Mit Dog Eared erschien vor kurzem das neue Album der Singer-Songwriterin Billie Marten. Im Interview reflektiert sie mit uns ihre Liebe für Tiere und Bücher.
Ein neues Album zu veröffentlichen, ist immer aufregend, auch wenn man den Prozess schon öfters erlebt hat. Billie Marten hat vor kurzem mit Dog Eared ihr fünftes Studioalbum herausgebracht und ist total zufrieden – vor allem, weil sie weiß, dass sich so ein Release-Tag auch anders anfühlen kann: „Beim zweiten Album hatte ich niemanden, mit dem ich das verbringen konnte. Das können sehr traurige Tage sein. Sie vermitteln fast ein mulmiges Gefühl, das man manchmal bekommt, wenn man etwas teilt.“ Die Veröffentlichungsphase dieses Albums sei aber bisher ihr Favorit, erzählt sie.
Zurückhaltung, Austausch und Performance-Art
Dass Dog Eared so mit Freude verbunden ist, liegt auch daran, dass es ein sehr kollaboratives Album ist. Billie Marten hat als Singer-Songwriterin natürlich die Zügel in der Hand und sich auch in der Vergangenheit an den richtigen Stellen unterstützen lassen. Dieses Mal aber gab sie noch mehr Entscheidungen als zuvor ab. Das kann ungewohnt sein: „Ich nehme an, man selbst stellt etwas weniger zur Verfügung. Man kann nicht alles teilen, was man mitbringen könnte. Aber das ist eine gute Sache, weil Zurückhaltung sehr wichtig ist.“
Denn der Prozess hatte für sie eigentlich nur Vorteile: „Ich habe herausgefunden, dass ich viel mehr aus der Energie anderer Menschen aufnehme als aus meiner eigenen“, erzählt Marten. „Alles war neu, die Stadt war neu, es war eine neue Art, Dinge zu tun. Für mich waren darin eine Menge kindlicher Entdeckungen enthalten. Ich halte mich für eine neugierige Person, und wenn man ein Album mit solchen Charakteren macht, kann man diese Kiste voller Kuriositäten öffnen.“ Für Dog Eared arbeitete sie mit vielen angesehenen Studiomusiker:innen sowie dem Produzenten Phil Weinrobe (bekannt für seine Arbeit mit Adrianne Lenker) zusammen.
Alle spielten ihre Instrumente gleichzeitig ein und das hört man. Und obwohl da teilweise zehn Leute am Werk sind, spielen alle so sanft und überlegt, dass eine warme Ruhe entsteht und vor allem Billie Martens Songs im Vordergrund stehen. Marten erklärt, welch ein Drahtseilakt das war: „Ich habe viele Alben live und mit allen in einem Raum aufgenommen, aber dieses hier war anders. Es stand mehr auf dem Spiel. Und der Risikofaktor, ein Album zu machen, sollte meiner Meinung nach ziemlich hoch sein. Es bedeutet, dass im Raum von allen eine Art zaghafte, verängstigte Energie herrscht, aber niemand sie teilt. Es ist keine Angst, aber potenzielle Energie. Wir hatten die Kraft, ziemlich viel zu tun. Also mussten wir Dinge zurückziehen und Dinge aussenden und unglaublich leise und zart spielen, aber dennoch eine Wirkung erzielen. Da steckt viel Performance-Art drin.“
Hunde, Esel, Bücherwürmer
Was bedeutet Dog Eared überhaupt? Klar, wörtlich übersetzt, denkt man erstmal an die Ohren eines Hundes. Aber der Begriff steht auch für Eselsohren, wie man sie in Buchseiten reinknickt. „Ich bin mit dem Lesen aufgewachsen“, erzählt Marten. „Mein Vater war Texter und meine Mutter schreibt Gedichte. Und mir wurde immer beigebracht, Bücher zu respektieren: den Buchrücken nicht zu verbiegen und keine Eselsohren reinzumachen, sondern das Lesezeichen zu verwenden. Das ist etwas, das ich als Erwachsene völlig verworfen habe. Ich kritzele Dinge hinein, unterstreiche jeden Satz, der mir gefällt, und die Bücher dürfen auch mit ins Meer und dreckig werden. Ich liebe und respektiere sie immer noch, aber auf eine andere Art und Weise. Und ich schätze, metaphorisch habe ich viel Synergie innerhalb dieser Idee gespürt.“
