Mit ihrem neuen Album Futique kehren Biffy Clyro zu ihren Wurzeln zurück und wagen zugleich etwas Neues. Statt wie zuletzt an der sonnigen US-Westküste aufzunehmen, zog es die Band in den Winter nach Berlin. In den legendären Hansa Studios entstand ein Album, das die Melancholie der Stadt mit der Energie der Schotten verbindet. Wir trafen die drei im Spätsommer, zurück in Berlin, um über Futique und den Berliner Winter zu sprechen.
Berlin statt Los Angeles
„Wir wollten ein europäisches Album machen“, erzählt Frontmann Simon Neil. „Nach Jahren in Kalifornien hatten wir Lust auf etwas Dunkleres, Befreienderes.“ Bassist James Johnston ergänzt scherzhaft: „Ich war einfach müde vom Sonnenbrand in L.A.“ Die Band verbrachte den Winter in der Hauptstadt, umgeben von Schnee, Flohmärkten und Nachbarn, die trotz Großstadtanonymität zu Freunden wurden. „Berlin ist eine so wunderschöne Stadt zum Kreativsein“, sagt Neil. „Es gibt hier so viele großartige, kreative Menschen, so viele verschiedene Kunstformen und Ausdrucksweisen. Es fühlte sich einfach so an, als könnten wir uns im Berliner Winter zurückziehen und wie eine kleine Gang zusammen sein.“
Biffy Clyro nehmen sich Raum für Zufall
Aufgenommen wurde in den Hansa Studios, wo bereits Depeche Mode und David Bowie Geschichte schrieben. „Man spürt die Energie dieser Räume sofort“, erzählt Neil. „Das motiviert dich, Großes zu schaffen oder es wenigstens zu versuchen.“ Produzent Jonathan Gilmore half dabei, den Sound zwischen alten Synthesizern und modernen Ideen neu zu denken: „Mit Jonathan Gilmore zu arbeiten war großartig, weil wir viele der Synthesizer und anderen coolen Geräte benutzen konnten, die die Hansa Studios haben, die auch schon zum Beispiel Tangerine Dream verwendet haben.“
Im Laufe der Jahre habe die Band gelernt, beim Aufnehmen nicht zu konkret an ein fertiges Ergebnis zu denken. „Manchmal hat man ein ganz genaues Bild im Kopf und es ist einfach unmöglich, genau das umzusetzen. Deshalb versuchen wir, uns ein Stück Freiheit zu bewahren, etwa zehn bis zwanzig Prozent bei jedem Song.“ Die grobe Struktur stehe zwar fest, aber der Versuch, sich daran zu klammern wurde für diese Platte losgelassen.
„Der magische Moment ist das erste Hören des Mixes.“
Magie im Studio
Für Biffy Clyro liegt das Besondere an einem Album nicht in der Perfektion, sondern in den Momenten dazwischen. Simon Neil sagt: „Die Befreiung kommt beim ersten Mal, wenn man den neuen Song zusammen spielt, egal ob vor oder nach der Aufnahme. Der magische Moment ist das erste Hören des Mixes, es muss nicht einmal der endgültige sein. Das ist der Moment, der uns immer wieder zurückbringt, weil es Magie ist, die Romantik und das Mysterium der Musik. Du kannst denken, ein Song ist großartig und bekommst keine Gänsehaut, oder du nimmst etwas schnell auf und fühlst dich fantastisch. Mein Lieblingsmoment ist immer das erste Hören.“
Johnston ergänzt dazu: „Für mich ist es sogar noch früher. Wenn Simon das erste Mal eine Idee spielt. Das ist einer dieser Augenblicke, die man am liebsten in die Tasche stecken und behalten würde. Weil dann die Seele auf eine Reise geht, und man fängt an, nach Problemen zu suchen. Das ist ein Teil des Aufnehmens: Man versucht, die Probleme zu finden, damit man sie lösen kann. Aber beim ersten Hören gibt es keine Probleme. Es ist einfach pure, unverfälschte Freude.“
Songs über Soundgewitter und Intuition
Mit dem Song Dearest Amygdala greifen Biffy Clyro ein Thema auf, das zwischen Biologie und Emotion liegt. Die Amygdala spielt eine zentrale Rolle im Kampf-oder-Flucht-Modus, erklärt Simon Neil: „Also geht es um Instinkt.“ Für ihn selbst bedeutet das oft, dass er sich sehr viele oder zu viele Sorgen macht: „Ich habe immer diese adrenalinisierte Reaktion auf Dinge, und es kann etwas ganz Kleines sein, ein winziges Drama, und ich fühle mich, als würde die Welt zusammenbrechen.“ Genau dieses Gefühl bildet den Ausgangspunkt für seinen Song, der wie ein inneres Gespräch mit dem eigenen Gehirn wirkt: „Dieser Song ist wie ich, der versucht, mit meinem Gehirn zu reden: Kannst du ein bisschen rationaler sein und nicht nur emotional?“ Die Amygdala sei zwar „wichtig für unseren Überlebensinstinkt“, doch nicht jeder Tag sei ein Kampf um Leben oder Tod. Deshalb sei es seine Absicht, sein „Gehirn neu zu trainieren“, um weniger von reflexhaften Emotionen gesteuert zu werden.
Auch die Produktion von Tracks wie Hunting Season folgt dieser rohen Energie. „Wir wollten, dass es wie ein Blizzard aus Gitarren klingt“, sagt Johnston. „Einfach viele Gitarren. Wenn du willst, dass es wie ein Blizzard aus Gitarren klingt, musst du viele Gitarrenspuren aufnehmen, vielleicht sogar mit einem etwas saubereren Ton als in der Vergangenheit.“
Simon Neil ergänzt zusätzlich: „Es ist leicht zu denken, dass man viel Verzerrung oder Gain braucht, aber tatsächlich sticht die saubere Gitarre einfach besser durchs Mikro. Also ja, einfach viele Gitarren. Wir alle machen Dasselbe und ich denke, das trägt zu dieser Dichte bei.“
Dunkel, ehrlich, lebendig
Biffy Clyro haben mit ihrem neuen Album eine Platte geschaffen, die im Winter Berlins geboren wurde, aber voller Wärme steckt. Eine Rückkehr zum Wesentlichen und so, wie die Band einem vertraut ist: roh, menschlich und voller Herz.