Ist das jetzt eigentlich der zweite, dritte oder vierte Frühling? Völlig egal: Die Energie, die Riff-Lust, die Durchschlagskraft, die Epik und die Attitüde von Krushers Of The World konnten Deutschlands Thrash-Metal-Könige Kreator nicht mal in den Achtzigern bieten.
Er ist ja wirklich erstaunlich hartnäckig und langlebig, der deutsche Thrash Metal. Die meisten der Achtziger-Haudegen sind auch 2026 noch am Start, Bands wie Sodom, Tankard oder Destruction sogar noch agil und zäh wie eh und je. In Sachen Relevanz kommt aber keine der ursprünglichen Teutonic-Thrash-Kapellen an Kreator heran. Mille Petrozza und seine Pott-Jungs stehen unangefochten auf dem Spitzenplatz der heimischen Thrash-Garde, selbst in Sachen Metal allgemein sind Kreator mittlerweile einer unserer weltweit größten Stahlexporte. Der neue Brecher Krusher Of The World setzt dahinter ein großes Ausrufezeichen, indem es bekannte und geliebte Stärken und Tugenden mit Aufbruchstimmung und neuen Ideen kreuzt.
Hier gibt‘s Krushers Of The World auf Vinyl:
Harte Achtziger, wilde Neunziger
Für Experimentierfreude waren Kreator immer bekannt. Teilweise sogar zu sehr: Nach ihren mythischen Anfängen mit Thrash-Referenzwerken wie Pleasure To Kill (wird dieses Jahr auch schon 40 und klingt doch ewig jung) experimentierte die Band ab Renewal (1992) mit Industrial-Einflüssen und auf Outcast sogar mit Gothic-Metal-Melodrama. Kam bei der Old-School-Fanbase damals nur so semi gut an, war aber der Schlüssel für die Langlebigkeit und den heutigen Status der Band. Denn auch wenn Kreator seit Violent Revolution ihr Herz wieder an den Thrash Metal verloren haben, steht die Band bis heute für eine sehr vielseitige, variable Herangehensweise an ein ansonsten doch eher schnell erzähltes Genre.
Neues Thrash-Referenzwerk
Nicht nur deswegen füllen Kreator heute die ganz großen Hallen. Vor allem sind sie in den letzten 45 Jahren zu einer echten Songwriting-Waffe geworden, die weiß, was eine Hymne zum Zünden braucht. Wie schon beim grandiosen Vorgänger Hate über alles (2022) beherrschen Kreator das Spiel der Extreme meisterhaft, kombinieren Thrash-Keulen alter Schule mit wahnsinnigen Melodien, Heavy-Metal-Bombast und einem Hymnenfaktor, den man sonst nur bei Amon Amarth findet.
Krushers Of The World ist ein neues Thrash-Referenzwerk für die Gegenwart. Keine Platte, die alte Tugenden aufwärmt und um jeden Preis nach den Lederhosen und Nieten der Achtziger klingen will. Sondern ein Epos, das zeigt, was dieses Genre kann. Wenn Menschen am Steuer stehen, die diese Musik miterfunden und bis heute Bock darauf haben. Härte und Melodie sind in trauter Harmonie vereint, waren wahrscheinlich sogar noch nie so ausbalanciert wie diesmal.
Düstere Zeiten, düstere Musik
Dennoch fällt auf: Die Zeiten sind dunkel, weswegen vielleicht auch dieses 16. Studioalbum deutlich härter, düsterer und aggressiver aus den Boxen springt als die Vorgänger. Im Geiste eher bei Hordes Of Chaos (2009), zeigen Kreator mit Songs wie Barbarian, dass auch die fieseste Thrash-Attacke einen großen und melodischen Refrain verdient und liefern schon mit dem unheilvoll-sinfonischen Opener Seven Serpents einen Beweber für den Metal-Song des Jahres mit. Und klar, der Titeltrack ist schon jetzt ein sicherer Garant für Kompletteskalation bei künftigen Konzerten. Denn auch an der Live-Front sind Kreator über die Jahre zu einer unbezwingbaren Macht geworden. Gut, dass sie jetzt zehn neue Granaten zwischen abgründiger Härte und düsterer Sinfonik im Arsenal haben, um ihre Shows noch mörderischer zu gestalten.
Aber wie genau man das macht, wie genau eine Band auch auf dem 16. Album und nach 45 Jahren noch so einen Brecher raushaut, bleibt dann doch das Geheimnis von Kreator. Relevanter als die meisten Bands waren sie schon in den Achtzigern. Und erstaunlicherweise sind sie das bis heute geblieben.