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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Pionier des Neo-Soul: Wie D’Angelo die Musikwelt für immer verändert hat

Der Tod von D’Angelo hinterließ eine große Lücke in der Musikwelt. Der Sänger, Multiinstrumentalist und Songwriter, der mit vollem Namen Michael Eugene Archer hieß, war ohne Frage eine Ausnahmeerscheinung in der modernen Musik. Mit nur drei Studioalben hinterließ er ein Werk, das in seiner Dichte, seinem Groove und seiner spirituellen Tiefe zu den prägendsten des zeitgenössischen Soul zählt. Aber wer war D’Angelo … und was machte ihn so besonders und einflussreich?

Die Anfänge: Von der Kirche in Richmond zum neuen Soul

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf seine Biografie. D’Angelo wurde am 11. Februar 1974 in Richmond, Virginia, geboren. Er wuchs in einer religiösen Familie auf – sein Vater war Pfarrer, seine Mutter engagierte sich im Kirchenchor. Die ersten musikalischen Erfahrungen machte er am Klavier, in der Kirche, inmitten von Gospelgesang und spiritueller Gemeinschaft. Diese frühe Verwurzelung im Gospel blieb prägend für sein Verständnis von Musik als Ausdruck von Gefühl und Glaube.

Als er als Jugendlicher Funk und Soul für sich entdeckte – James Brown, Marvin Gaye, Prince und Stevie Wonder – war ihm klar, wohin die Reise gehen sollte. Im Alter von 18 Jahren gewann er mehrfach die Amateur Night im legendären Apollo Theater in Harlem, ein frühes Signal seines außergewöhnlichen Talents. Bald darauf zog er nach New York, unterschrieb bei EMI und begann an seinem Debütalbum zu arbeiten.

Brown Sugar und die Geburt des Neo-Soul

Gleich sein Debütalbum Brown Sugar war ein absoluter Volltreffer. Mehr, viel mehr noch: Es begründete das Genre des Neo-Soul, ein Konglomerat aus klassischem Rhythm & Blues, Jazz, Funk und Hip-Hop. D’Angelo war der Geburtshelfer dieses Sounds. Er verschmolz die Wärme und Erdigkeit des 70er-Soul mit den Beats der 90er, blieb dabei stets handwerklich, analog, organisch und verzichtete bewusst auf die glatte, synthetische Perfektion des damaligen Mainstream-R&B.

Hier trafen Marvin Gaye und Curtis Mayfield auf A Tribe Called Quest und J Dilla, Fender-Rhodes-Akkorde auf staubige Drumloops, Gospelharmonien auf lässige Funk-Grooves. Und alles mit einer ungemeinen Kreativität und Originalität, die Brown Sugar weit über das Debüt eines talentierten Newcomers hinaus katapultierte.

Songs wie Brown Sugar, Lady oder Cruisin’ klangen zeitlos – chronologisch nicht einordbar. Retro vielleicht, aber nie rückwärtsgewandt. Nostalgisch vielleicht, aber nie zum Selbstzweck. D’Angelo griff die Klangfarben vergangener Jahrzehnte auf und formte daraus etwas Neues, vorwärtsgerichtetes, ganz Originäres. Die Musik von D’Angelo schien aus der Zeit gefallen und gleichzeitig das Ding der Zukunft zu sein.

Die Alben von D’Angelo für Zuhause:

Dann kam Voodoo.

Fünf Jahre ließ sich D’Angelo für den Nachfolger Zeit. Und dann kam Voodoo. Was für ein Album! Es entstand zum Teil aus endlosen Jams, nächtelangen Sessions voller Groove, Schweiß und Improvisation mit den Musikern der sogenannten Soulquarians: Questlove von The Roots, Pino Palladino, James Poyser und Roy Hargrove, allesamt Größen ihrer Zunft. Gemeinsam schuf man etwas Großes, ein rhythmisches und harmonisches Labyrinth aus Funk, Jazz, Gospel und Hip-Hop, getragen von einer fast körperlichen Wärme und Tiefe.

Voodoo war kein Album, sondern ein pulsierender Organismus – es ließ Raum und erschuf ihn zugleich. Es suchte nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit, nach Authentizität – und wurde gerade deshalb so perfekt. Jede Basslinie, jeder Schlag, jede winzige Verzögerung fühlte sich lebendig an, als würde die Musik selbst atmen.

Und dann war da noch die Sache mit dem Sexsymbol – eine Sache, die D’Angelo alles andere als recht war. Schuld daran war das Video zu Untitled (How Does It Feel), in dem er, oberkörperfrei und in minimalistischer Nahaufnahme gefilmt, direkt in die Kamera blickte.

„Während Voodoo an der Spitze der Charts debütierte und sich dort hielt, zog sich D’Angelo unter dem Druck der Erwartungen immer weiter zurück. Er begann, die weiblichen Fans zu verachten, die bei Konzerten seine Kleidung forderten und ihm Dessous auf die Bühne warfen – was seine Angewohnheit, sexuelle Gesten auf der Bühne zu imitieren, nicht unbedingt besser machte“, schrieb The Guardian über diese Zeit.

D’Angelos Konsequenz: Er zog sich zurück. Der plötzliche Kult um seine Person, die Übersexualisierung, der Erwartungsdruck – all das stand im Widerspruch zu dem, was er eigentlich wollte. Statt über Groove und Spiritualität zu sprechen, sprach man über Bauchmuskeln.

Black Messiah: Rückkehr und Erneuerung

Es sollte viele Jahre dauern, bis D’Angelo wieder zurückkehrte – nach einer Zeit voller Rückzug, Zweifel und Selbstzerstörung. Mit Black Messiah gab er 2014 schließlich ein musikalisches Lebenszeichen mit seiner neuen Band The Vanguard – und was für eines. Nach fast anderthalb Jahrzehnten Stille meldete sich D’Angelo mit einem Werk zurück, das wie eine Fortsetzung von Voodoo wirkte, aber rauer, politischer, dringlicher war.

D’Angelo war nicht stehen geblieben. Er war härter geworden, kantiger, kompromissloser. Seine Stimme hatte an Tiefe gewonnen, die Farben waren dunkler, der Groove schwerer. Black Messiah klang, als hätten all die Stille, all das Scheitern und die Selbstsuche der vergangenen Jahre in dieser Musik ihren Ausdruck gefunden. Es war weniger Verführung als Verkündung, weniger Körper als Geist – und gerade darin lag seine Kraft.

Die letzten Jahre und das Vermächtnis

Es sollte sein letztes Album werden. In den Folgejahren arbeitete D’Angelo nur noch sporadisch an neuer Musik, gab vereinzelte Konzerte und erschien gelegentlich auf Festivals oder in Studiosessions. 2018 steuerte er mit Unshaken einen Song zum Soundtrack des Videospiels Red Dead Redemption 2 bei. Gerüchte über ein weiteres Album hielten sich hartnäckig, konkrete Pläne gab es nie. Stattdessen blieb D’Angelo weitgehend zurückgezogen, tauchte manchmal für überraschende Auftritte auf und verschwand dann wieder aus der Öffentlichkeit.

Am 14. Oktober 2025 starb der Godfather of Neo-Soul im Alter von 51 Jahren. Er hinterließ nur drei Studioalben – Brown Sugar, Voodoo und Black Messiah – und doch war sein Vermächtnis ungleich größer. Er formte ein ganzes Genre neu, brachte organischen Groove und Seele zurück in eine Zeit der sterilen Studioperfektion. Magie, die man nicht vergessen wird.

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