Streitlustig, pointiert und selbstbewusst gaben sich The Last Dinner Party schon auf ihrem Sensationsdebüt Prelude To Ecstasy. Jetzt ist Englands spannendster Newcomer schon zurück – mit From The Pyre, einem Werk, das sich bissiger und düsterer gibt, ohne die barocke Kate-Bush-Opulenz aufzugeben.
2024 kennt Englands Musikwelt fast nur ein Thema: The Last Dinner Party. Die Damen marschieren im vergangenen Jahr vom Geheimtipp zum Mainstream-Phänomen, veröffentlichen mit Prelude To Ecstasy ein wunderbar barockes und viktorianisches Indie-Rock-Album, spielen alle wichtigen Festivals, sind ständig in TV-Shows zu sehen.
Nur eineinhalb Jahre später sind The Last Dinner Party zurück. Mit Funeral Pyre, einem mutigen, großen zweiten Album, das vor allem eines sagen will: Diese Musikerinnen sind keine Eintagsfliegen. Und haben noch viel mehr zu sagen. Ihre Einflüsse liegen auch auf diesem zweiten Album irgendwo zwischen Kate Bush, Florence + the Machine, Amanda Palmer und Fleetwood Mac. Diesmal schöpfen sie ihr Arsenal aber erstmals so richtig aus.
From The Pyre im Circle Store:
Ein „düstereres, raueres und erdigeres“ Album wollte die Band machen, eine Platte, die persönlichere Geschichten erzählt und dennoch nichts von ihrer viktorianischen Opulenz verliert. Wenn überhaupt, dann klingen The Last Dinner Party noch entfesselter und dramatischer als auf ihrem Sensationsdebüt, was alle Fans von flamboyanter englischer Musikkultur (man denke Bowie, Queen, Siouxsie) natürlich begeistern wird.
Bibel und Barock
From The Pyre ist deswegen vieles. Ein Manifest femininer Wut. Ein Beweis für die Integrität und Originalität dieser Band. Aber auch eine Kampfansage an all jene, die in The Last Dinner Party nur ein Produkt der Musikindustrie sehen. Dabei klingt das zweite Album keineswegs opportunistisch überstürzt. Es handelt sich vielmehr um eine schwindelerregend dichte Sammlung von Songs, die über die Drei-Minuten-Popmarke hinausgehen, die biblische Bilder, barocke Details und die laute Indie-Energie der 2000er Jahre miteinander verbinden.
Groß ist das alles, melodramatisch und ausstaffiert wie die Teilnehmer:innen eines Kostümballs. Dennoch wirkt nichts überfrachtet, nur als Mittel zum Zweck vollgestopft mit Orchestration, Gitarren, Chören. Im Gegenteil: Die Songs sind mächtiger, überwältigender, lauter als das Debüt. Hier sagt eine Band: Wir können auch ganz anders!
Viktorianische Geisterbeschwörung
Allein der Opener Agnus Dei ist ein herrlich ahnungsvolles, rituelles Stück Musik. Mit dem mitreißenden, hymnischen Rifle (inklusive kleiner französischer Einlage) legen The Last Dinner Party ein drängendes Stück vor, das zu ihren besten zählt, das lässig groovende Count The Ways erinnert an die frühen Arctic Monkeys und Second Best huldigt ganz unverblümt ihrem großen Einfluss Kate Bush. Nicht vergessen darf man natürlich auch den Sog von The Scythe, ein berührendes Stück über das Leben, das Altern und den Tod.
From the Pyre ist deswegen vielleicht keine neue Ära, aber sowohl thematisch als auch klanglich reicher. Man scheint sich hörbar wohler zu fühlen in seiner Haut, man weiß besser, was man will und was man kann. Und das sind eben schaurig-schöne, barock-gotische Indie-Hymnen, die alle noch ergreifender und besonderer wirken als auf Prelude To Ecstasy. Was zuvor schon klanglich breit angelegt war, sprengt spätestens jetzt alle Grenzen: barocker Pop, Kabarett, Indie Chanson, Pop, Goth, Rock, in Woman Is A Tree sogar viktorianische Geisterbeschwörung und Folk Horror.
Alles beim Alten also bei The Last Dinner Party. Und doch ganz neu. Ganz aufregend. Ganz besonders wertvoll.