„Hermoso“: Benny Blancos späte, aber gelungene Liebeserklärung an die spanischsprachige Musik

Benny Blanco
Foto: Interscope Records
Bitte Zählermarke einfügen

Es gibt Popmusiker:innen, die man ständig hört, ohne ihre Namen zu kennen. Benny Blanco gehört zu dieser seltenen Spezies: Als Songwriter und Produzent hat er über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich am Sound des modernen Pop mitgeschrieben – von Britney Spears' Circus über Katy Perrys Teenage Dream bis zu Justin Biebers Love Yourself und Lonely sowie Ed Sheerans Castle On The Hill. Mit Hermoso, seinem vierten Studioalbum und dem ersten komplett auf Spanisch, tritt Blanco nun endgültig ins Rampenlicht und wählt dafür eine Sprache, die bislang nicht zu seinem gewohnten Repertoire gehörte.

Kurz nach der Jahrtausendwende kommt niemand an diesem Song vorbei: Mit Butterfly landen die Rap-Rocker Crazy Town einen gewaltigen Hit. Es wird ihr einziger bleiben – und führt unweigerlich zum Ende der Band. Das ist die Geschichte hinter Butterfly.

Konzept und Ausgangslage

Schon das Artwork macht klar, dass hier niemand leise auftreten will: Blancos Gesichtszüge sind in comichaft überzeichneter Detailtreue in einer auffälligen Maske dargestellt. Ein Statement, das zum musikalischen Anspruch des Albums passt. Acht Songs verteilen sich auf gerade einmal eine knappe halbe Stunde Spielzeit, und schon diese Kompaktheit verrät, dass es Blanco weniger um epische Bögen als um pointierte, überspitzte Momente geht.

Dass der Produzent sein Herz für lateinamerikanische Musik längst entdeckt hat, war bereits an früheren Kollaborationen wie Perro Fiel mit Netón Vega oder Quédate Bebé mit Grupo Frontera abzulesen. Hermoso bündelt diese Neigung nun zu einem vollständigen Projekt und versammelt dafür ein beachtliches Aufgebot an Gäst:innen: Neben seiner Ehefrau Selena Gomez sind auch Becky G, Bb trickz, The Marías, Mora, Myke Towers, Ovy on the Drums und Netón Vega vertreten. Damit finden sich Artists aus Mexiko, Spanien, Puerto Rico, den USA und Kolumbien auf dem Album. Es folgt auf Blancos Friends Keep Secrets-Alben (2018, 2021) sowie das gemeinsame Album mit Gomez, I Said I Love You First aus dem Jahr 2025, markiert aber klar ein neues Kapitel.

Auf die Höhepunkte des Albums

Das eindeutige Herzstück des Albums ist Te Olvido (La La) mit Selena Gomez und Becky G. Klanglich verbindet der Song einen ansteckenden Beat mit einem punktgenau platzierten Reggaetón-Break und mündet in einen mitsingbaren „La la la la“-Refrain. Gomez und Becky G bringen dabei hörbar unterschiedliche vokale Farben ein: die eine eher spielerisch-frech, die andere schärfer und bissiger im Ton.

Dicht dahinter folgt Joven y Salvaje mit der spanischen Rapperin Bb trickz, ein nur rund zweiminütiger, energiegeladener Ausbruch. Über einem leichtfüßigen Pop-Beat liefert Bb trickz ihre Verse mit einem kühlen, geschmeidigen Flow, der der Nummer trotz Kürze ein hohes Tempo und viel Attitüde verleiht.

Auch der Opener Un Poco Perdido mit Netón Vega überzeugt klanglich: Trompeten kündigen einen vokal sehr souveränen Vega an, dessen Flow streckenweise fast rappige Züge annimmt und dem dezidierten Sound eine eigenwillige Note verleiht. Das Arrangement verschiebt sich im Verlauf des Songs von einem eher getragenen, mariachi-artig instrumentalen Beginn zu einem helleren, mitreißenden Finale.

Die ruhigeren Momente

Nicht jeder Track entfaltet dieselbe Wirkung. Memoria De Paz mit The Marías bringt eine mysteriöse Traumhaftigkeit ins Album und bildet damit einen willkommenen Kontrast zum sonnigen Grundton der restlichen Platte. Die für die Band typischen schwelgenden Vocals treffen auf subtile elektronische Akzente und erzeugen eine Atmosphäre, die klanglich stark für sich steht.

Degenere mit Myke Towers positioniert sich als Zentrum des Albums: Auf einem Tom’s Diner-Sample und atmosphärischen, hazy Beat liefert Towers glatte Vocals und mündet damit in souveränem Reggaetón. Ay Bendito mit Mora und Ovy on the Drums setzt dagegen auf Leichtigkeit und einen treibenden Puls, inklusive Dancehall-Einflüssen auf der Gesangsspur. Beide Tracks sind solide, setzen aber keine großen eigenen Akzente im Gesamtbild des  Albums.

Die beiden kürzesten Stücke hingegen lassen ihre Wirkung offen: Cinco mit gerade einmal fünf Sekunden, kaum mehr als ein musikalisches Augenzwinkern, fungiert als reines Zwischenspiel. Te Amo wiederum bringt es auf 41 Sekunden und erzeugt damit eine sanfte Gesangslinie über eine zarte Atmosphäre, die jedoch so flüchtig bleibt, dass sie kaum Zeit hat, sich zu entfalten.

Fazit

Hermoso ist kein Album, das seine Ambitionen versteckt, aber auch keines, das sie überstrapaziert. Blanco tritt als Kurator und Klangarchitekt auf, der seinen Gäst:innen viel Raum lässt, ohne die eigene Popsensibilität und sein Gespür für Produktion zu verlieren. Die starken Momente zeigen, dass sich Blancos Talent für eingängige Hooks und stimmige Klangwelten mühelos in ein spanischsprachiges Umfeld übertragen lässt, auch ganz unabhängig davon, ob man den Texten inhaltlich folgen kann. Die beiden Miniaturen in der Tracklist wirken dagegen wie Lückenfüller, die dem sonst stimmigen Gesamtbild etwas die Substanz nehmen, wahrscheinlich aber genau diese überzogene Darstellung, die schon das Albumcover verspricht, aufgreifen sollen. Unterm Strich bleibt Hermoso ein klanglich gelungener, kurzweiliger Einstand in die spanischsprachige Popwelt, der vielseitig produziert und gemacht ist für wiederholtes Hören.

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!

Dein neues Zuhause für All Things Vinyl

Von Rock über Pop bis zu Hip-Hop und Jazz – bei uns gibt's alles für dein Plattenregal.