sich ein Kreis schließt. Zudem sind die Themen nicht ganz zufällig aus dem großen Gemischtwarenladen seiner eigenen Geschichte herausgefischt.

Um es kurz zu machen: Paul McCartney blickt auf sein gesamtes Leben zurück. Und dabei bleibt wirklich kein Auge trocken. Nun ist so ein Nostalgiealbum voller Fallstricke und Gefahren. Es kann schnell pathetisch werden, in Selbstliebe oder eine allzu egozentrische Nabelschau verfallen. Gönnt sich McCartney auch, aber nur in derart geringen Dosen, dass man es ihm mühelos verzeiht. Ein wenig ist dieses Album also wie die abendliche Märchenstunde mit dem Großvater, bevor die Enkel ins Bett müssen. Nur dass dieser Großvater in der besten und größten Bands aller Zeiten gespielt hat. Und deswegen ganz andere Geschichten erzählen kann.

Vom Aussterben bedroht, aber quicklebendig

Sein erstes Album seit sechs Jahren erzählt bewegend und mit einem leichten Schmunzeln von seiner Kindheit und Jugend in Liverpool, davon, wie das alles anfing mit der Musik. Benannt nach einer Straße im Stadtteil Speke von Liverpool, geht es tief hinein in Maccas Kinderstube. Am rührendsten ist das zweifellos in Salesman Saint, ein Lied über seine Eltern, die beide sehr hart arbeiten mussten und ihm dennoch ein liebevolles Zuhause boten. Auch hier ist die Gefahr, in Kitsch zu verfallen, da. Doch McCartney umschifft sie mit einer wunderschönen Ballade, die dezent an Golden Slumbers von den Beatles erinnert.

Obwohl es an die Vergangenheit anknüpft, ist das Beeindruckendste an The Boys Of Dungeon Lane am Ende aber eben doch, wie frisch es klingt, während er zwischen zarten Akustikballaden (der zu Tränen rührenden Lead-Single Days We Left Behind über Lennon), Wings-mäßigem Arena-Rock (Come Inside) und schwärmerischem Orchester-Pop (Momma Gets By) changiert wie zu Zeiten des weißen Albums. Co-produziert hat das Ganze übrigens Andrew Watt. Der saß auch für die neue Stones hinter den Reglern und sorgt also dafür, dass die Dinosaurier 2026 zwar vom Aussterben bedroht, aber derzeit noch äußerst lebendig sind. Genießen wir die Zeit mit ihnen. Wer weiß, wie lange wir sie noch haben.

Das Vierspurgerät von A Day In The Life

Zumal dieser Dinosaurier hier in selten guter Form ist, was bestimmt auch am 35-jährigen Produzentenphänomen liegt. Voller Ehrfurcht vor seinem Helden trieb Watt das Projekt voran und nahm das elegische We Two tatsächlich auf genau demselben Studer-Vierspurgerät auf, mit dem die Beatles einst A Day In The Life geschaffen hatten, den besten Popsong aller Zeiten. Und genau so ein Album ist The Boys Of Dungeon Lane: voller Easter Eggs für Beatles-Ultras und Macca-Fans, die 63 Jahre nach dem ersten Beatles-Album immer noch neue Geschichten von ihrem Helden serviert bekommen – mit einer veränderten und älteren, aber immer noch unverkennbar ikonischen Stimme. Selbst Platz für echte Weltpremieren gibt es auf seiner 20. Soloplatte: Home To Us ist doch tatsächlich sein allererstes Duett mit Ringo Starr. Gemeinsam besingen sie, was sonst, ihre raue Heimatstadt.

War’s das? Vielleicht. Aber wenn, dann geht Paul McCartney aufrecht, in großer Form und mit diesem seligen Lächeln eines Menschen, der alles aus dem Leben herausgepresst hat.

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