Review: „Frozen Charlotte“ zeigt Jack White schon wieder in roher Hochform

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Jack White in seiner Londoner Ausstellung "These Thoughts May Disappear" (Foto: JUSTIN TALLIS / AFP via Getty Images)

Review: „Frozen Charlotte“ zeigt Jack White schon wieder in roher Hochform

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Frozen Charlotte beweist einmal mehr: Jack White ist der große Kartograf der amerikanischen Stromgitarre. Nach dem furiosen No Name schaltet der Hüter der elektrifizierten Rock’n’Roll-Ursuppe kein bisschen zurück. Und erzählt ein packendes, unverschämt groovendes Narrativ aus Rock, Blues und Soul.

Er weiß es wahrscheinlich selbst, denn so wirklich bescheiden ist er ja nicht, aber: Niemand ist wie Jack White. Es gibt nicht mehr viele bedingungslose Hüter der Stromgitarrenkultur, nicht mehr viele Desperados, für die Vintage so viel mehr ist als Mode. Dan Auerbach würde einem da vielleicht noch einfallen, aber wirklich laut sollte man den Namen in Jack Whites Gegenwart dann auch nicht aussprechen.

Der Hüter der Musik

Sagen wir also einfach: Der Rock’n’Roll wäre ohne einen wie Jack White deutlich ärmer. Er ist einer der letzten großen Nerds, die Gitarren horten wie einen Drachenschatz; die ein eigenes Studio, ein eigenes Label, ein eigenes Presswerk und ein enzyklopädisches Musikwissen haben. Entsprechend fließt durch die Adern seiner Musik das Blut aller amerikanischen Musiktraditionen. Blues, Gospel, Soul, Rock – für White sind das nicht nur Genres, sondern Geschichten, Blut, Schweiß, Tränen aus 100 Jahren amerikanischer Musiktradition.

Erst 2024 knallte er uns, damals völlig überraschend, den Furor von No Name um die Ohren, danach kam er in die Rock And Roll Hall Of Fame und ging mit Drummer Patrick Keeler, Basser Dominic Davis und Keyboarder Bobby Emmett auf Tour, die Funken fliegen ließ und Blasen schlug. Diese Hohefeste des Rock’n’Roll erlebt man dieser Tage kaum noch, weshalb Jack White letztlich nicht nur in die Hall Of Fame gehört, sondern auch zum Hohepriester der echten Stromgitarre ausgerufen werden müsste.

Lust am Lärm

Solange das niemand sonst tut, macht er einfach weiter. Direkt nach der Tour sperrt er sich mit seinen Musikern in seinem Third Man Studio in Nashville ein, wo sie die Lust am Lärm und die entfesselte Energie einer handgemachten Rockshow in ein neues Album destillieren. Die gleiche raue, ungeschliffene und frenetische Energie, die schon No Name so infektiös machte, herrscht auch auf Frozen Charlotte. Mehr als auf seinen letzten Releases kommen seine Blues-Wurzeln hier allerdings mal wieder deutlich zum Vorschein.

Das wirklich Erstaunliche an Krachern wie You’ll Never Fix Me ist diese unapologetische Starrköpfigkeit, mit der Jack White zur Sache geht. Er spielt um sein Leben, immer noch, obwohl er mit mittlerweile 51 Jahren (herzlichen Glückwunsch!) mehr für den Rock’n’Roll getan hat als die meisten anderen in seinem Alter. Er kann aber gar nicht anders, er ist dem Song ergeben, er hütet die Musik wie seinen Augapfel, er ist Vorkämpfer und Gralshüter gleichermaßen. Gleichzeitig ist er aber eben auch ein grandioser Songwriter, der die Simplizität des Rock’n’Roll so genial variiert wie derzeit kein Zweiter. Man kann gar nicht anders, als ergriffen und berauscht zu lauschen und nach mehr zu gieren.

Ein erfrorenes Mädchen

Der coolste, schrägste cleverste Rockstar unserer Zeit ist er eh, daran gibt es nicht den leisesten Zweifel. Frozen Charlotte zeigt aber eben besonders eindringlich, dass Meisterwerke aus dem Bauch entstehen müssen und nicht über Jahre geplant werden können. Mit grandiosem Groove, mörderischem Twang und staubtrockener Attitüde spielt Jack White alles an die Wand, setzt in Songs wie Dollar Bill auf den Minimalismus der White Stripes, nimmt sich aber auch mal Zeit für einen fünfminütigen Blueser und erforscht lustvoll den morbiden Mythos Amerikas. Der Albumtitel etwa geht auf das Gedicht A Corpse Going To A Ball von Elizabeth Oakes Smith zurück. Darin wird von einem jungen Mädchen namens Charlotte erzählt, das sich weigerte, sich für eine Schlittenfahrt warm anzuziehen, weil es sein hübsches Kleid nicht verdecken wollte, und während der Fahrt erfror.


Was auch immer mit Jack White passiert ist, seit er 50 geworden ist: Man hat irgendwie das Gefühl, dass er gerade erst warm wird.

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