Spannend: Tame Impala machen jetzt Disco. Dass Deadbeat dennoch eher wie eine nachdenkliche Aufarbeitung der eigenen Biografie wirkt, macht die Platte zu einer Herausforderung mit einigen großen Momenten.
Gar nicht so leicht, sich dem neuen Album von Tame Impala zu nähern. Einerseits ist da der spannende Versuch, Disco-Feeling und ein Thriller-Tribut durch Kevin Parkers Brille zu sehen. Andererseits ist Deadbeat bislang vielleicht das schwierigste Album seiner Karriere.
Spannend ist es allemal. Aber das gilt ja eh für alles, was Kevin Parker macht. Also noch mal ganz von vorn: Seit den 2010er Jahren haben sich Tame Impala stärker entwickelt und gewandelt als das Gros aller anderen Bands zusammen. Was mit grandiosem Psych-Rock beginnt, wird innerhalb weniger Jahre zu psychedelischem Indie, dann zu flirrender Elektronik – und mittlerweile zu Disco.
Kevin Parker läuft nicht länger davon
15 Jahre voller musikalischer Evolution und Innovation: Stehenbleiben kam für Kevin Parker nie in Frage. Könnte auch daran liegen, dass er eher davonläuft – vor sich selbst, vor den Schattenseiten des Ruhms, vor der ständigen Aufmerksamkeit der Medien. Jetzt stellt er sich all dem und veröffentlicht mit Deadbeat ein Album, das man gut und gerne als introspektive Aufarbeitung all dessen werten kann, was ihn beschäftigt und belastet.
Man hätte musikalisch also alles erwartet. Aber keine Disco-Platte.
Disco der Verdammten
Dennoch muss man sagen: Ja, irgendwie machen Tame Impala jetzt Disco. Da gibt es die Four-To-The-Floor-Beats, eine gewisse Hommage an Thriller, eine stilistische Nähe zu The Weeknd. Wahre Euphorie und Lebenslust wollen in Kevin Parkers Disco aber nicht so recht aufkommen. Eher wähnt man sich in einer Disco der Verdammten, einem dunklen Ort, an dem man mit Tränen in den Augen tanzt, die Sonnenbrille anlässt und eher versucht, sich die Dämonen aus dem Leib zu tanzen als einfach Spaß zu haben.
Deadbeat ist der Versuch des Australiers, seine Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten als Teil von sich zu sehen. Leicht ist das offensichtlich nicht: „Je erfolgreicher ich bin, desto mehr habe ich das Gefühl, eine Lüge zu leben. Es ist eine Farce“, sagte er gegenüber GQ und fügte später hinzu, dass es sich „so warm und beruhigend anfühlte, der Welt mitzuteilen, wie ich mich selbst sehe“, als er den Titel für das Album wählte. „Deadbeat“ bedeutet so viel wie „Drückeberger“ oder „Versager“.
Zwischen Trägheit und Genialität
Er singt darüber, nur ein Mensch zu sein, der dennoch ständig etwas falsch macht, ein Einsiedler zu sein, der sich gern in die Dunkelheit zurückzieht. Darüber kann man singen, klar. Es macht die ganze Sache nur etwas zäh, wenn die Musik ähnlich träge und selbstmitleidig vor sich hinplätschert. Das ist etwa in Oblivion der Fall, einem unmotivierten Dancehall-Track. Ähnliches gilt für Not My World, das dröge stampfenden Tech-House bietet. Das kann er besser. Viel besser sogar. Und das zeigt er zum Glück auch: My Old Ways etwa, der Opener, der mit Moby-Feeling, effektiven Beats und tollen Gesangsharmonien begeistert. Oder Obsolete, ein Song, der durchaus als Tribut an Timbaland verstanden werden kann.
Es ist irgendwie nur so, dass die Introvertiertheit und Zurückgenommenheit der Texte einfach nicht mit der elektronischen Natur dieses Albums zusammenpassen will. Manchmal glückt es, meist bleibt aber etwas auf der Strecke. Dennoch musste er dieses Album machen, wie er in einem Interview mit GQ gesagt hat. Darin sprach Parker offen über die Vernachlässigung durch seine Eltern in seiner Kindheit, die seine Introvertiertheit und passive Natur förderte. Damals gab ihm das Hören von Techno das Gefühl, „nicht physisch dort zu sein, wo ich gerade bin, sondern im Weltraum“.
Regennasse Melancholie
Ist natürlich völlig fein, wenn ihm ein solches Album wichtig war – ein Album, das gleichzeitig die australische Rave-Szene zelebriert. Vielleicht hätte es der Musik aber manchmal besser getan, weitgehend instrumental zu sein. So wie das Techno nun mal ist. Besonders deutlich wird das beim letzten Song End Of Summer, der genau diese Lücke zwischen euphorisierenden Beats und regennasser Stranger-Things-Melancholie trifft. Die nervtötend bearbeiteten Vocals irgendwo in der Mitte des Tracks machen den Song aber schlichtweg kaputt.
Deswegen wird ihm wahrscheinlich fast egal sein, was die Menschen zu Deadbeat sagen. Wenn sie es schlecht finden, hat er es eh erwartet (Deadbeat eben), und wenn es ihnen gefällt, dann ist das eben so. Das hier ist ein Kevin Parker, der auf seinen Instinkt hört. Und sich wie Justin Bieber mit seinem Kind auf dem Cover zeigt. Das ist mittlerweile der reichlich überholte (und immer noch kritisch zu bewertende) Weg zu zeigen, dass man selbst als Vater alles besser machen wird als der eigene. Gut finden muss man das nicht, und das werden auch nicht alle. Man kann aber hoffen, dass Kevin Parker Frieden darin findet und danach vielleicht etwas wohlgemuter weitermachen kann. Er ist eben auch weiterhin einer der spannendsten Musiker:innen unserer Zeit.