Denn es ist auch ein sehr nostalgisches Album geworden. In Songs wie Feeling versetzt Billie Marten sich in Eindrücke ihres Kindheits-Ichs zurück. Als würde sie ihre Vergangenheit durchgehen und Eselsohren an bestimmte Momente machen. „Ich hatte starke Kindheitserinnerungen, klare Bilder und Momente, die mir einfielen, als ich Lieder schrieb – es gab also offensichtlich eine Anziehungskraft. Ich denke, das liegt einfach daran, dass ich einen Großteil meiner Kindheit verloren habe, als ich in der Musikindustrie aufgewachsen bin, und einen Großteil meiner frühen Erwachsenenzeit damit verbracht habe, zu leugnen, dass ich jung war.“
Billie Marten begann schon mit 12 Jahren, Cover auf YouTube zu posten. Schnell bekam sie dafür Aufmerksamkeit und veröffentlichte ihre erste EP, als sie 15 war. „Dass immer mein Alter genannt wurde, hat mich genervt und ich habe mich immer nur ‚für mein Alter‘ gut gefühlt. Also finde ich Alter und Identität wirklich faszinierend; das sind die beiden großen Themen des Albums. Was ist unser Kern? Und die Antwort lautet: Es gibt keinen einzigen Teil von uns, wir sind facettenreiche, komplexe und nuancierte Menschen.“
Abkehr vom Gedanken „Warum bin ich so scheiße?“
Wenn Marten an diese frühe Zeit ihrer Karriere zurückdenkt, sieht sie die Entwicklung, die sie seitdem als Künstlerin gemacht hat, deutlich: „Mit jedem Album habe ich mehr und mehr das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben – und am Anfang hatte ich überhaupt keine Kontrolle. Die Dinge fühlten sich nicht an, als ob sie mir gehörten, aufgrund der Tatsache, dass Hunderte von Leuten beteiligt waren und ich immer mehr in die Pop-Welt gedrängt wurde.“ Dennoch sei alles so gekommen, wie es gekommen musste, meint sie: „Jetzt habe ich das Gefühl, einen schönen, kleinen Bereich der Musik geschaffen zu haben, in dem ich mich sicher und glücklich fühle.“
Nach der Vergangenheit sehnt sie sich auf Dog Eared also nicht zwingend. Ob das Album absichtlich so alt und nostalgisch klingen sollte, wie es klingt, kann sie auch nicht sagen: „So weit habe ich gar nicht gedacht. Ich wollte, dass es warm und leicht ist. Es gibt dunklere Elemente, aber es gibt hier keinen wirklichen Herzschmerz. Der größte Teil meines Songwritings drehte sich immer um die Frage: ‚Warum bin ich so scheiße?‘ Also habe ich beschlossen, dieses Narrativ loszuwerden, und damit kam viel Licht und Witz und Bewunderung für das Leben.“ Ein bisschen mehr Positivität also, und das ist doch auch mal etwas Schönes.
Beruhigende Natur
Inspiration zieht Billie Marten oft aus der Natur; das merkt man in den Metaphern, die sie in ihren Texten nutzt. Sie beschreibt die Natur als „das ultimative Songwriting-Tool. Wenn man ein Gefühl verspürt, gibt es ein Wetter, eine Pflanze, ein Tier, einen Ort, eine Farbe, um das zu beschreiben. Ich bin in einem schönen Teil von Yorkshire im Norden Englands aufgewachsen. Und ich habe viel Trost darin gefunden, dort zu leben. Wenn die Menschen mich nicht verstehen konnten, hatte ich das Gefühl, dass die Natur es konnte, und sie wurde schnell zu meiner Quelle.“
Selbst der Albumtitel hat ja einen Bezug zur Natur und zur Tierwelt. In den letzten Jahren habe sie bemerkt, dass sie Tiere in ihrem Leben brauche und diese eine beruhigende Wirkung haben, erzählt Marten. „Und wiederum kann man eine Person verkörpern, indem man sie als Tier beschreibt. Und es gibt auch ein paar Anspielungen auf Hunde im Album. Mit dem Titel wollte ich wahrscheinlich einen spielerischen, kindlichen, neugierigen Teil von mir öffnen.“
Und diesen Teil möchte sie nun weiter erkunden. Nicht nur der kollaborative Ansatz des Albums soll bleiben, auch die Themen. Es sei noch nicht sicher, aber Dog Eared könnte zum ersten Teil einer Albumreihe werden, meint Marten: „Die Idee war, dass wir zunächst in dieses Kapitel ein Eselsohr machen und dann zurückkommen und Teil zwei machen. Es vermittelt den Gedanken, dass wir einfach nur einen Platzhalter in die Zeit einfügen – und das ist es, was Alben sind.“