Maisie Peters im Interview: Von Coming Of Age zu „Wenn man erst einmal erwachsen ist“

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Foto: Brittany Long/Getty Images

Maisie Peters im Interview: Von Coming Of Age zu „Wenn man erst einmal erwachsen ist“

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Maisie Peters blüht im strahlenden Frühlings-Modus auf. Die britische Pop-Musikerin erzählt uns im Interview von ihrem neuen Album Florescence, das eine neue Version ihrer selbst manifestiert und sie vor die Herausforderung gestellt hat, tiefgründige Lieder übers Glücklichsein zu schreiben. 

Seit der Ankündigung des dritten Studioalbums von Maisie Peters sorgt die Britin für ein Popspektakel nach dem anderen. Schließlich hat sie lange dafür gearbeitet, jetzt genau dort zu stehen, wo sie ist. Mit ihrem Breakthrough-Album The Good Witch ging Peters lange auf Tour, supportete Taylor Swift, Coldplay, Conan Gray und Noah Kahan. Mit verspielten Popsongs übers Älterwerden köderte sie ein kontinuierlich wachsendes Publikum, landete mehrere Hits, feierte ausverkaufte Konzerte und ging mit kurzen Snippets mehrfach viral. Was soll da noch kommen? Kann das ewig so weitergehen? Denn obwohl Maisie Peters gerade auf allen Ebenen abliefert, hat sie Ruhe und Geborgenheit in ihr Leben gelassen. Ein starker Kontrast zu ihren vorherigen Songs über schmerzvolle Selbstfindung und zum getriebenen Newcomer:innenalltag, der sie so viele Jahre begleitet hat.

Florescence dreht sich ums Ankommen, um Gelassenheit und Freude. „Bei diesem Album ging es darum, erwachsen und die erste komplett fertige Version von sich selbst zu werden“, erklärt die Musikerin mit dem frechen, hellblonden Kurzhaarschnitt und lacht. Dabei ist es gar nicht mal so leicht, ein Album in der Ruhe zu schreiben. Schon Florence + The Machine schrieben in No Choir „And it’s hard to write about being happy / ’Cause, the older I get / I find that happiness is an extremely uneventful subject“ – Zeilen, die mit Peters räsonieren. „Mein letztes Album entstand in einer verrückten Zeit, in der ich um die Welt tourte und voller Adrenalin steckte. Florescence ist in einer viel ruhigeren Zeit entstanden. Was ich dabei interessant finde: Es ist definitiv schwieriger, Musik zu machen, die sich friedlich, klein und ruhig anfühlt.“ Und doch ist es ihr geglückt, auf dem Album eine behagliche Zärtlichkeit einzufangen. Die neu gefundene Zufriedenheit bedeutet nicht, dass uns Maisie Peters auf Florescence eine rosa-rote Welt präsentiert. Schon der Opener Mary Jane erzählt von den körperlichen Unzulänglichkeiten in einer Welt des Perfektionszwangs. Durch weiche Harmonien bekommt der Titel dennoch eine versöhnliche Note. Peters präsentiert sich hier sicher in ihrer eigenen Haut.

Ein Album für alle Jahreszeiten

Mit den ersten Singles erfreut Maisie Peters uns schon seit dem letzten Oktober: Audrey Hepburn und You You You erschienen als charmante Doppelsingle. Eine ungewöhnliche Releasestrategie, die sich nun über ein Dreivierteljahr zieht, aber die zum Sound des Albums passt: „Es sollte saisonal klingen, es gibt etwas für den Sommer, etwas für den Herbst, und dann gibt es My Regards, aber auch Audrey Hepburn. Es hat viele verschiedene Facetten“, beschreibt Peters die Vision, die dieses vielfältige Werk begleitet. Die Gänseblümchen, die das Album visuell schmücken, zeigen also nur einen Teil dieses Albums.

Dabei war sie dieses Mal nochmal etwas federführender, was den gesamten Sound der Platte anging: „Lange Zeit hätte ich gesagt, dass ich definitiv keine Produzentin bin, weil ich nicht immer alle Knöpfe drücke. Aber mit zunehmendem Alter habe ich gelernt, dass Produzieren viel mehr ist als das: Es geht darum, die Person zu sein, die die klanglichen Entscheidungen trifft, was ich definitiv schon seit langer Zeit tue.“ Dafür hat Maisie Peters einen Sound gewählt, der stärker in ihren Anfängen verankert ist. Folkmomente treffen auf Singer-Songwriter-Attitüde und trotzdem schlägt ihr großes Popherz, das sie letztlich auch ins Vorprogramm von Swift und Sheeran brachte, immer wieder laut hindurch. Par excellence machen das die Songs Say My Name In Your Sleep und Old Fashioned vor. Durch verspielte Banjos und einen robusten Stampf-Beat wird der Folksound hier richtig greifbar und webt sich in die Erzählstruktur Peters ein.

