Helge Schneider wird 70 Jahre alt – und wir verneigen uns vor dem einzigartigen Künstler mit einer persönlichen Würdigung.
„Hallo, hier ist Helge.“ Manchmal bekommt man Anrufe, da realisiert man erst nach einigen Sekunden Redezeit, wer da am Telefon ist. Als mein Telefon während der Corona-Zeit klingelte und sich eben ein Helge am Telefon meldete, dauerte es ein paar Momente, bis ich so richtig realisierte: Ach, das ist tatsächlich Helge-Helge. Andererseits, Helge ist sowas wie Beyoncé oder Sting, klar heißen andere Leute so, aber irgendwie dann doch auch wieder nur er.
Der Hintergrund: Während des Lockdowns dachte ich, ich könnte doch mal versuchen, ob Helge – einer meiner großen Helden aller Zeiten – nicht Zeit für ein Interview hätte. Ich hatte damals gerade einen neuen Blog am Start und schrieb, weil ja gerade auch alle von mir verehrten Künstlerinnen und Künstler zuhause saßen, diese einfach wegen Interviews an. Bei Helge meinte sein Webmaster, er würde sich melden. Als ich nachfragte, nochmal: „ich sag’s Helge: Er meldet sich.“ Okay, war dann also tatsächlich Helge. Ja, klar, Interview könne man machen. Zoom ginge, aber wenn ich Lust habe, soll ich doch bei ihm daheim in Mühlheim an der Ruhr vorbeikommen.
Wie viele andere hielt und halte ich Helge natürlich stets für einen der Allergrößten. Ich hatte Texas und 00 Schneider öfter gesehen als alle anderen Filme, seit meiner Kindheit vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens fünfmal am Tag ein Zitat aus diesen Filmen bringe. Am besten Deep Cuts. Helge live? Großartig, oft gesehen. Die Hörspiele? Godlike. Ich nahm mir fest vor, KEIN Helge-Zitat zu bringen („Genau! Ist Nussholz!“, „Diese Skulptur ist aus dem Jahre eins, und das hier ist der…“, „Ich brauche keine Waffe, ich ermittle ausschließlich mit dem Gehirn!“ ), wenn ich ihn bei sich zuhause besuche. Um diese persönliche Anekdote zu einem Abschluss zu bringen: Das Interview war toll, wir saßen auf seiner Terrasse in Mühlheim, quatschten über Jazz und Erwartungshaltungen, Üben und Improvisieren, später zeigte er mir sein Tonstudio, ein paar Filmrequisiten. Das Interview gibt’s, falls es euch interessiert, hier zu lesen.
Jetzt wird Helge Schneider also 70 Jahre alt. Grund genug, ihm hier ausführlich zu huldigen.
Helge, der Einzigartige
„I contain multitudes“ sang Bob Dylan. Auf Helge Schneider, den großen Mühlheimer Musiker und Humoristen, trifft das ganz besonders zu. Helge in eine Schublade zwängen zu wollen, ist sinnfrei. Es kann sich jeder den Helge rauspicken, gut befinden oder nicht gut befinden, der er will. Etwa den grandiosen Musiker, den Jazzer, den Multiinstrumentalisten, der als Jugendlicher in heimischen Jazzclubs die US-amerikanischen Größen anschaute und erkannte, dass er das auch kann, nur etwas anders vielleicht. Ein hochbegabter Alleskönner an den Instrumenten, der sein großes Talent schlussendlich über weite Strecken auch wieder in den Dienst des Humors, der Albernheit stellt.
Den Filmemacher mit dem Hang zum Absurden. Von den ersten Filmen, in denen er mitspielte (Stichwort: Werner Nekes sowie Helgers Freund Christoph Schlingensief) – bis zu seinen eigenen Werken. Nicht zu vergessen auch sein Händchen für Mitstreiter. Peter Thomas (der Nasenmann!), Sergej Gleitmann, der oft schlecht behandelte Teekoch. Helmut Körschgen, Helges Partner in Crime in Texas und 00 Schneider. Der großartige, leider schon verstorbene Andreas Kunze als Docs Mutter in Texas und Kommissar Schneiders Ehegattin.
