Review: Wie Fontaines D.C. auf „Dopamine Chamber“ den Zeitgeist definieren

Fontaines D.C.
Foto: Ewen Spencer

Fontaines D.C. liefern mit Dopamine Chamber den heiß ersehnten Nachfolger zum durch die Decke gegangenen Romance. Es wird synthetisch, entfremdet und medial. Warum bestimmt damit ausgerechnet diese Band aktuell, was cool ist?

Wie Fontaines D.C. zu den Cool Kids wurden

Wie sind wir hier gelandet? Das mögen sich vielleicht manche Fans von Fontaines D.C. fragen, die damals schon bei Dogrel (2019) oder A Hero’s Death (2020) eingestiegen sind. Aus dieser damals neuen irischen Post-Punk-Hoffnung wurde eine der wichtigsten Bands ihrer Generation. Dabei legten Fontaines D.C. sich aber über die Jahre auch mehr vom Zeitgeist dieser Generation zu: mehr Farbe, mehr aktuelle Themen, mehr 90s-Einfluss, mehr Synthetik und mehr Hip-Hop-Groove. Wenn man die poppigen Synths von Dopamine Chamber im Vergleich zum punkigen Debüt hört, könnte man nun denken: Verrenken Fontaines D.C. sich gar als Gen-Z-Sellouts?

Dass das nicht so ganz stimmt, ist schnell dargelegt. Klar, die grauen Stoiker und Poeten der frühen Tage trugen 2024 plötzlich neongrüne Klamotten und Raver-Sonnenbrillen. Klar, sie covern mittlerweile nicht mehr Nick Drake und The Velvet Underground, sondern Bring Me The Horizon und Lana Del Rey. Klar, wo einst noch zwei Akkorde, monotone Drums und gesprochene Gesangsmelodien reichten, sitzt jetzt Opulentes aus Streichern, Synthesizern und Ohrwürmern. Aber obwohl sie ihren Post-Punk-Stil und ihre ganz eigene Würze auf Skinty Fia perfektionierten, wäre das nicht auch alt geworden?

Dopamine Chamber von Fontaines D.C. für Zuhause:

Und es ist nicht so, als würden Fontaines D.C. auf einmal Pop-Punk machen und Singalong-Reels drehen. Ihr Image und ihr Stil sind immer noch artsy und vor allem einzigartig in der Musiklandschaft. Ein Rosalía-Feature auf dem neuen Album ist nun also keine Anbiederung an die Trends, denn auf ganz ähnliche Weise ist Rosalía eine Künstlerin, die eine alles andere als leicht bekömmliche Vision in die Mainstream-Popkultur bringt und die Allgemeinheit dazu bringt, sich damit auseinanderzusetzen. Passt also wie die Faust aufs Auge.

Was Fontaines D.C. nämlich anders als andere „Gitarrenbands“ in dieser Popkultur machen, ist, dass sie sich eben nicht dazu entscheiden, nur vage Images dessen zu bedienen, was TikTok als „Rockstars von damals“ sieht. Auch wenn sie einige musikalische Einflüsse aus vergangenen Dekaden nehmen, etwa Dream Pop, Post-Punk, New Wave oder 90er-Alternative, verarbeiten sie das in einen frischen Stil. Das ist kein Trendchasing; vielmehr bestimmen Fontaines D.C. aktuell in Indie-Kreisen, was cool ist.

Gefühlsverlust im Social-Media-Zeitalter

Und auch thematisch findet das im Jetzt statt. Denn auf Dopamine Chamber setzt Grian Chatten sich mit der Kultur der Gegenwart und Zukunft auseinander, insbesondere im Social-Media-Zeitalter: Reize von allen Seiten, Selbstdarstellung, Erwartungen, Ängste und stumpfe Begierde. Gefühle, die längst erkaltet sind, werden bombardiert mit Gefühlen, die das Internet einem als echt verkauft. Soziale Medien gaukeln einem Intimität vor, obwohl man dadurch wesentlich weniger miteinander interagiert, wie in Intimate präsentiert.

Einige Songs beschreiben Paare in unausgeglichenen und zerfallenden Beziehungen. Demolition etwa zeigt einen Protagonisten, der sich von seinem Gegenüber entfremdet hat. Dieses stützt sich aber weiter auf ihn, wahrscheinlich weil ohne einen Partner die Einsamkeit umso offensichtlicher vor der Tür stünde. Der Protagonist bedankt sich für diese Treue apathisch, obwohl ihm klar ist, dass die andere Person nichts von ihm hat: „Thanks for being a home / Thanks for being alone“. Und was ist die Flucht aus diesen Situationen? Natürlich das Internet mit all seinen Fake-Gefühlen (One Man). Es ist der Grund für die zwischenmenschliche Entfremdung und zugleich der Eskapismus aus dieser Entfremdung – also ein Kreislauf, oder wie der Albumtitel suggeriert: eine Kammer, in der sich alles reflektiert.

Stilwechsel in Alltag und Synthetik

In manchen dieser Momente ist es ungewohnt, wie casual und in welch unpoetischen Bildern Grian Chatten mittlerweile schreibt. In anderen schreibt er wieder so uneindeutig wie eh und je. Ähnliches lässt sich über die Musik sagen: Der peppige New-Order-New-Wave von Mimesis oder die Bond-Theme-Dramatik von Where Is Gone? klingen erstmal nach einem Spagat für die sonst so gleichmütigen Post-Punks. Andererseits ist etwa One Man melodisch wieder so minimalistisch wie früher. Was Fontaines D.C. mittlerweile gelernt haben, ist, in solchen Songs auch abseits des Gesangs viel Platz mit Melodie zu füllen, etwa mit Streichern, Backingvocals oder Klavieren. So können sich Tracks wie Tongue trotz all der Repetition entwickeln, indem sie zunehmend Instrumente dazukommen lassen.

Der Switch in synthetischere Klangwelten gelingt gut und passt obendrein zu den Themen. Wenn Gitarren auftauchen, unterstützen sie diese Texturen oder erinnern an 90er-Grunge oder The Cure. Den stilistischen Nagel auf den Kopf trifft Marianne, nicht ohne Grund die Lead-Single, denn sie ist zugleich 80er-New-Wave, dramatische Streichernummer und so übermannend trübsinnig, wie Fontaines D.C. es in ihren stärksten Momenten immer zu sein schaffen. Vor allem Grian Chattens Gesang ist ein Schlüssel zur besonderen Wirkung, die die Band heraufbeschwören kann. Seine Stimme hat seit jeher so etwas Unheilvolles wie auch Sehnsüchtiges. In Marianne springt er immer genau gegen den Rhythmus der Drums, wodurch ein Sog entsteht. Dabei liefert er seine typischen Singsangmelodien, von denen jede einzelne hier zum Ohrwurm wird.

Nostalgie und Untergangsstimmung

Ebenfalls ein böser Ohrwurm ist Japan, der gegen Ende des Albums etwas wärmere Vibes versprüht. Mellotron-Flöten und Gitarren erinnern an die Psychedelia der 60er und überdecken den Gefühlsverlust im Text mit einem nostalgischen Schwelgen. Das könnte ein echter Hit vom Album und ein Mitsing-Highlight für die späteren Slots des Live-Sets werden.

Solche Momente der Schönheit finden sich auf Dopamine Chamber immer wieder und noch öfter als auf früheren Fontaines-Alben. Das alles steckt zwar in sehr viel Untergangsstimmung und Abgestumpftheit, aber das sind schließlich Gefühle, die die Band schon immer beherrscht hat. Dopamine Chamber vertont diesen Treibsand an Emotionsverlust so bunt und mutig, wie das Jahr 2026 es verlangt. Das Unheil darin, das ist Fontaines’ DNA. Der neue Sound, das ist der vertonte Zeitgeist. Ohne Anbiederung oder Sellout, nur mit einem beobachtenden Auge.

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