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Foto: Anton Corbijn

25 Jahre „All That You Can’t Leave Behind“: Als U2 wieder zur größten Band der Welt wurden

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Die Neunziger haben U2 vor allem in der zweiten Hälfte nicht gut getan. Zu Beginn des neuen Jahrtausends besinnt sich die Band auf den Sound, der sie in den Olymp geschossen hat. Das Resultat: All That You Can’t Leave Behind, ein Album wie eine überlebensgroße Geste.

Hier gibt's All That You Can't Leave Behind auf Vinyl:

Was sollte nach den Achtzigern auch noch groß kommen? Wohin sollte eine Band, die die Dekade mit Alben wie War, The Unforgettable Fire oder The Joshua Tree nicht nur prägte, sondern dominierte? U2 traten damals die Flucht nach vorn an – und forderten ihre mittlerweile gigantische Fanbase nach Achtung Baby mit den Experimenten Zooropa und Pop.

Fair enough, wie man auf den Inseln sagt, aber insbesondere Pop war dann im Nachhinein selbst der Band zu viel. Man hatte sich verloren in Loops, Techno-Ästhetik und kruder Produktion von elektronischen Größen wie Flood. Sicher ein unterschätztes Album, gerade aus heutiger Sicht, und immer noch ein mutiges Statement einer Band, die sich neu finden wollte oder musste. Wer so verwöhnt ist wie U2, findet am Ende des Tages dann aber eine einzelne mickrige Platin-Auszeichnung zu wenig. Und als dann auch noch die dazugehörige Tournee weit hinter den Erwartungen zurückbleibt (noch mal: Stadion-Rock kommt nicht von ungefähr), ziehen Bono und Kollegen die Reißleine.

Gegenbewegung

Die Band merkt, dass sie sich verrannt hat, dass die zweite Dekade ihrer Existenz deutlich schwieriger zu meistern war als die erste. Logische Konsequenz: Man geht zurück zu den Wurzeln. Zum klassischen Bandsound. Alle Musiker in einem Raum, keine Experimente. Das mag man als Anbiederei abtun, aber es kann doch auch einfach mal sein, dass man sich als Band verrennt. Dass man auf etwas setzt, was sich dann doch nicht als die richtige Wahl herausstellt. Und dann wie aus einer Gegenbewegung heraus wieder Heil und Obdach in etwas sucht, in dem man sich früher wohl und zuhause gefühlt hat.

Also tun sich U2 erneut mit dem Produzententeam hinter ihren früheren Erfolgen The Joshua Tree und Achtung Baby zusammen, um ein Album wie früher zu schreiben. Mit Brian Eno und Daniel spielt man wieder als Band im Studio und schreibt Songs, die auf den grundlegenden Elementen Gitarre, Bass und Schlagzeug aufbauen. Wie früher eben. Das Ding ist eben nur: Die Zeit ist dennoch vorangeschritten. U2 sind nicht mehr die, die sie noch zehn, 15 Jahre zuvor waren. Deswegen ist All That You Can Leave Behind vieles – zaghafte Rückbesinnung, Konzentration auf die melodischen Stärken; keinesfalls aber ein Album, das klingt wie früher. Dafür ist zu viel passiert.

Die Magie ist zurück

Und das ist gut so: Anstatt vor 25 Jahren also auf den Nostalgiezug zu springen und ein zweites The Joshua Tree zu schreiben, schreibt die Band einfach ein Album, das wie The Joshua Tree klingt, aber eben durch die Brille des neuen Millenniums. Und genau das macht die Genialität, die Größe und die Zeitlosigkeit ihres zehnten Albums aus: Hier ist eine der größten Bands der Achtziger, die ein ganzes Jahrzehnt damit zubringt, sich zu verlieren und neu zu finden, unzählige Erfahrungen macht und Experimente zulässt. Und dann doch wie von selbst wieder zu ihrer alten, übergroßen, weltumspannenden Magie zurückfindet. Selbst Bonos Stimmbänder, so scheint es, finden nach Komplikationen eigens dafür zu alter Stärke zurück.


Dazu brauchen sie nur eine Single: Beautiful Day, eine der größten Hymne der Rockgeschichte, ist plötzlich da, einfach so, als hätte die Band nie etwas anderes gemacht. Und doch ist da eine gewisse Eleganz, eine gewisse Erfahrung, eine Raffinesse, die U2 in den Achtzigern noch nicht hatten. Genies waren sie schon immer, aber die stilistische Offenheit der Neunziger, gepaart mit diesem unerreichten Händchen für riesige Songs und Bonos Texten über Freundschaft, Zusammenhalt, Leben und Tod, kam nie wieder so gut zusammen wie auf diesem Album.

U2 bewerben sich um ihren alten Job

Scherzhaft teilen U2 im Vorfeld mit, dass sie sich „erneut um den Job der besten Band der Welt bewerben“. Damit beweisen sie Größe, Demut und Witz. Alles nicht unbedingt Tugenden, die man bei einer Band in diesem Stadium und in dieser schwierigen Phase erwarten würde. Aber alles Beweise für eine Band, die sicher ist, sich und ihren Sound wiedergefunden zu haben. Und es nicht erwarten kann, das mit der Welt zu teilen.


Der Erfolg mag dann nur Formsache sein. Bei U2 ist er zu diesem Moment aber wichtiger als der große Durchbruch mit The Joshua Tree. Es ist die Rückkehr zu ihrer spirituellen Größe, ein Album im Fundament von früher, das dennoch den Weg in ein neues Jahrtausend ermöglicht. Zwölf Millionen Menschen sehen das genau so. Ganze sieben Grammys gibt es für das Album. Zudem ist All That You Can’t Leave Behind das einzige Album der Musikgeschichte, das zweimal den Grammy für den besten Song bekommt – Beautiful Day 2001 und Walk On 2002.

Plötzlich klappt es auch wieder live: Über zwei Millionen Menschen wollen die Elevation-Tour sehen, die 113 Shows werden zur erfolgreichsten Tournee des Jahres. Und danach? Zeigen U2 mit How To Dismantle An Atomic Bomb, dass die Sache mit der Rückbesinnung keineswegs nur Marketing war. Und das macht All That You Can’t Leave Behind nur noch besser.


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