Review: Harry Styles lädt auf „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ zur Afterhour

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Foto: JMEnternational/Getty Images

Review: Harry Styles lädt auf „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ zur Afterhour

Es ist offiziell: Harry Styles kann alles. Selbst Disco. Kiss All The Time. Disco, Occasionally ist dennoch kein lauter Club-Banger aus dem Berghain geworden. Sondern eine subtile Aufforderung zum Tanz in den Sonnenaufgang, umgarnt von warmen Synthesizern, pulsierenden Basslinien und seinem flirtenden Gesang.

Harry Styles bleibt ein Mann der Überraschungen. Einer, der unversehens Schauspieler wird. Nach Berlin zieht. Einen Marathon unter drei Stunden läuft. Auf einmal einen ordentlichen Moustache trägt. Oder jetzt eben ein Disco-Album veröffentlicht. Inspiriert ist es, so sagt er selbst, von langen Partynächten in Berlin.

Wärme und Tiefe

Das klingt zunächst mal wie ein reichlich bemühtes Klischee: Superstar kommt nach Berlin, lässt sich vom dortigen Nightlife schlucken und fühlt sich plötzlich dazu inspiriert, elektronische Musik zu machen. Harry Styles ist aber eben nicht der typische Superstar, wie wir schon zu Anfang des Artikels klargemacht haben. Wenn einer wie er also sagt, er macht jetzt ein Elektro-Album, dann weiß man, dass das irgendwie doch wieder anders wird als man das erwartet. Genau so klingt Kiss All The Time. Disco, Occasionally dann auch. Es ist elektronisch, ja, deutlich elektronischer als er das jemals war. Doch die Wärme, die Melodik, die Tiefe, die geht selbst in den Tribal-Beats von Are You Listening Yet? nicht verloren.

Harry Styles im Circle Store:

Wo Tame Impala auf dem letzten Album oftmals in der kühlen Sterilität des Genres untergingen, bleibt Harry Styles letzten Endes immer noch ein großer Popsänger. Diesmal aber eben ein Popsänger, der den Wave der Achtziger ebenso aufblitzen lässt wie technoide Beats, der blubbernde Synthesizer gegen kühle Anne-Clark-Bassläufe ausspielt. Dennoch ist eines auffällig: Die unbedingte Hingabe an diesen einen großen Hit, die fehlt auf dem Album. Es gibt kein As It Was, kein Watermelon Sugar, was in diesem Fall aber fast eine Erleichterung ist: Gegen Übersongs wie diese fallen alle anderen auf einem Album automatisch ab. So kann man sich ganz einfach auf das Werk als Ganzes konzentrieren.

Nach einer durchgetanzten Nacht

Nicht falsch verstehen: Die Platte ist voller großartiger Momente. Die Lead-Single Aperture ist ein wunderschönes Stück mit wogenden Synthies und dieser Stimmung, die man hat, wenn man zum Sonnenaufgang einen Club verlässt. American Girls gibt entspannten House mit Kalifornien-Flair, Paint By Numbers ist zarter, sphärischer Singer-Songwriter-Pop. Allen Songs gemein ist ein losgelöstes, ruhiges Feeling, das an frühe Morgenstunden nach durchwachten Nächten erinnert. An diese seltsam wohltuende Ruhe, die man nach großer Euphorie verspürt. Das ist zweifellos der Berlin-Einfluss dieses Albums. Ziemlich mutig, eher die zurückhaltende Stimmung nach einer Nacht im Club ins Zentrum des Albums zu stellen. Aber gerade deswegen so clever. Weil Kiss All The Time. Disco, Occasionally dadurch zu einem herrlich untypischen Berlin-Album wird.

Harry Styles’ vierte Platte ist seine experimentellste. Das ist eigentlich nur folgerichtig, wenn man bedenkt, dass er sich mit jedem Album neu erfunden hat. Sein selbstbetiteltes Debüt war das Freischwimmen von One Direction, der Nachfolger Fine Line wiederum ein Freischwimmen von diesem Freischwimmen und so weiter. Dass er mit 32 Jahren jetzt an einem Punkt angekommen ist, an dem er Stimmungen über Hits stellt, spricht für die frühe Reife als ausformulierter Songwriter. Ein Wagnis ist das dennoch, aber dann wiederum hat Aperture schon jetzt über 108 Millionen Streams bei Spotify. Harry braucht die Hits nicht mehr.

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