Mit dem Tod von Ace Frehley verliert die Rockwelt einen ihrer ganz Großen. Es gibt nur wenige Gitarristen im Rock und Metal, die Ace Frehley nicht als einen ihrer wichtigsten Einflüsse bezeichnen. Egal ob Slash, Dave Grohl oder der verstorbene Pantera-Gitarrist Dimebag Darrell – für viele war Frehley der Ausgangspunkt, das, was für andere Jimi Hendrix war.
Ace Frehley war ein Unikat: unverwechselbar, charismatisch, scheinbar unerschütterlich. Er war der Spaceman – der extraterrestrische Gitarrenheld mit Augenzwinkern, Ironie und jeder Menge Humor. Er spielte grandiose Soli, schrieb unvergessliche Riffs und Songs, die Generationen von Musikerinnen und Musikern prägten. Zur Erinnerung an den Spaceman blicken wir zurück auf einige seiner größten, schrägsten und schönsten Momente.
Rest in peace, Ace Frehley.
1. Das legendäre Interview in der Tom Snyder Show (1979)
1979 waren KISS in kompletter Besetzung zu Gast in der Tom Snyder Show – und selten wurde deutlicher, wie unterschiedlich die vier Mitglieder wirklich waren. Während Gene Simmons und Paul Stanley um Imagepflege bemüht waren, machte sich Ace Frehley einen Riesenspaß. Als Moderator Tom Snyder ihn über sein Kostüm ausfragt und dann die Frage stellt, ob er denn eine Art Spaceman sei, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „No, actually, I’m a plumber.“
Was danach folgt, ist legendär: Frehley bricht in ein unkontrolliertes Kichern aus, das bald das ganze Studio ansteckt. Peter Criss lacht mit, der Moderator auch, Simmons und Stanley wirken zunehmend genervt. Und Frehley? Der denkt gar nicht daran aufzuhören, sondern feixt und lacht und kichert weiter. Ganz nüchtern dürfte er, wie er selbst gestand, nicht gewesen sein. „Das mit dem Klempner kam völlig aus dem Nichts“, sagt er. „Ich hatte das nicht geplant – es war einfach eine Zeile, die mir spontan eingefallen ist. Warum mir so ein Mist in den Kopf schießt … keine Ahnung. Wahrscheinlich wegen all der Substanzen, die ich damals genommen habe“, erzählte er später in einem Interview.
2. Das Soloalbum von 1978: Ace Frehley
Im Jahr 1978 veröffentlichten alle vier KISS-Mitglieder gleichzeitig eigene Soloalben – ein beispielloses Experiment in der Rockgeschichte. Doch in Erinnerung blieb vor allem eines: das von Ace Frehley. Er zeigte, dass er nicht nur ein virtuoser Gitarrist, sondern auch ein hervorragender Songwriter ist. Songs wie Rip It Out, Snow Blind oder der spätere Hit New York Groove verbanden Melodiegefühl, Druck und Humor – ganz ohne die Pathos-Pose seiner Bandkollegen.
Sogar ein Instrumentalstück fand sich darauf: das mehr als vier Minuten lange Fractured Mirror, auf dem Frehley mehrere Gitarrenspuren, akustische und elektrische, kunstvoll übereinanderschichtet. Ein hypnotisches Finale, das bis heute zeigt, dass Frehley mehr als nur der raketenfeuernde Spaceman war.
3. Feuerwerk aus der Gitarre
Apropos Raketen: Ace Frehley war natürlich nicht nur ein hervorragender Gitarrist, sondern auch ein geborener Showman. Mit seiner Bühnenshow setzte er neue Maßstäbe im Rock’n’Roll – genau wie seine Bandkollegen, nur auf seine ganz eigene Art. Sein Signature-Move: Feuerwerk aus der Gitarre abzufeuern.
Wenn Frehley auf der Bühne stand und plötzlich Flammen und Funken aus seinem Instrument schossen, während Rauch aus den Pickups aufstieg, war das pures Spektakel – eine Mischung aus Science-Fiction, Pyrotechnik und kindlicher Freude.
4. Seine Gitarrensoli
Ace Frehley ist einer der einflussreichsten Gitarristen der Rockgeschichte – daran besteht kein Zweifel. Bei ihm ging es nie um Virtuosität oder technische Perfektion, sondern um Charakter, Energie und Timing. Seine Soli waren kurz, wild, aber immer auf den Punkt. Sie machten genau das, was Gitarrensoli tun sollten: Sie hoben den Song auf ein neues Level. Ohne Ace Frehley hätte eine ganze Generation von Gitarristen – von Slash bis Dimebag Darrell – wohl ganz anders geklungen. Seine wilden, intuitiven Soli sind bis heute das Herz dessen, was man an KISS – und an echtem Rock’n’Roll – liebt.
