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Nothing But Thieves im Interview: „Zu den wichtigsten Dingen für uns gehört die Gemeinschaft“
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Nothing But Thieves gehen mit ihrem neuen Album Stray Dogs wieder zurück zu ihren kantigen Rockwurzeln. Im Interview sprechen sie über Gemeinschaft, die technischen Kniffe, die die Songs besonders machen, und die Verzweiflung der alten Teenager-Tage. Achtung: Wir drehen den Nerdfaktor hierfür mal aufs Maximum.
„Dreaming like a pack of stray dogs“ schreit Conor Mason, Frontmann der britischen Alternative-Rockband Nothing But Thieves, seinem Publikum entgegen, während die Drums maximal aufgedreht und die Gitarren so dicht aneinander sind, dass es einem den Atem verschlägt. Dann ein Fullstop, Stille und erneut setzt alles geschlossen ein. Dieses dynamische Spiel spielen Nothing But Thieves nur allzu gern und rauben damit direkt mit der Einstiegsnummer ihres neuen Albums Stray Dogs jedweden Verstand. Die Effekte und vor allem die Art, wie der Effektnebel durchbrochen wird, bringen auf den Punkt, was die Band sagen will: Sie sind zurück, sie sind live und sie spielen mit voller Wucht als geschlossenes Team. „Stray Dogs war eine große Metapher hierfür“, erklärt Sänger Conor Mason. „Zu den wichtigsten Dingen für uns gehören die Gemeinschaft, die wir gemeinsam auf Tour aufgebaut haben, unsere Crew und unsere Familie – und natürlich die Musik, die wir machen, und die Verbindung zu unseren Fans.“
Zurück zu den Anfängen
Mit Akustikgigs, einem Auftritt im kleinen Club in ihrer Heimat Southend, den sie sogar auf Evolution besingen, und mit interaktiven Videos feiern Nothing But Thieves ihre neue Platte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt ins Zentrum stellt. Damit sind Nothing But Thieves abermals antizyklisch unterwegs, wenn man bedenkt, dass wir aktuell in einer besonders gespaltenen Realität leben. Nachdem sie kurz vor der Pandemie mit Moral Panic (2020) ein schauriges Album über Einsamkeit und Massenpanik veröffentlicht hatten und mit Dead Club City (2023) eine fiktive Stadt besangen, in der Technologiekonzerne die Welt unter sich aufteilen, waren Nothing But Thieves aus Versehen öfter mal der Zeit voraus. Stray Dogs ist nun ein fast lebensbejahender Twist.
„Ich würde nicht sagen, dass wir so glücklich sind wie nie zuvor, aber wir fühlen uns am wohlsten.“
Dabei gehört gerade die offene Thematisierung von Depressionen zu dieser Band. Besonders die ersten Alben hatten eine ganz bestimmte Note von Teenage Despair. Eine Verzweiflung, die allumfassend und ultimativ wirkt. Mit Blick auf die Zeit, in der das Album Broken Machine entstanden ist, erklärt Produzent, Keyboarder und Gitarrist Dominic Craik: „Ich glaube, ein Großteil der Texte aus dieser Zeit entstand, als wir uns auf Touren völlig verausgabt haben – damals gab es keine Grenzen. Jetzt haben wir all diese Erfahrungen gesammelt. Ich denke, bei diesem Album schauen wir darauf, wo wir gerade stehen, und ich würde nicht sagen, dass wir so glücklich sind wie nie zuvor, aber wir fühlen uns am wohlsten.”
Nothing But Thieves im Zwiegespräch mit einem früheren Ich
Der letzte Track des Albums, A Different Kind Of Happiness, wagt sowohl einen Blick zurück als auch nach vorn und eröffnet ein Zwiegespräch mit einem jüngeren Selbst. Doch es kann einen nicht hören, bekommt nichts von der Hoffnung, die man ihm gern geben würde. Man kann sich vorstellen, dass es sich ähnlich anfühlen muss, Songs zu spielen, die genau aus dieser hilflosen, dunklen Ecke des eigenen Selbst kommen. „Der Unterschied besteht darin, dass man mit zunehmendem Alter und mehr Weisheit aus diesen Erfahrungen lernt. Mentale Krankheiten lassen nie ganz los. Aber das gehört zum Erwachsenwerden und zu den Lebenserfahrungen dazu. Deshalb ist es gut, dass es diese Songs gibt, denn dadurch ist man dankbar dafür, wo man gerade im Leben steht“, beschreibt Conor Mason. Auf die Frage, ob er das Gefühl hat, angekommen zu sein, zögert er keine Sekunde: „Ja, ehrlich gesagt ist es mit dieser Band so, als wären wir Brüder. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich ohne die Band und diese Crew tun würde.“
Persiflage auf Machoklischees
