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Review: James Blake schwimmt sich auf „Trying Times“ von allen Pop-Erwartungen frei
Platten2026-03-13
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Man durfte schon gespannt sein, was sich James Blake für sein erstes selbst veröffentlichtes Album so alles einfallen lassen würde. Aber dass dabei eine so wunderbar geisterhaftes Torch-Song-Album wie Trying Times herauskommen würde, hätte man dann auch nicht gedacht.
James Blake war irgendwie immer das Gegenteil von James Blunt. Wo Blunt lange nach dem ganz großen Pathos, nach dem ultimativen Liebeshit fürs Radio forschte, ging sein Namensvetter in die entgegengesetzte Richtung. Seine Alben waren oft Reisen durch mythische Totenreiche, und James Blake selbst eine Art Orpheus in der Unterwelt der Popmusik.
Noch nie so sehr wie auf Trying Times.
Da ist zum einen natürlich der Name dieses ersten Albums, das James Blake im Eigenvertrieb veröffentlicht. Ein Blick aufs Handy, in die Nachrichten, in die Welt reicht aus, um seinen Schmerz und Kummer zu verstehen, den er in den Titel seines siebten Albums packt. Verzweiflung, Resignation, Weltschmerz, ultimative Abkehr von der Welt. So dürfte das bei James Blake in letzter Zeit ausgesehen haben. Er zieht sich in sich selbst zurück, in seine Gedankenwelt, in die Musik. Und erschafft introspektive Meisterwerke zwischen Pop, klassischem R&B und merkwürdigen Klangwelten.
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Leonard Cohen und Murder Ballads
Falsett und Piano. Diese beiden Stärken erobert sich der Engländer nach zuletzt eher elektronischen Ausflügen eindrucksvoll zurück. Seine Stücke sind große dunkle Räume, Kathedralen vielleicht oder Höhlen, in die er seine geisterhaften Stücke baut. Death Of Love, der zweite Song, sampelt Leonard Cohen und trägt ausgerechnet das zu Grabe, was uns in diesen Zeiten noch zu retten vermag. Gleich danach, in I Had A Dream She Took My Hand, singt er davon, dass sich seine große Liebe auflöst, dass sie verschwindet. Torch Songs sind das, fast schon zeitgeistige Murder Ballads, die auch mal an Tindersticks erinnern.
James Blake wird seinem Ruf als überaus ernster älterer Bruder der Popmusik gerecht – der stille, zurückgezogene, etwas geheimnisvolle Typ, der nie ohne einen Roman von David Foster Wallace aus dem Haus geht und trotz seines relativ jungen Alters alt wirkt. Ein wenig scheint wirklich eine alte Seele in Blake zu stecken. Und in diesen wunderschönen, schwebenden, schleppenden, tragischen Stücken auch.
Geister der Vergangenheit
Trying Times ist ein Album, das seine Vergangenheit mit seiner Gegenwart versöhnt und so in die Zukunft blicken kann. Es ist melodisch, elegant, aber gezeichnet vom Leben. Ein Echo ferner, besserer Zeiten, von denen nur noch Geister und Phantasmen übrig sind. Ganz und gar düster ist das bei aller Bitterkeit dennoch nicht. Oftmals schafft es Blake, eher verträumt und genussvoll melancholisch zu klingen. Im Titeltrack kann man das besonders gut beobachten. Anderswo gönnt er sich einfach relativ seltsame Musik. Merkwürdige Chöre, Sound-Samples, schleppende Slacker-Beats, eine zackig angeschlagene Gitarre wie etwa in Make Something Up zeigen eines ganz eindeutig: Das hier ist keine Platte zum Geldverdienen. Vielleicht klingt er ja deswegen so frei, so inspiriert, so gut.
James Blake lädt zur Konversation. Seine Songs sind Themen, die man am Küchentisch bei zu viel Wein mit einer vertrauten Person durchkaut. Sie sind aber auch ein Verweis auf sein großes Gespür als Songwriter. Gemeinsam mit Monica Martin aus Chicago wird Didn’t Come To Argue zum Soul-Schmachter mit Soundtrack-Qualitäten, während Blake mit dem Londoner Rapper Dave im düsteren Doesn’t Just Happen mal so ganz nebenbei zeigt, wie grandios er auch in Sachen Hip-Hop unterwegs ist.
All das macht Trying Times zu einem faszinierenden Begleiter in schweren Zeiten. James Blake war immer schon ein Chamäleon. Nie so sehr wie auf diesem Album. Ein Manifest für unstete Tage, die vor uns liegen, aber auch ein Mahnmal für die Dinge, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten.