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Zwei Typen sitzen im im Auto. Sie sagen nicht viel, aber sie kennen jede Kurve der Strecke auswendig. Mit dieser Szene beginnt The Great Divide — und mit ihr auch die Frage, die das gesamte Album durchzieht: Was bleibt von einem Ort, wenn man ihn verlassen hat? Noah Kahan weiß, wovon er singt. Stick Season (2022) machte ihn zum Stadion-Act; Grammy-Nominierung, Platinstatus, zwei ausverkaufte Nächte im Fenway Park. Das Nachfolgealbum hätte es fast nicht gegeben.
Das Album beginnt mit einer Klavierkaskade. Langsam, zögerlich, dann baut sich alles schichtweise auf, bis Kahans Stimme den Song in ein vollständiges Folk-Rock-Panorama überführt. „Everything you see out here will die", singt er in End Of August — und meint damit nicht nur Vermont.
Hier gibt’s The Great Divide von Noah Kahan als Vinyl:
Was das Schreiben so schwer machte
Im Gespräch mit dem Zach Sang Show-Podcast beschrieb Kahan, wie nah er dem Aufgeben war: „Es war eine unglaublich kathartische Erfahrung. Ich war so gestresst und so verloren, dass ich ernsthaft daran gedacht habe aufzuhören und als Greenkeeper auf meinem Golfplatz anzufangen.“ Gegenüber dem Hollywood Reporter erklärte er, worin das eigentliche Problem lag: „Ich will nicht feststecken. Es waren diese Ängste, die mir im Kopf herumspukten und das Schreiben so schwer gemacht haben, bis ich sie irgendwann einfach loslassen musste.“
Das Ergebnis ist sein bislang produktionstechnisch vielschichtigstes Album. Kahans langjähriger Mitstreiter Gabe Simon liefert das enge, trockene Gerüst: Fingerpicking im Vordergrund, Schlagzeug ohne Nachhall, Stimme nah am Ohr. Aaron Dessner, Mitgründer von The National und Produzent für Taylor Swift, Bon Iver und Gracie Abrams, baut darüber hinaus. Auf den Tracks, an denen er mitwirkte, schichtet Dessner Piano, Hammond B3, Mellotron, Baritongitarre und Banjo zu Arrangements, die Kahans Songwriting Raum geben, den Stick Season sich selten leistete. Kahan selbst sage in der Album-Biografie: „Diese Songs haben Momente von Musikalität, die Stick Season nicht hatte."
Gespräche mit der Vergangenheit
Die stärksten Momente des Albums sind Gespräche, die Kahan mit seiner Vergangenheit führt. In Porch Light bekommt er von einem Familienmitglied zu hören, er habe sich bereichert mit Geschichten über Leute, die nie gefragt wurden. In Haircut gibt Kahan jemandem das Mikrofon, der sich nicht beeindrucken lässt: kein Held, nur weil man vor laufenden Kameras weint. Öffentliche Verletzlichkeit ist noch kein Beweis für innere Veränderung, und wer zweihundert Jahre lang Steine geschleppt hat, lässt sich von zur Schau gestellter Zerknirschung nicht abspeisen. Schuld als Opferrolle zu verkaufen funktioniert nicht, wenn die andere Seite die Rechnung kennt. Die Anklage ist präzise und sie sitzt.
Downfall ist das kälteste Liebeslied des Albums. Kahan beschreibt jemanden, der eine Trennung nicht verarbeitet, sondern konserviert: das Haus bleibt, wie es war, die Tür bleibt angelehnt, und im Stillen hofft man, dass es der anderen Person nicht gut geht. Kein Schmerz, keine Wut mehr, nur noch eine stille, fast gelassene Schadenfreude.
The Great Divide ist eine emotional aufreibende Platte, die vieles in den Raum stellt, aber nichts auflöst. Downfall endet ohne Auflösung, Haircut ohne Versöhnung, Porch Light ohne Vergebung, bei vielen anderen Stücken ist das ähnlich. Genau das ist die Stärke des Albums. Wer tiefer einsteigen will: Die Netflix-Dokumentation Noah Kahan: Out Of Body begleitet Kahan durch denselben Zeitraum — und zeigt, was hinter den Songs steckt.