Review: Tom Odell schließt mit „A Wonderful Life“ zu Jeff Buckley und Damien Rice auf
platten05.09.25
Tom Odell klingt auf seinem tragisch-schönen neuen Album A Wonderful Life weniger wie ein klassischer Songwriter und eher wie eine herzzerreißend traurige Unplugged-Variante der intimsten Radiohead-Momente.
Tom Odell war immer schon eine Nummer für sich. Klar, man zählt ihn seit jeher zum Stamm der Singer/Songwriter, die mit ihrer Wandergitarre traurige Lieder über dieses aberwitzige Leben schreiben. So wirklich reingepasst in diese Posse hat der Südengländer aber nie. Das fängt schon bei seinen Gründen an, solo und nicht etwa mit Band unterwegs zu sein. Eher zufällig wurde er Sänger, und zwar deswegen, weil seine damalige Band einfach keinen Frontmann halten konnte. Nach einigen Jahren in wechselnden Bands hatte er es satt; nicht etwa, weil er das Rampenlicht für sich allein wollte. Sondern weil er sich „nicht auf andere verlassen wollte“, wie er mal sagte.
Keine Lust auf Popstar
Die Sache ist aber nun mal die: Wenn es dann nicht klappt, hat man niemanden, auf den man diese Schuld abwälzen kann. Kein Problem für Thomas Peter Odell. Mit 18 entscheidet er, doch nicht die University of York zu besuchen, mit kaum 20 zieht er nach London, um Solokünstler zu werden. Das ist im Jahr 2010. Und wenn man jetzt bedenkt, dass er 2012 schon mit seiner ersten EP für einen BRITs Critics‘ Choice Award nominiert wird und zwei Jahre später den Ivor Novello Award für Songwriter des Jahres gewinnt, dann kann man eines festhalten: Es hat ganz gut funktioniert.
Und dann ist die Sache eben wieder die: Wenn es klappt, hat man alles für sich allein. Tom Odell erobert von England aus die Welt, veröffentlicht wunderschöne Platten, entscheidet sich irgendwann sogar, sein Major-Label zu verlassen, um es als Indie-Artist zu versuchen. Ausgerechnet dann landet er mit Black Friday seinen bislang größten Hit. Er wollte eben kein glatter Popstar mehr sein. Sondern Musiker.
Oktobermelancholie
Und jetzt? Macht er natürlich genau so weiter. Sein neues Album A Wonderful Life ist purer Seelenbalsam, ein Gegengift zum Wahnsinn dort draußen. Es sind Lieder, die den gegen die Fensterscheiben pochenden Regentropfen des heraufziehenden Herbsts eine Melodie geben. Die so klingen wie das Laub, das sich langsam an den Bäumen verfärbt. Die Wärme des Sommers ist noch nicht verflogen, aber die Oktobermelancholie streckt schon ihre Finger nach uns aus. Kurz gesagt: A Wonderful Life ist Musik für eine Tasse Tee in tiefster Verzweiflung.
Eher Radiohead als Ed Sheeran
Musik wie diese gibt es viele. Doch Odell tappt nicht in die sentimentale Falle vieler seiner Kolleg:innen. Bei ihm ist nichts melodramatisch, kitschig oder pathetisch. Es ist im Grunde nicht mal Pop, was der Künstler hier liefert. Sondern emotionale, introspektive Musik auf hohem Niveau, eher Radiohead unplugged als Ed Sheeran. Vielleicht mehr denn je in seiner Karriere empfiehlt sich Tom Odell hier als ein neuer Jeff Buckley oder Damien Rice, einer, der sein Innerstes nach außen kehrt ohne unser Mitleid zu wollen. Er schreibt Lieder, um sich selbst besser zu verstehen – und gibt uns die Möglichkeit, es ihm gleichzutun. Diese Form von Dialog zwischen Artist und Hörer:in ist selten und kostbar.
Der Titel des Albums kommt dabei nicht ohne feine Ironie aus: Das Album blickt auf das Scherbenfeld unserer Gesellschaft, findet zunächst mal Dystopie und Untergang. Aber eben auch – und daher der Titel – einen Schimmer von Schönheit und Hoffnung. Es könnte alles so schön sein. Aber wir stehen uns selbst im Weg. Das vertont er mit seiner warmen, leicht brüchigen Stimme, Akustikgitarre, bewusst platzierten Streichern und manch lautem Ausbruch in Indie-Rock-Stürme, die erneut an Radiohead denken lassen, diesmal sogar eingestöpselt.
Der Versuch, die Einsamkeit des Daseins zu lindern
Empathie und Ehrlichkeit beherrschen das Album, das in neun intensiven Monaten in Bussen, Zügen, Flugzeugen entstand – überall dort, wo sich der 34-Jährige zwischen Tourterminen und Momenten des Alleinseins wiederfand. „Ich habe jeden Tag an den Texten gefeilt, immer und immer wieder. Es war wie eine Obsession“, sagt Odell. Eine Obsession, die in der Musik direkt gespiegelt wird: Sie ist präzise, mal voller Zärtlichkeit, mal schmerzhaft direkt. Immer aber: echt.
Echter denn je ist Odell in der schneidenden Nummer Ugly. „You don’t wanna touch me / Don’t wanna fuck me / ‘Cause I’m ugly“ singt er da. Da muss man durchaus mal schlucken. Und dann gleich merken, wie heilsam das ist. Wie gut es tut, wenn man es einfach mal ausspricht. Es passt zu einem Album, an dem nichts glatt ist. Der Perfektionismus, den er beim Songwriting walten lässt, findet sich in den Aufnahmen nicht wieder: A Wonderful Life wurde live aufgenommen, was angesichts der Chöre, Streicher und Drums durchaus ein Meisterstreich ist. So wirkt alles nah, alles direkt, mit dem gewissen Effekt, dass die Instrumente ineinander bluten. Es passt zu einem Album, das ebenfalls eine Menge blutet. Und viel bewirken kann. Es geht ihm nämlich um ein kollektives Erleben – und den Versuch, „die Einsamkeit des Daseins ein wenig zu lindern“.