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Review: „Man On The Run“ zeigt uns einen verunsicherten und überforderten Paul McCartney
Popkultur2026-03-02
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Keinem Beatle fiel die Trennung leicht. Paul McCartney war wahrscheinlich dennoch am stärksten betroffen. Die feinfühlige, sanfte neue Doku Man On The Run zeichnet seine ersten schweren Jahre nach dem Ende der Beatles nach. Auch ohne große Überraschungen lernen wir hier durchaus einen neuen Macca kennen.
Es sind insbesondere die vielen alten Archivaufnahmen von Paul McCartneys windumtoster Farm mitten in Schottlands wilder Einsamkeit, die den Ton angeben. Die Dokumentation Man On The Run, die ab sofort bei amazon Prime verfügbar ist, weiß, dass die Geschichte der Beatles und ihrer vier Mitglieder aus allen Blickwinkeln beackert und tausendfach erzählt wurde. Also macht Regisseur Morgan Neville das einzig Richtige: Er zieht die Blende auf und konzentriert sich überwiegend auf ein zeitlich sehr eng gefasstes Korsett. Dabei entsteht ein intimes, niemals glorifizierendes, aber doch sehr wohlwollendes Bild eines Superstars auf der Flucht.
Versteckt in Schottland
Anstatt also minutiös die gesamte Geschichte von Paul McCartney wiederzugeben, konzentriert er sich vor allem auf diese schwierigen ersten Jahre nach dem Implodieren der größten Band der Welt bis zu seinem ersten wirklich großen Post-Beatles-Hit. Natürlich greift er dabei auf alte Archivaufnahmen der Beatles zurück, weil man McCartneys Geschichte ja gar nicht verstehen kann, wenn man nicht weiß, was davor war. Die überwiegende Laufzeit der knapp zwei Stunden legt er den Fokus aber auf einen hilflosen, verwirrten, überforderten und verunsicherten Megastar, der sich nach dem Ende der Beatles in Schottland versteckt. Und eine Zeit lang auch zu tief ins Glas geschaut hat.
Beatles-Fans kennen die Geschichte längst, in dieser Doku wird sie erneut zum zentralen Angelpunkt: Auch wenn Paul McCartney gemeinhin als Schlächter der Beatles gebrandmarkt wurde, war es eigentlich John Lennon, der die Band längst verlassen hatte. Es wusste nur eben niemand in der Öffentlichkeit. Dennoch verkommt Man On The Run nicht zum selbstmitleidigen Versuch Maccas, die Geschichte endlich gerade zu rücken. Das muss er gar nicht, das erwartet gar keiner. Vielmehr sind diese Ereignisse im Film nur Trigger, um seinen Gemütszustand zu erklären.
Man On The Run & mehr fürs Plattenregal:
Ein Beatle auf Sinnsuche
Hier ist einer, wie sehr schnell klar wird, der nicht weiß, was als Nächstes kommt. Der seit der Schule nichts anderes gemacht hat als mit den Beatles zur größten Band der Welt zu werden. Und jetzt, mit zarten 27, plötzlich gar nichts mit sich anzufangen weiß. Neville begleitet Paul McCartney auf dieser Sinnsuche, auf dem Weg zu sich selbst. Wer ist Paul McCartney eigentlich, wenn man die Beatles abzieht?
Seine ersten musikalischen Versuche zeigen, dass er dieser Antwort sehr fern ist. Dennoch sind gerade diese Momente die stärksten der Doku: Sie zeigen seinen überwältigenden Drang, Musik zu erschaffen. Und wenn ohne Band, dann eben allein. Mit Alben wie McCartney I oder Ram, komplett allein eingespielt und aufgenommen, erntet er bei Erscheinen zwar viel Spott und Häme, teilweise auch von John Lennon, doch ganz nebenher erfindet er damit die Lo-Fi-Aufnahmekultur und das Bedroom Recording, das später die Indie-Szene prägen wird. Er sei kein Workaholic, sagt McCartney an einer Stelle, sondern ein Playaholic.
Von Schafen zu Wings
Wir sehen also einerseits einen McCartney, wie er die Ruhe der schottischen Halbinsel Kintyre genießt, Schafe schert, sich um seine Kinder kümmert und mit seiner Frau Linda Musik macht. Andererseits schwingt mit, dass hier einer durchaus auch wieder die ganz großen Erfolge von früher will. Dass er nicht wahrhaben will, dass das mit den Beatles alles gewesen ist. Diese Erfolge bekommt er einige Jahre später dann ja auch tatsächlich mit den Wings. Doch der Weg dorthin ist ein weiter. Und selbst für einen Ex-Beatle kein Einfacher. Irgendwann rekrutiert er Linda, Moody Blues-Gitarrist Denny Laine und eine wechselnde Besetzung von Bandkollegen, um eine neue Band zu gründen. Die ersten Aufnahmen finden in einem provisorischen Studio auf seiner Farm statt – zwischen Hühnern, die auf dem Boden herumlaufen.
Vielleicht versteht man nach Man On The Run erstmals, wieso die frühen Macca-Sachen so klingen, wie sie klingen. Er hat eben sprichwörtlich sein Leben in der Einöde zu Musik gemacht. Klar, letztlich sind es dann doch Knaller wie Band On The Run, die ihn wieder ganz nach oben bringen. Doch der Weg dorthin ging über Lieder, die davon handelten, dass Mary ein Lamm hatte.
Bewegende O-Töne von Sean Ono Lennon
Regisseur Morgan Neville weiß natürlich auch, dass man eine Dokumentation mit der Wahl der zu Wort kommenden Menschen eindeutig einfärben kann. Dabei geht er den ungewöhnlichen und bewegenden Weg, neben Paul und Linda McCartney und ihren Kindern eben auch Sean Ono Lennon zu Wort kommen zu lassen. Seine sanften, warmen und freundschaftlichen Aussagen über den besten Freund seines verstorbenen Vaters machen den Unterschied. Die Art und Weise, wie er über die beiden spricht, wird keinen Fan unberührt lassen.
Überhaupt ist die Doku geprägt von Liebe und Freundschaft, flott gefilmt, nicht selbstbeweihräuchernd und erfreulich wenig nostalgisch. Im Zentrum steht natürlich die Beziehung von Paul und Linda, die durch die viele Kritik nach ihrem Einstieg bei Wings nur noch stärker wurde; doch auch die von Paul und John bekommt viel Raum. Wir bekommen die Entfremdung mit, die unschönen Dinge, die Lennon über McCartney gesagt hat, aber eben auch die Versöhnung, die ja um ein Haar dazu geführt hätte, dass die beiden mal Saturday Night Live gecrasht hätten.
Macca ist nur wegen der Musik hier
Natürlich kamen Wings in ihrer kulturellen Signifikanz nie auch nur annähernd an die Beatles heran. Sie halfen McCartney aber dabei, dieses Kapitel hinter sich zu lassen und zu merken, dass die Sache mit John, George und Ringo nicht die einzige Konstellation war, in der er erfolgreich sein kann. Und wenn dann noch die örtliche Dudelsackgruppe ihren Weg zu McCartneys Farm antritt, um mit ihm Mull Of Kintyre aufzunehmen, weiß man, dass dieser kauzige, manchmal etwas klamaukige, aber ultimativ gutherzige Superstar wirklich nur wegen der Musik hier ist.