Biffy Clyro haben sich Zeit gelassen für dieses Album, haben sich in den legendären Hansa Studios Berlin gesucht und neu gefunden. Das Ergebnis ist Futique – ein großes, emotionales Rock-Album, das in Arenen ebenso funktioniert wie über Kopfhörer.
Die Hansa Studios in Berlin sind ein mythischer Ort. Einer der sagenumwobenen und ikonischen Orte der Musikgeschichte. In Kreuzberg gelegen, nur einen Steinwurf von der Mauer entfernt, sind hier seit den Siebzigern einige der wichtigsten Alben der Popmusik entstanden. David Bowie erschuf hier Low, sein Kumpel Iggy Pop The Idiot, später wiederholten sie diesen Doppelschlag für Heroes und Lust for Life. Danach kommen Nick Cave und seine Bad Seeds, Depeche Mode, U2.
Biffy Clyro klingen größer denn je
Bis heute pilgern Bands und Artists in den legendären Meistersaal, um die Magie dieses Raumes zu atmen. Um etwas zu kosten vom Manna, das hier von der Decke tropft. Jetzt sind auch Biffy Clyro aus Schottland nach Berlin gepilgert. Nach neun Alben und bald 30 Jahren Bandgeschichte suchten sie nach sich, wollten sich neu erfinden. In Berlin ist das bis heute möglich. Vier Jahre nach The Myth of the Happily Ever After erschaffen sie in den Hansa Studios ein großes Album, das ihre Tugenden nicht einfach fortschreibt, sondern geradezu neu definiert. Konziser herausarbeitet denn je.
Diese Tugenden sind, das wird jedem Fan oder Sympathisanten klar sein, diese herzergreifend emotionale Herangehensweise an Alternative Rock, diese gigantisch großen Refrains, die sich emporschwingen und sprachlos machen, diese Balance aus Gitarrenwucht und Popsensibilität. Einen besseren Kreißsaal als die Hansa Studios hätte es dafür gar nicht geben können. Wenn sie groß klingen wollen, klingen sie plötzlich noch größer, und wenn sie sich ruhig nach innen kehren, kann man fast eine Stecknadel fallen hören.
Ein Hauch von Bowie
Man muss nur mal Friendshipping anspielen, um die Größe dieser Band zu verstehen: In der Strophe von nervöser Dringlichkeit, die fast an ihre grungigen Anfänge erinnert, in der Bridge erwartungsvoll, im Refrain dann direkt in die Stratosphäre. Das sind Songs, die in den großen Arenen der Welt zuhause sind, aber auch beim intimen Erleben über Kopfhörer ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen haben. Auch Hunting Season trägt die Seele der frühen Biffy Clyro in sich, während ein Stück wie Shot One oder Woe is Me, Woe is You (Achtung: der trifft unvorbereitet genau ins Herz) direkt den Einfluss von Hansa und Bowie zeigt. Diese fast schon glamourös-wavige Pop-Note kannte man bisher nicht von den Schotten. Aber man verliebt sich sofort in sie.
Das ist eh das Ding bei Biffy Clyro: Man kann diese Band einfach nicht nicht lieben. Ihre wunderbare Musik, ihre unvergleichlichen Live-Performances, ihre Art als Menschen, als Musiker. Und dann legen sie kurz vor Ende ihres zehnten Album mit Dearest Amygdala locker einen der besten Songs ihrer gesamten Karriere vor. Einfach so. Eindeutig: Biffy Clyro klangen noch nie so versöhnt mit ihrer gesamten Karriere und zugleich so neu und erfrischt. Das liegt natürlich nicht nur an ihrer Enscheidung, in Berlin aufzunehmen. Sondern auch nach 30 Jahren gewillt zu sein, neue Dinge auszuprobieren. Die gewohnten Pfade zu verlassen und das Glück in der Ungewissheit zu suchen. Ach ja, und an der Liebe: Wenn überhaupt, ist Futique nämlich ein Mahnmal, dass wir außer der Liebe nichts haben, das uns vor der Dunkelheit bewahrt.