Den Erschaffer von großartigen Hörspielen, oder auch nur die Oberfläche, das Katzenklo, das Möhrchenlied. Helge ist für alle da, und in erster Linie für sich selbst und für den Moment und das Improvisieren, denn wenn das Publikum ihm zu blöd wird, gab’s in der Vergangenheit schonmal „Strafjazz“ wie er das nennt. Über allem, immer wieder: die Improvisation. Helge Schneider spielt mit Erwartungen, mit seinen eigenen, aber besonders mit denen der anderen. Wenn ein TV-Moderator erwartet, dass er die singende Herrentorte vor sich hat, macht Schneider schonmal ernst. Und umgekehrt. Seine TV-Interviews sind sowieso eine eigene Kunstform.
Improvisieren ist Freiheit
„Wenn man improvisiert, braucht man seinen Freiraum. Freiheit ist so ziemlich das Wichtigste, das man haben muss, um improvisieren zu können. Freiheit heißt auch, in Ruhe gelassen zu werden. Wenn immer Leute schreien, ist man abgelenkt und kann manchmal nicht mehr klar denken“, erzählte er in unserem Interview. Und weiter: „Man kann nicht mehr phantasieren, man ist plötzlich durch einen einzigen Zwischenruf abgelenkt. Damals war ich vielleicht ein bisschen überarbeitet, dann konnte ich die Sachen, die ich da anfangen wollte, einfach nicht weitermachen. Da war ich wirklich sauer. Dann hab ich gesagt ‚Jetzt spiele ich denen einfach mal ne halbe Stunde Klavierjazz vor‘ und habe dann improvisiert. Viele von denen fanden das aber gut. Ich habe mir mein Publikum über Jahrzehnte erzogen, habe ich das Gefühl. Wenn ich damals immer das gemacht hätte, was man von mir erwartet, dann würde ich, glaube ich, jetzt gar nicht hier sitzen, in die Zukunft schauen und mal gucken, wann die nächsten Konzerte sind. Dann hätte ich vielleicht gar keine Konzerte mehr.“
Helge Schneider nimmt das Absurde im Alltäglichen, das Alltägliche im Absurden. Er dreht es und wendet es genüsslich, betrachtet und seziert es von allen Seiten, zelebriert es. Nimmt sich Versatzstücke aus allem, improvisiert. Er jongliert mit Sprache und Bedeutungen, mit Erwartungen. Geschult von Beobachtungen bei Eduscho (so lautete auch sein Spitzname, zumindest erzählte er das einmal im Fernsehen), von alten, grimmigen Leuten, vom bürgerlichen Leben, von der Tristesse und der Albernheit.
Seine Einflüsse sind unter anderem Grok der Clown und Roland Kirk, von Miles Davis fand er einmal als Jugendlicher eine Platte im Müll, der war auch wichtig. Jede Menge Jazzplatten, klassische Musik auch. Helge hat etwas gemacht, was wenige schaffen: etwas einzigartiges. Er hat in der deutschen Kultur- und Humorlandschaft eine Ausnahmestellung, thront über allem, nimmt nichts davon besonders ernst, ist deswegen so gut. Klamauk und Beethovensonate, wilde Soli und Teekoch auf der Bühne, Musikalität und „scheiß drauf, schauen wir mal, was der Moment bringt“.
Gerade ist Helges neuer Film The Klimperclown erschienen. Es geht um Helges Leben, es ist natürlich hundertprozentig alles zur Gänze akkurat. Er tourt immer noch wie ein Verrückter, das mag er offenkundig am liebsten.
Wie beendet man so eine Huldigung am Besten? Machen wir’s doch mit einem Zitat aus Jazzclub: Jazz, jazz, jazz, sag’s nochmal. Jazz, jazz, jazz.
Alles Gute, Helge.