Die Welt brennt an allen Ecken und Enden, die Abscheulichkeiten, Absurditäten und Geschmacklosigkeiten nehmen offenbar kein Ende. Zwischen grausamer Gewalt, der „Flood the zone with shit“-Taktik und der Verschiebung der ewigen Grenze des Denk- und Machbaren ist es zweifellos auch in der Popkultur eine gute Zeit für Protest, für politische Statements und Songs, die mehr sind als eine reine Aufforderung zum Tanzen. Es ist gerade für U2, denen man ja immer ein großes Sendungsbewusstsein attestieren durfte, natürlich eine würdig-rechte Zeit, um neue Musik zu veröffentlichen. Überraschend und plötzlich war sie da, die neue EP Days of Ash. Sechs Songs als Vorbote eines neuen Albums, die aber ganz anders sein sollen als das, was uns die Iren in absehbarer Zeit auf ihrem neuen Longplayer servieren wollen.
Ein Song für Renee Good
U2 gehen ohne Umschweife in medias res – und richten den Blick auf die USA. Das Land, dessen aktueller Machtapparat geopolitische Gewissheiten verschiebt und innenpolitisch für bis vor kurzem unvorstellbare Zustände und Vorfälle sorgt, bildet den Ausgangspunkt. Der Mord an Renee Good durch einen ICE-Agenten, dem das Stück gewidmet ist, erschütterte die Öffentlichkeit nachhaltig. Mit American Obituary greifen U2 diesen Fall auf. Bono erklärt dazu, es gehe „nicht nur um Renee, sondern auch um den Tod eines Amerikas, das zumindest eine Untersuchung ihres Todes eingeleitet hätte – im Interesse ihrer Familie ebenso wie im Interesse der Glaubwürdigkeit der Strafverfolgungsbehörden und der entscheidenden Rolle, die sie für die Wahrung des Friedens und die Sicherheit der Bürger spielen.“
Im Song heißt es:
„Renee Good born to die free / American mother of three / Seventh day January / A bullet for each child, you see / The color of her eye / 930 Minneapolis / To desecrate domestic bliss / Three bullets blast, three babies kissed / Renee the domestic terrorist? / What you can’t kill can’t die.“
Im Refrain setzt Bono den Kontrapunkt:
„I love you more / Than hate loves war / I love you more / Than hate loves war (War, war).“
Eindeutig das plakativste Statement der Platte.
Iran, Palästina & Co.
Die Ereignisse in den USA sind jedoch nicht der einzige Krisenherd, dem sich das Dubliner Quartett auf Days of Ash widmet. Song of the Future erinnert etwa an Sarina Esmailzadeh, eine 16-jährige Iranerin, die 2022 im Zuge der Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini ums Leben kam. Der Track stellt Sarina ins Zentrum und versteht sich als Würdigung ihres Mutes und der Hoffnung, die mit der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ verbunden war. Mit Wildpeace integrieren U2 zudem eine Lesung des gleichnamigen Gedichts des israelischen Autors Yehuda Amichai, gesprochen von Adeola von Les Amazones d’Afrique. One Life At A Time ist dem palästinensischen Aktivisten Odeh Hadalin gewidmet, der 2025 im Westjordanland getötet wurde. Der Titel greift die Formulierung auf, dass Leben „eines nach dem anderen“ ausgelöscht würden – und kehrt sie als Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft um. Und der Closer Yours Eternally wartet nicht nur mit Ed Sheeran, sondern auch mit dem ukrainischen Musiker und Soldaten Taras Topolia auf. Der Song ist als Brief eines Soldaten angelegt und wird von einem Kurzfilm begleitet, der am Jahrestag der russischen Invasion der Ukraine Premiere feiern soll.
Das sind natürlich alles bedeutungsschwere Themen, nichts für einen entspannten Pop-Nachmittag zwischendurch. Thematisch wohlgemerkt – denn musikalisch ist das eine andere Sache. American Obituary ist eigentlich ein recht typischer U2-Opener. Verzerrte Powerchords, treibender Beat, Bono beginnt mit Sprechgesang, natürlich bleibt der hymnische Chorus nicht aus. Auf Tears of Things packt The Edge dann die Akustikgitarre aus, alles ist in Moll und getragen, langsam steigert sich die Ballade. U2 gehen im Grunde den Weg ihrer letzten Alben konsequent weiter. Moderne Popsongs, die ab und an das eine oder andere liebgewonnene Charakteristikum der Band vermissen lassen. Sagen wir’s mal so: The Edge hat den Fuß nur sparsam am Delay-Pedal, manchmal wünscht man sich, er wäre als Klangarchitekt ein wenig präsenter. Das nimmt der EP jedoch zu keinem Moment die inhaltliche Bedeutsamkeit.
Days of Ash: Pop statt Experiment
Days of Ash versucht gar nicht erst, den großen Hit in den Raum zu stellen. Die EP ist Bestandsaufnahme, Protest-Statement – getragen von Wut, Verzweiflung und einem Rest Hoffnung. Wohin die musikalische Reise von U2 auf dem nächsten Album führen wird, bleibt offen. Historisch ist diese Veröffentlichung vor allem wegen ihres politischen Zeitpunkts, weniger wegen musikalischer Innovation. Mit Songs of Innocence und Songs of Experience haben Bono & Co. eine ästhetische Richtung eingeschlagen, die sie konsequent fortsetzen. Nach dem unterschätzten No Line On The Horizon schienen sie an einer Weggabelung zu stehen: Pop-Appeal oder Experiment. Sie entschieden sich für Ersteres – und auch die neue EP folgt dieser Linie. Keine Frage: Es ist ein sehr guter Zeitpunkt für eine Rückkehr von U2.