Trotz des Lobgesangs auf das eigene Rudel gibt es auch kritische Töne auf Stray Dogs: Die Lyrics von AI Jesus lassen keine Fragen darüber offen, wie sich die Band im Kampf um Kreativität in der technologischen Eskalation positioniert. In einem Nebensatz des Titelsongs wird die Wohnungskrise thematisiert. Und der Titel Testosterone zieht Bilder der toxischen Männlichkeit ins Lächerliche und setzt dem Titel einen fast punkigen Machosound gegenüber. Mason erklärt, der Song sei entstanden, nachdem Joe Langridge-Brown, Gitarrist und Texter der Band, in einer Bar eine Unterhaltung überhört habe, in der ein Typ sich über ein homosexuelles Paar ausließ. „Das widerspricht total unserer Sichtweise und wir haben uns oft über Männlichkeit unterhalten. Der Song klingt also ziemlich nach Bro-Musik, aber er richtet sich komplett gegen dieses Verhalten.“
Livesound auf Platte
Die intensiven Zwischenrufe stechen nicht nur bei diesem Song hervor, sondern sind generell auf dem Album eine neue Wandlung. Mason beschreibt, dass das Kniffe sind, die Songs eigentlich erst im Tourleben entwickeln und nicht in Studioversionen von Nothing But Thieves vorkommen. „Aber weil wir die Essenz unseres Live-Sounds einfangen wollten, wollten wir unbedingt diese Schreie und Geräusche mit aufnehmen, die sich normalerweise erst später heraus kristallisieren.“
Obwohl dieses Album eine Art von Rückkehr zum alten Sound ist, ist es dennoch eine Weiterentwicklung. Der immense Fortschritt, den die Band über Jahre der Bühnenerfahrung, mehrere Alben und vor allem in puncto Produktion gemacht hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Außerdem gab es wieder mal einen neuen Hyperfokus auf ein neues Gadget: Für Moral Panic tobte sich Gitarrist und Produzent Craik an technischen Soundeffekten wie Glitches und Feedback aus. Bei DCC fügte er ein Sammelsurium an allen erdenklichen Giorgio-Moroder-Synths hinzu. Nun ist es eine neue Gitarre (Fairlane Zephyr), die dieses Album prägte. Der Gitarrist beschreibt, dass sich mit dem Sound dieser Gitarre alles verändert habe: „Es ist schwer, solche Schlüsselstücke zu finden, diese Katalysatoren für Kreativität.“ Conor Mason fällt seinem Kollegen begeistert ins Wort: „Es ist meine Lieblingsgitarre, die er je gespielt hat. Sie ist so vielseitig, dass ich es fast nicht fassen kann. Diese Gitarre kann einfach alles! Jedes Mal, wenn er sie in die Hand nimmt, bin ich davon begeistert.“
Die Tricks und Kniffe von „Stray Dogs“
Während in den letzten Jahren viele Songs unter anderem auf Tour entstanden und oft direkt in Programmen wie Logic als Demos zusammengebastelt wurden, gab es diesmal wieder einen handgemachteren Ansatz. Anstatt einzelne Fragmente direkt zu loopen und zu arrangieren, wurde stärker komponiert, was zu einigen ausgefallenen Tonartenwechseln führte. Zum Beispiel auf Baby Cool (Evelyn) benutzen Nothing But Thieves Bluesakkorde und spielen mit mehreren Modulationen, die den Produzenten an Weezer erinnern. Craik lacht, nachdem er mit einem Mal alle Tonartwechsel beschrieben hat und der Quintenzirkel in meinem Kopf beginnt, sich im Kreis zu drehen: „Dieser Song ist also ein totales Durcheinander, was die Harmonien angeht.“
Den besonders aufmerksamen Hörer:innen werden vor allem die Spielereien mit Tempowechseln aufgefallen sein, besonders prominent in der Vorab-Single Baby Cool (Evelyn). Vor dem Refrain scheint der Titel einmal einen kurzen Slowdown-Effekt zu durchlaufen und dann wieder Fahrt aufzunehmen, wobei gerade diese Stelle live eingespielt wurde. Auf technische Slow-Downs haben Nothing but Thieves allerdings bei der Ballade I Needed You Then, I Need You Now gesetzt: Hier klingt Conor Mason nämlich etwas anders als sonst. Zwar erkennt man die Betonung und die Stimmfarbe des Sängers, allerdings klingt der Ton einfach nicht nach seiner Bruststimme. Spätestens wenn die zweite Stimme einsetzt, die ganz eindeutig Dominik Craik gehört, fällt der Kontrast scharf auf. Auf die Frage danach schauen sie einander verschmitzt an. Mit nicht wenig Stolz in der Stimme erklärt Craik: „Wir haben das auf Band aufgenommen und die Geschwindigkeit von Conors Gesang runtergedreht, wodurch sich auch die Tonhöhe verringert hat. Danach haben wir den doppelten Gesang in dieser neuen Tonhöhe und diesem neuen Tempo übereinandergelegt.“
Das Feuer bei dieser Erklärung ist absolut spürbar und lässt keine Frage offen, wie viel Leidenschaft in jedem einzelnen Knopfdreh steckt. Immer wieder schauen sich Conor Mason und Dominik Craik an, lachen miteinander, klopfen sich anerkennend auf die Schultern und befeuern sich gegenseitig, wenn sie die verschiedenen Produktionsaspekte und Kompositionen erklären – es ist klar, dass sie hier als Team sitzen und sich als solches verstehen – „Dreaming like a pack of stray dogs.“