Bei diesem dritten Album stand Maisie Peters durchaus vor Herausforderungen und großen Entscheidungen. Ein Song, der ihr Kopfzerbrechen bereitete, war zum Beispiel der bereits erwähnte Opener Mary Jane. Peters erklärt, sie hätte ihn sehr schnell geschrieben und zunächst sei er sehr einfach von der Hand gegangen. Aber genau deshalb kamen Zweifel auf: „Er klang so sehr wie eine Seite aus einem Tagebuch, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, er sei vielleicht zu nischig oder zu einfach, und eigentlich glaube ich, dass ich mich damit nur gegen die echte, rohe Ehrlichkeit darin gewehrt habe.“

Verschmitzte Anrüchigkeiten

Ein anderer Song, der mit einem ganz besonderen und persönlichen Ton daherkommt, ist die Single My Regards. Mit einem Augenzwinkern verbindet Peters hier eine sexuelle Anspielung mit der nächsten und tritt damit in die Fußstapfen von Sabrina Carpenter. „Das Album handelt davon, erwachsen zu werden und sich zu entwickeln. Wenn meine vorherigen Alben Coming-Of-Age-Alben waren, dann ist dieses Album so etwas wie ‘Wenn man erst einmal erwachsen ist’. Und ja, es war ganz natürlich, darüber zu schreiben. Es fühlte sich leicht und unterhaltsam an.“ Die Ironie und die hochgezogenen Augenbrauen, mit denen Peters Zeilen wie „ride or die“ vorträgt, halfen der Musikerin dabei, auch solche Noten auf Florescence zuzulassen und immer wieder einen verschmitzten, dreckigen Witz in die Lieder einfließen zu lassen. 

Einen ganz anderen Ton schlägt der Titel Kingmaker an. Der Song sticht allein durch sein Feature hervor, denn an der Seite von Maisie Peters ist Julia Michaels zu hören. Die beiden singen hierbei von einem Phänomen, dem die Musikerin erstmals in einem Buch begegnete. „Das Wort ‘Kingmaker’ stammt aus dem Buch Wolf Hall von Hilary Mantel und bezieht sich auf jemanden, der hinter den Kulissen die Fäden zieht und Menschen in Machtpositionen bringt“, erklärt Maisie Peters, die in regelmäßigen Abständen ihre aktuelle Lieblingsliteratur teilt und mit großen Bücherstapeln posiert. Peters hat den Begriff, etwas umgedeutet und abstrahiert: „Ich denke, gerade Frauen können sich mit der Vorstellung identifizieren, dass man, wenn man in einer Beziehung mit jemandem ist, zumindest nach meiner Erfahrung, so viel getan hat, so viel investiert und unterstützt und geholfen und aufgebaut und ermutigt hat und all diese Dinge für diese andere Person getan hat. [...] Wenn ich auf diesen Austausch zurückblicke, gibt es viele Momente, in denen ich denke: Wow, ich habe diese Person definitiv an einen Ort gebracht, den sie ohne mich nicht hätte erreichen können.“ 

Das Duett ist ein Highlight dieses Albums. Und es ist nicht das einzige. Auf If You Let Me arbeitete Maisie Peters mit ihrem Idol Marcus Mumford zusammen. Peters beschreibt: „Ich denke, bei Florescence muss man oft wirklich genau hinhören. Es wird nicht der lauteste Song sein, den man im Radio hört. Es wird nicht der verrückteste Song sein, den man den ganzen Tag hört, aber ich hoffe, es ist ein Album, mit dem man einfach leben kann. Und jedes Mal, wenn man es hört, nimmt man etwas Neues mit.“ Damit hat sie sich klar ausgerichtet und positioniert: Weniger Glitzer, mehr Kamin. Sie wählt hier explizit britische Folkgrößen, um ihren Sound zu ergänzen und zu verfeinern. Florescence zeigt im Arrangement und in den Melodien eine beruhigende Simplizität.

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