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Vor 20 Jahren veröffentlichen Tool die donnernden Hymnen von 10,000 Days. Die Intelligenzbestie unter den Alternative-Metal-Alben sollte für 13 Jahre ihr letztes Album sein.
Hier gibt’s Tool auf Vinyl:
Hätten wir damals gewusst, wie lange wir danach auf ein weiteres Tool-Album warten müssen, hätten wir 10,000 Days wahrscheinlich noch mehr sakrale Verehrung und unterwürfigste Ergriffenheit entgegengebracht als sowieso schon. Denn was Tool auf ihrem vierten Album abfackeln, ist nicht weniger als das vielleicht größte Paradoxon der Heavy-Metal-Geschichte: ein Album, so wahnwitzig musikalisch, progressiv und intelligent – und doch auf einem Major-Label veröffentlicht. Und doch ein Flug aus dem Stand auf die Eins der US-Charts. Und doch mit haufenweise Edelmetall überschüttet.
Wie das geht? Das wissen wohl nur Tool. Und um das zu verstehen, muss man natürlich zurückreisen in die mythische Vergangenheit dieser Band. Mit nur fünf Alben erspielen sich Tool den Ruf als einer der wichtigsten, innovativsten, visionärsten und besten Metal-Bands der Welt. In den frühen Neunzigern noch ruppig, düster, knüppelhart, wird ihr Sound später offener, komplexer, kosmischer und experimenteller. Mit Ænima schreiben sie 1996 die Spielregeln des Genres völlig neu, mit Lateralus veröffentlichen sie 2001 eines der besten Alben der Musikgeschichte.
Tool sind ein Enigma
Die Pausen zwischen ihren Werken sind schon damals immer recht lang, die Band aus Los Angeles nimmt sich von Anfang an Zeit für ihr düsteres Narrativ zwischen Alternative Metal, Prog und Post Rock, zwischen King Crimson und den Melvins. Deswegen dauert es auch nach Lateralus fünf weitere Jahre, bis mit 10,000 Days ein weiteres Studioalbum erscheint. Die Zeit dazwischen: wie immer ein Enigma. Die Band ist verschlossen, man weiß wenig bis gar nichts über das Privatleben der Mitglieder, die Lyrics sind eher ein Geheimcode und werden eigentlich nie abgedruckt.
Mit nur einem Besetzungswechsel in 36 Jahren walzen Tool weiterhin über alle Konventionen und Regeln des Metal-Geschäfts hinweg und nehmen zwischen August und Dezember 2005 im kalifornischen Burbank neue Musik auf. Neue Musik, die wie immer Grenzen sprengen und Wahrheiten in Frage stellen soll. Das spiegelt sich schon in der Art und Weise, in der Tool ein Album aufnehmen. Gitarrist Adam Jones etwa verwendet ein „Pipe-Bomb-Mikrofon“, also einen Gitarren-Tonabnehmer, der in einem Messingzylinder montiert ist, und Schlagzeuger Danny Carey experimentiert trotz des zupackenden und harten Grundsounds auch mit E-Drums.
Auf der Umlaufbahn von Saturn
Bevor es ins Studio geht, feilen Tool wie besessen an den neuen Songs – allerdings ohne ihren Frontmann Maynard James Keenan, der damals gerade mit A Perfect Circle auf Tour ist. Jeden Tag sind die restlichen Mitglieder Danny Carey, Adam Jones und Justin Chancellor vier Stunden im Proberaum, um als Trio an den Songs zu arbeiten. Mit Keenan ist die Band ab dem Sommer wieder vollzählig. Insgesamt entstehen in Burbank elf Songs mit einer Laufzeit von über 75 Minuten, die auffällig härter und druckvoller sind als die von Lateralus. Daran ist die Avantgarde-Metal-Band Fantômas schuld, die Tool vor dem Schreiben der neuen Songs mal mit auf Tournee nehmen.
„Mike Patton und Dave Lombardo – diese Jungs haben einen großen, starken Einfluss auf uns“, sagt Carey über den Einfluss von Fantômas. „Und die meisten Termine unserer letzten Tour haben wir mit Meshuggah gespielt. Die sind unglaublich heavy, es war also ein echter Kick, mit ihnen zu spielen.“ Bei aller wiederentdeckten Lust an Härte und Donnergrollen ist Tool natürlich nicht ihr Händchen für Wahnwitz und ihre Lust an intelligenter Dunkelheit abhandengekommen. Wie alles in ihrem Schaffen, steckt auch 10,000 Days voller Schönheit, Herzschmerz und Triumph. Auch Album vier zeigt ein Maß an handwerklichem Können und Virtuosität, das im Metal schlicht seinesgleichen sucht. Und natürlich ist es dann auch schon wieder irgendwie bezeichnend, dass sich Maynard James Keenan ausgerechnet auf einem deutlich härteren Album deutlich nahbarer und verletzlicher zeigt denn je: Der Albumtitel und der Titelsong beziehen sich auf die Umlaufbahn des Platenen Saturn, aber auch auf die 27 Jahre, in denen seine Mutter an den Folgen eines Schlaganfalls litt, bis zu ihrem Tod im Jahr 2003.
Zurück in den Schoß der Unterwelt
Dass 10,000 Days in manchen Kritiken deutlich weniger gut wegkam als die Vorgänger, wirkt insbesondere aus heutiger Sicht wie eine Farce. Wie so oft, braucht auch dieses Werk einfach seine Zeit, um es in seiner erhabenen Größe und entsetzlichen Tiefe zu erfassen. Der Erfolg blieb hingegen auch diesmal nicht aus. Das Album verkaufte sich in der ersten Woche in den USA 564.000 Mal, noch vor dem offiziellen Release ging es für Tool auf Tour. Mit einem Auftritt bei Coachella startet ihre US-Tour, später geht es für die Band nach Australien und Neuseeland, im Jahr darauf ging die Tournee weiter.
Dann, ebenso glazial und geheimnisvoll, wie sie sich wieder zurückgemeldet haben, verschwinden Tool wieder, tauchen 2009 noch mal mit einer Tournee auf und begeben sich dann wieder in den Schoß jener seltsamen Unterwelt, die die Welt mit einzigartiger, verstörender, reinigender Musik nährt. 13 Jahre wird es dauern, bis sie danach mit Fear Inoculum wieder ein neues Album veröffentlichen. Und damit wieder auf ganzer Linie begeistern, verblüffen, verwirren. Wie immer also.