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Foto: Universal Music

„All The Things She Said“: Das große Revival dank „Heated Rivalry“

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Ein Song aus den frühen 2000er-Jahren taucht plötzlich wieder im Zentrum der Popkultur auf: Durch seinen intensiven Einsatz in der Serie Heated Rivalry erlebt All The Things She Said von t.A.T.u. gerade ein unerwartetes Comeback und trifft dabei erneut einen Nerv zwischen Begehren, Verdrängung und Popgeschichte.

Heated Rivalry hat uns fest in seinen Bann gezogen. Nachdem die kanadische Hockey-Serie Ende letzten Jahres erstmals in den USA und Kanada veröffentlicht wurde, eroberte die leidenschaftliche Geschichte zwischen den Hockey-Stars Ilya Rosenov (Connor Storrie) und Shane Hollander (Hudson Williams) zunächst die Bildschirme und kurz darauf das Internet. Seit Kurzem ist die Serie auch im deutschsprachigen Raum über HBO Max verfügbar und bereit, auch hier ihre Wirkung zu entfalten.

Wie so oft spielt dabei nicht nur die Handlung eine Rolle, sondern auch deren musikalische Hülle. In der Liste des Soundtracks erlebt gerade ein Titel überraschendes Revival: All The Things She Said, der 2002 erschienene Pophit des russischen Duos t.A.T.u. Wer die Serie gesehen hat, weiß vermutlich auch, wieso. Durch seinen perfekt getimten Einsatz in einer hochaufgeladenen Szene, eine passionierte Remix-Version und durch die kulturelle Resonanz, die er mit den Figuren der Serie teilt, findet der Track gerade ein neues Publikum.

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Woher kommt der Track?

All The Things She Said erschien 2002 in englischsprachiger Version und wurde über das Debütalbum von t.A.T.u., 200 km/h In The Wrong Lane, weltweit bekannt. Doch seine Wurzeln reichen weiter zurück: Bereits zwei Jahre zuvor war der Song auf Russisch unter dem Titel Ya Soshla s Uma erschienen. Das heißt übersetzt etwa: „Ich bin verrückt geworden.“ Mit der englischen Version gelang dem Duo schließlich der internationale Durchbruch; der Song stieg bis auf Platz 20 der US-Charts und markierte damit einen historischen Moment als erster russischer Act mit einer Top-40-Platzierung.

Inhaltlich erzählt der Song von der inneren Zerrissenheit einer jungen Frau, die sich mit ihrer sexuellen Orientierung auseinandersetzt. Diese offene Darstellung einer lesbischen Liebe sorgte Anfang der 2000er für massive Kontroversen. Nicht nur der Song, auch das dazugehörige Musikvideo löste Diskussionen aus. Hierbei sind die zwei Sängerinnen in Schuluniformen hinter einem Zaun zu sehen. Im strömenden Regen schlagen sie verzweifelt gegen das Gitter, interagieren mit einem dahinterstehenden Publikum und küssen sich schließlich, während die umstehenden Zuschauer:innen sie teilweise irritiert beobachten.

Die Inszenierung wurde besonders kritisch gesehen, weil die Künstlerinnen damals noch minderjährig waren. Ein Umstand, der logisch für Aufregung sorgte. Andere wiederum warfen dem Projekt vor, die queere Thematik bewusst als kalkulierten PR-Effekt einzusetzen und damit eher auf Provokation als auf echte Repräsentation zu setzen. Gleichzeitig war es genau diese Sichtbarkeit queerer Gefühle, die den Song in vielen Ländern zum Politikum machte. In einer Zeit, in der LGBTQ-Themen im Mainstream-Pop noch selten offen verhandelt wurden, wurde der Track mancherorts zensiert oder sogar ganz aus dem Programm genommen.

Der perfekte Song zur perfekten Szene

Gerade dieser Hintergrund macht den Einsatz des Songs in Heated Rivalry so treffend. Ilya Rosenov ist in der Serie Russe, eine Verbindung, die dem Track eine zusätzliche Ebene verleiht. In der vierten Episode Rose werden sowohl der Originaltrack als auch eine spätere Coverversion des Interpreten Harrison in einer Clubszene eingesetzt, während Shane Hollander und Ilya Rosenov jeweils mit einer Frau tanzen und gleichzeitig sichtbar darum ringen, einander aus dem Kopf zu bekommen. 

Die Musik wirkt hier wie ein emotionaler Subtext: Die Lyrics über unterdrückte Gefühle, Verwirrung und Sehnsucht spiegeln die innere Realität der Figuren. Während sie nach außen ein heteronormatives Bild aufrechterhalten, erzählt der Song von genau dem, was sie nicht aussprechen können. Viele Zuschauer:innen haben darauf hingewiesen, wie passend sich die Wahl des Tracks anfühlt. Nicht nur wegen der russischen Herkunft des Songs, die Ilyas Hintergrund subtil spiegelt, sondern auch wegen der queeren Thematik, die sich wie ein Echo durch die Szene zieht. Und das sieht man aktuell in Streamingzahlen, TikToks und Edits aus Serie und dem Song in seinen verschiedenen Versionen.

Ein Zeitstempel für Popkultur

Am Ende ist das Revival von All The Things She Said weniger Nostalgie als ein Beweis dafür, wie hartnäckig sich Popkultur halten kann und sich immer wieder wiederholt. Ein Song, der vor über zwanzig Jahren zwischen Skandal, Marketing und Emotion verhandelt wurde, findet plötzlich wieder seinen Platz. All The Things She Said funktioniert in Heated Rivalry nicht nur, weil man ihn wiedererkennt, sondern weil er inhaltlich genau dort andockt, wo die Serie weh tut. Als sie von den Dingen erzählt, die unausgesprochen bleiben.

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