5. Der Spaceman
Als KISS 1973 ihr Make-up-Konzept entwickelten, wählte jedes Bandmitglied eine Figur, die halb Mythos, halb Bühnen-Alter-Ego sein sollte. Bei Ace Frehley war das der „Spaceman“. Die Idee stammte von ihm selbst: ein Wesen aus einer anderen Galaxie, das Lichtblitze schießt und mit stoischer Ironie das Image des Rockgottes neu definiert.
Zum ersten Mal trug er das silberne Make-up und den glänzenden Anzug 1973 bei einem Auftritt in New York – und plötzlich ergab alles Sinn. Die silberne Uniform, die futuristischen Stiefel, das sternenförmige Make-up: Ace Frehley wurde zum Gravitationszentrum der Band. Hier trafen Comic, Rock’n’Roll und Science-Fiction aufeinander – und der „Spaceman“ war geboren, ein Charakter, der bis heute zu den ikonischsten Figuren der Rockgeschichte zählt.
6. Der Stromschlag von Lakeland
Bei einem Konzert in Lakeland, Florida, kam es am 12. Dezember 1976 zu einer Katastrophe. Ace Frehley erlitt einen elektrischen Schlag auf der Bühne. Es riss ihn zu Boden, kurzzeitig war er sogar gelähmt. Doch nur eine halbe Stunde später stand er wieder auf, kam zurück – und spielte das Konzert zu Ende. The show must go on, würden Queen sagen.
Der Stromschlag von Lakeland hätte ihn das Leben kosten können. Stattdessen führte er zu einem seiner legendärsten Songs: Shock Me. Frehley schrieb den Titel selbst – inspiriert von genau diesem Erlebnis – und sang ihn 1977 auf dem KISS-Album Love Gun. Es war das erste Mal, dass er bei KISS den Leadgesang übernahm. Humor trifft Schmerz, Selbstironie trifft Rock’n’Roll.
7. New York Groove
1978 feierte Ace Frehley mit New York Groove einen Überraschungshit – und gerade im Hinblick auf die sorgfältige Imagepflege von Paul Stanley und Gene Simmons war das besonders interessant. Der Song, ursprünglich vom britischen Songwriter Russ Ballard geschrieben, wurde durch Frehleys Version zum eigenständigen Statement.
Während seine Bandkollegen ihre Soloalben als Bühne für Selbstdarstellung und Pathos nutzten, kam Frehley mit einem lässigen, funkigen Groove um die Ecke – charmant, cool, ohne jede Pose. New York Groove traf den Nerv der Zeit und schaffte es bis in die Top 20 der US-Charts.
8. Die Reunion 1996
Als KISS 1996 in Originalbesetzung zurückkehrten, war Frehleys Comeback einer der emotionalsten Momente der Neunziger. Zum ersten Mal seit über 15 Jahren standen Gene Simmons, Paul Stanley, Peter Criss und Ace Frehley wieder gemeinsam in vollem Make-up auf der Bühne. Das erste Konzert der Alive/Worldwide-Tour fand am 15. Juni 1996 in Detroit statt – jener Stadt, die KISS einst groß gemacht hatte.
Die Tour dauerte fast zwei Jahre, umfasste mehr als 190 Shows und war ein weltweiter Triumph. Lange sollte die Reunion allerdings nicht halten: 2002 stieg Frehley erneut aus – nach dem Ende der Farewell Tour. Die alten Spannungen mit Simmons und Stanley waren nicht zu überwinden gewesen.
9. Das Solowerk
Nach seinem Ausstieg aus KISS Anfang der Achtziger begann für Ace Frehley ein neues Kapitel. 1987 erschien mit Frehley’s Comet sein erstes Soloalbum seit dem legendären Ace Frehley von 1978. Songs wie Rock Soldiers, Into the Night oder Breakout zeigten Frehleys Gespür für eingängigen Hardrock und bewiesen, dass Frehley auch ohne Spacesuit eine Legende ist.
10. Sein Einfluss auf die Popkultur
Ace Frehley ist längst mehr als nur ein Rockstar. Er ist ein Archetyp, ein popkulturelles Phänomen, eine Idee. Der Spaceman lebt weiter – als Einfluss, als übergroße Heldenfigur, in Videospielen, Cosplays, Filmen und Comics. Ace Frehley hat sich in die DNA der Popkultur eingebrannt und beflügelt auch heute noch die Fantasie.