Japans Popstar Fujii Kaze empfiehlt sich mit „Prema“ (noch ein wenig mehr) dem internationalen Publikum
platten08.09.25
In seinem Heimatland versammelte der Multiinstrumentalist, Sänger und Songwriter Fujii Kaze letztes Jahr im August an zwei Tagen 140.000 Menschen im Nissan Stadion in Yokohama. Das nur mal so zum Einstieg, um zu vermitteln, wie groß der 1997 geborene Musiker bei sich zuhause ist. Aber auch in Europa verbreitet sich die Kunde seines Talents immer mehr: In diesem Jahr war Fujii Kaze zum Beispiel am 1. Juli im Berliner Admiralspalast zu sehen, wo er endlich sein Live-Debüt in Deutschland gab. Auch auf dem Montreux Jazz Festival in der Schweiz begeisterte er – ebenso wie auf dem Roskilde Festival in Dänemark, wo wir in der zehnten Reihe standen und einen in sich ruhenden, brillanten Musiker sahen, der ganz nebenbei eben in weiten Teilen Asiens ein Popstar ist.
Das liegt auch daran, dass man ihn quasi (musikalisch) aufwachsen sehen konnte. Schon mit zwölf spielte er in seinem Elternhaus in Satoshō auf dem Klavier bekannte Popsongs nach, filmte sich dabei und lud sie bei YouTube hoch, wo sie in Japan nach und nach mehr Menschen erreichten. So richtig in Schwung kam seine Karriere dann, als er 2019 nach Tokio zog und bald darauf seine erste Live-Show auf die Beine stellte – zu einem Zeitpunkt, als er offiziell noch nicht einen einzigen eigenen Song veröffentlicht hatte. Trotzdem war die 2000er-Location in Shibuya ausverkauft. Das Debütalbum Help Ever Hurt Never mit eigenen, japanisch-sprachigen Songs kam dann 2020 und erfüllte die hohen Erwartungen. Die Hits darauf – 何なん (Nan-Nan) und Shinunoga E-Wa – liefen bei TikTok rauf und runter, sammelten allein bei Spotify über 700 Millionen Streams und pushten das Debüt auf Platz eins der Billboard Japan Hot Albums Charts. Nur zwei Jahre später kam das zweite Album Love All Serve All und Fujii Kaze spielte seine ersten Stadionkonzerte.
Internationaler Durchbruch
Das zur Vorgeschichte. Das nächste Kapitel seiner Karriere, das uns sein aktuelles Album Prema bescherte, begann dann ziemlich genau am 12. April 2024. Da ging sein Tiny Desk Concert beim US-Radiosender-Netzwerk NPR online – und zeigte der ganzen Welt, was für ein charismatischer und hochtalentierter Musiker Fujii Kaze ist. Seitdem zünden seine Konzerte auf der ganzen Welt noch ein bisschen besser – und die Welt ist bereit für sein erstes Album in englischer Sprache.
Und das funktioniert tatsächlich extrem gut. Zum einen, weil Fujii Kaze mit englischsprachigen Popsongs aufwuchs und selbst sehr gut Englisch spricht. Dem britischen NME sagte er dazu gerade: „Ich bin einfach mit all diesen englischen Songs aufgewachsen, deshalb habe ich immer gedacht: Wie schön wäre es, selbst einige Songs auf Englisch zu schreiben und ein Album komplett auf Englisch zu veröffentlichen. Das war schon immer einer meiner größten Träume.“ Für diesen Traum hat er sich allerdings auch professionelle Hilfe an die Seite geholt: Den englischen Produzenten A. G. Cook zum Beispiel, der uns an der Seite von Charli xcx den Brat Summer beschert hat, oder den kanadischen Sänger und Songwriter Tobias Jesso Jr., der leider so gut darin geworden ist, Hits mit und für Sia, Adele, Harry Styles, Pink und Shawn Mendes (und jetzt auch Fujii Kaze) zu schreiben, dass er seine Solokarriere darüber ein wenig aus den Augen verloren hat. Aber das ist eine andere Geschichte, hört einfach sein einziges Album Goon und ihr merkt, wie sehr das schmerzt.
Prema von Fujii Kaze für Zuhause:
Japans Harry Styles?
Fujii Kaze – der hin und wieder schon mal als „Japans Harry Styles“ angepriesen wurde (was ein leicht schiefer Vergleich ist) – hat auf Prema zum Glück keine Hits von der Stange geliefert, die amerikanischem Radio-Pop oder TikTok-kompatiblen Hits nachhecheln. Das Gegenteil ist der Fall: Schon der herrlich groovende Opener Casket Girl setzt auf Opulenz, Fujii Kazes ganz eigenen Swag und samtenen Gesang, Schweinerockgitarren und eine regelrechte Melodiebesoffenheit. Das ist einerseits, mit Blick auf aktuelle Sounds, ein wenig aus der Zeit gefallen, gleichzeitig aber so eingängig und charmant, dass es zugleich sehr zeitgemäß klingt.
80s-Pop, Disco-Elemente, Synth-Pop, Alt-Pop und gelegentliche Turns in Richtung Yachtrock prägen den Sound der neun Songs, die laut Fujii Kaze vor allem von Künstler:innen wie Madonna und Michael Jackson – in ihren 80s Eras – inspiriert wurden. In der Ballade It Ain’t Over zeigt er dann aber wieder, dass sein Pianospiel und seine Stimme weiterhin die Basis seiner Kunst bilden. Der Hit Hachikō verbindet westlichen Pop-Appeal mit J-Pop und einem 80s-Dance-Groove. Das Titelstück Prema wiederum ist hymnisch und soulful und I Need You Back die unerwartet passende Verbindung aus Jackson Five und Melodic Rock, während Okay, Goodbye der Song ist, den man spielen muss, wenn man sich optimistisch in die Zukunft blickend von unschönen Dingen trennen will.
Prema ist also ein verdammt stilvolles und überzeugendes Album, dessen Melodien man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Nur eines muss allen klar sein, die es hören wollen: Mit J-Pop, geschweige denn K-Pop (was oft aus Unkenntnis zusammengeworfen wird) hat Fujii Kazes Album wenig zu tun. Es ist eher seine Empfehlung, ihn nicht mehr als japanisches Pop-Phänomen anzusehen, sondern als großen Pop-Songwriter, der mit westlicher Musik groß wurde und diese Liebe nun mit aller Welt teilen kann.