Review: Charli xcx wird mit „Wuthering Heights” zur Brat-Brontë

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Foto: Jeff Spicer/Getty Images for Warner Bros.

Review: Charli xcx wird mit „Wuthering Heights” zur Brat-Brontë

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Wuthering Heights ist das Kinophänomen des Jahres. Das liegt auch an Charli xcx. Die verpasst ihrem musikalischen Film-Kompendium genau die richtige Dosis horny Goth, die diese opulenten Bilder brauchen. Und erfindet sich nebenher mal wieder neu.

Sturmhöhe ist der einzige Roman von Emily Brontë. Ein viktorianisches Meisterwerk voller gotischer Bilder, nebliger Hochmoore, Scham und Lust, alles verzehrender Liebe und haufenweise Red Flags. In der jüngsten Kinoadaption verlässt Emerald Fennell die Pfade der literarischen Vorlage bewusst weit, um sich in einer opulenten Oper aus Obsession, Sex und düsterer Ästhetik auszuleben. Das braucht natürlich den passenden Soundtrack. Und was Charli xcx da entfesselt, ist ein Spektakel, das dem berauschenden Film ein ebenbürtiges Gegenstück bietet. Gut, streng genommen ist ihr Wuthering Heights nur ein Filmbegleiter und nicht der offizielle Soundtrack, aber das braucht uns nicht zu stören.

Denn: Das hier ist ganz großes Kino. Wie Regisseurin Fennell bedient sich auch Charli xcx bei jeder Menge klassischem Popkanon-Material (vornehmlich die wavigen Achtziger) und erschafft ein völlig neues, klanggewaltiges, großes, dramatisches Klangpanorama. Das könnte einerseits nicht weiter von Brat entfernt sein, trägt andererseits aber eine der Hauptzutaten dieser letzten Ära in sich: Sinn und Sinnlichkeit. Klar, das ist natürlich Jane Austen, aber immerhin stimmt die zeitliche Periode.

Charli xcx’ Wuthering Heights: Nervös wie eine Hatz übers Hochmoor

Wuthering Heights ist ein dunkles Kaleidoskop elektronischer Facetten, mal bedrohlich und gotisch wie im Opener House mit John Cale, mal nervös pochend wie Dying For You, in dem man sofort Catherine Earnshaw in Korsett und wallendem Rock übers Hochmoor hasten sieht. Es ist aber natürlich teilweise ein Soundtrack und nur teilweise ein Popalbum, weshalb Stücke wie Always Everywhere eher getragen und orchestral gestaltet sind und manchmal einschnüren wie ein Korsett.

Mit Chains Of Love flirtet Charli xcx dann aber wieder herrlich mit dem gotischen Flair des Films – ein Goth-Synth-Pop-Banger, der vielleicht der stärkste Moment des Albums ist und das aufgeheizte Melodrama rund um Heathcliff und Catherine perfekt in sehnende Klänge fasst. Hier und an vielen anderen Stellen (Altars muss man unbedingt laut hören) fällt ihr Mut zur großen Geste auf. Das kann der Stoff vertragen, die Filmadaption eh, doch es spricht für ihr riesiges Talent, dass sie stets sehr genau weiß, wann sie übertreibt und wann sie sich zurücknimmt. Hier ist jemand am Werk, der sich völlig zurecht eigentlich viel eher in der Filmbranche zuhause fühlt.

Ein Popalbum als Schauerroman

Charli xcx entfesselt ein Pop-Klanggewitter, das im Film zwar nur eine untergeordnete Rolle hat, aber für sich selbst eine ganz eigene Adaption des grandiosen Stoffes ist. Statt Hits gibt es hier Studien, die die Stimmung des Romans gespenstisch gut einfangen. Das liegt auch an Gareth Murphy, ein begnadeter Filmkomponist, der das Album mit großartigen Streicherarrangements ausgestattet hat, auf die auch der bereits erwähnte Kollaborationspartner John Cale stolz wäre. Geige, Bratsche und Violine schaffen ein hitziges, dramatisches, intensives und in letzter Konsequenz immer ziemlich unheilvolles Bild, das in diesem Hochmoor-Spuk namens Seeing Things gipfelt. Ein Popalbum als Schauerroman.


Ein nicht unerheblicher Grund für die Genialität dieses Albums sind am Ende dann auch die Verweise. Auf Literatur, auf Musik, auf die Leinwandbilder. Charli xcx schenkt dem Meisterwerk einen Sound, der bei aller Ungemütlichkeit und bei aller aufgeladenen, bisweilen psychotischen Aura immer noch Pop ist. Aber eben Pop von einer der ganz großen Erneuerinnen dieser Musik. Und spätestens bei Eyes Of The World mit der tollen Sky Ferreira wird klar: Das Filmereignis des Jahres hat das Soundtrackereignis des Jahres ermöglicht.

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