Ihr erster Soundtrack unter dem Namen Nine Inch Nails ist ein wahrgewordener Industrial-Noir-Albtraum: In Teilen Gott aus der Maschine, in Teilen Techno-Bunker – und immer von bedrohlicher Raffinesse.
TRON im Circle Store:
Das TRON-Universum stand immer schon für wegweisende Musik. Im Originalfilm von 1982 war es die elektronische Pionierin Wendy Carlos mit dem London Philharmonic Orchestra, für den Reboot legten Daft Punk so ziemlich die beste Musik ihrer Karriere vor – und jetzt, für TRON: Ares, dürfen Nine Inch Nails ran.
Bemerkenswert ist, dass wir es hier mit dem ersten Soundtrack zu tun haben, den Trent Reznor und Atticus Ross nicht unter ihren Klarnamen, sondern unter dem Namen ihrer Band veröffentlichen. Ist das wichtig? Hat das Gründe? Hört man das? Schauen wir mal. 2024 sagte Reznor über die Arbeiten an Ares zumindest Folgendes:
„Wir werden die Dinge ein wenig durcheinanderbringen und dabei wahrscheinlich einige Leute verwirren und uns selbst verwirren.“
Momente dystopischer Schönheit
Soll heißen: Als Nine Inch Nails können sich die beiden natürlich ein wenig mehr Freiheiten in Sachen düsterer Industrial-Aura gönnen, als man es von ihren zahlreichen früheren Soundtracks gewöhnt war. Auffallend ist daher auch gleich zu Beginn der Musik, dass wir es hier längst nicht mehr in dieser epischen, monumentalen Welt zuhause sind, die Daft Punk für TRON geschaffen haben. Die Welt, die Reznor und Ross mit Tönen zeichnen, ist dunkler, pessimistischer, abgefuckter, ein Hybrid aus dem Untergrund-Techno der Neunziger, metallischem Industrial-Schaben, nervösem Flackern und brillant gesetzten Momenten von dystopischer Schönheit. Willkommen in der Matrix.
Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir es hier immer noch mit Musik für einen Film zu tun haben, die in Sachen Dramaturgie und Aufbau natürlich anderen Regeln folgen muss als ein „herkömmliches“ NIN-Album. Die Größe von TRON: Ares liegt jedoch darin, dass uns die beiden Schöpfer das vergessen lassen. Liegt auch an den drei „richtigen“ Songs, die allesamt eine gute Figur im Kanon der Nine Inch Nails machen. Die Leadsingle As Alive As You Need Me To Be, der erste neue NIN-Song seit 2021, ist da ein gutes Beispiel: Düster wummernd, mit bedrohlichen Zwischentönen und ordentlich Kraft.
Nine Inch Nails zitieren frühere Werke
Die anderen Instrumentalstücke repräsentieren dann natürlich die Bandbreite, die man von einer Filmmusik erwartet. Von groß und laut bis sanft und leise. Zudem wird hier sehr deutlich, wie gut Reznor und Ross mittlerweile Emotionen in Töne übersetzen können. Mehr als bei früheren Soundtrack-Arbeiten meint man hier immer wieder frühere Phasen der Nine Inch Nails durchschimmern zu hören – konkret das Album The Fragile von 1999. Höchst willkommen natürlich – und eingebettet in eine ganz und gar originäre Soundwelt, die der ikonischen TRON-Musik ein weiteres unverkennbares Kapitel hinzufügt.
In Sachen atmosphärischem Sounddesign sind diese beiden mittlerweile eh auf einem schwindelerregend hohen Niveau angekommen, darüber müssen wir gar nicht debattieren. Ein düster-digitales Universum wie TRON scheint aus den beiden dann aber eben doch noch mal ein Quäntchen Genialität extra herauszukitzeln. Der Gott aus der Maschine hat gesprochen.