Derzeit ist Papaoutai, Stromaes Hit aus 2013, wieder in aller Munde und Feed. Grund dafür ist eine KI – genauer: eine Coverversion im Afro-Soul-Stil, die größtenteils KI-generiert ist. Aber warum bewegt Papaoutai heute wie damals so viele Menschen? Dahinter steckt eine düstere Geschichte über Verlust, Genozid und Vaterrollen.
Stromaes ungewöhnlicher Weg in den Mainstream
Gegen Ende der 2000er schien die Popmusik für immer im Club gefangen zu sein. Er war Inhalt sämtlicher Songs im Radio, ob von Kesha, Taio Cruz oder den Black Eyed Peas. Nicht verwunderlich also, als auch mal ein französischsprachiger Club-Song zum Hit wurde. Alors On Danse von Stromae war dennoch ein untypischer Hit: vom Instrumental zur Unbekanntheit, aus der der belgische Musiker schlagartig gehoben wurde – und das nur, weil er damals als Volontär bei einem Radiosender arbeitete und sein Chef den Song so sehr mochte, dass er ihn im Radio spielte.
Somit war Stromae auf einmal im Mainstream. Aber wie sollte er nicht ein One-Hit-Wonder werden? Sein zweites Album Racine Carrée lieferte die Antwort mit Singles wie Formidable – vor allem aber mit Papaoutai. Der Song klingt anders als Alors On Danse, macht aber eine clevere Sache gleich: Er ist verdammt eingängig und lädt zum Tanzen ein, dennoch steckt textlich eigentlich viel mehr Melancholie dahinter.
Distanz und Völkermord
Papaoutai basiert auf Stromaes eigener Geschichte. Sein Verhältnis zu seinem Vater war schon immer distanziert, wie der Belgier 2013 im Interview mit Le Parisien erzählt: „Er war sofort weg. Er war ein Frauenheld, ein Flirt. Erst viel später erfuhr ich, dass ich Halbbrüder und Halbschwestern hatte. Er war Architekt und reiste zwischen Belgien und Ruanda hin und her. Ich habe ihn vielleicht zwanzig Mal in meinem Leben gesehen, und er starb während des Völkermords in Ruanda. Aber er war bereits aus meinem Leben verschwunden.“ Richtig gehört, Stromaes Vater wurde in einem Genozid umgebracht: 1994 töteten die Hutu in Ruanda rund 800.000 Menschen aus der Tutsi-Volksgruppe.
Damals war Stromae neun Jahre alt. Über das Schicksal seines Vaters unterrichtete ihn seine Familie aber erst mit zwölf. Wie reagiert man als Kind auf so eine Nachricht? In Stromaes Fall versuchte er, gar nicht zu reagieren. Sich nicht als verletzt zeigen, um sich selbst irgendwie zu schützen. Inwiefern ihn der Tod und auch die zuvor schon existierende Distanz zu seinem Vater weiterhin beschäftigte, zeigt aber Papaoutai.
Stromae fürs Plattenregal:
Wie ist man ein guter Vater?
„Papa, où t’es?“, singt Stromae – übersetzt: „Papa, wo bist du?“ Für den Titel bildete er dafür ein kompaktes, übersichtlicher aussehendes Wort, das zudem Ähnlichkeiten mit dem französischen Slang-Wort „empapaouter“ hat. Das heißt – höflich ausgedrückt – so viel wie: jemanden hinterrücks abzocken. Falls diese Ähnlichkeit beabsichtigt war, zeigt das, dass er seinem Vater nicht allzu dankbar zu sein scheint. Zudem fragt Stromae sich im Song, wie man selbst ein guter Vater werden soll, wenn man nie ein Vorbild hatte, das ihm dies hätte zeigen können. Übersetzt singt er beispielsweise: „Jeder weiß, wie man Babys macht / Aber niemand weiß, wie man Väter macht.“
Über die Frage der Vaterrolle sagte Stromae gegenüber NPR: „Das ist natürlich eine Frage, die ich habe, aber die habe ich nicht, weil ich nicht bei meinem Vater aufgewachsen bin. Die habe ich, weil ich ein Mann bin. Die Frage ist: Was ist ein guter Vater, was ist ein Vater, was ist ein schlechter Vater? Und tatsächlich lautet die Antwort: Wir versuchen einfach, unser Bestes zu geben.“
Trotz dieser heftigen Thematik wurde Papaoutai ein großer Hit, was auch seiner catchy Komposition zu verdanken ist. Stromaes Rap, Klavier und Gitarre sind melodisch sehr eingängig. Klanglich bilden die Synthesizer nach dem Refrain dazu einen ruppigen Kontrast, reihen sich aber clever mit der EDM-Liebe der Popmusik in den 2010ern ein und verweisen zudem auf Stromaes House-Wurzeln. Ein Element, das ebenfalls heraussticht, sind die Drums: Zu dieser Zeit entwickelte Stromae eine Faszination für Rhythmen aus dem Kongo.
Das zweite Leben von Papaoutai
Vielleicht ist dieses afrikanisch angehauchte Element der Grund, warum man nun, circa 13 Jahre später, eine Afro-Soul-Version des Songs erschafft – mit großem Erfolg: Die neue Auflage von Papaoutai geht seit der Veröffentlichung im Dezember 2025 durch die Decke. Der Song begleitet etliche Reels und TikToks und zählt jetzt schon über 65 Millionen Streams auf Spotify. Streicher, ein großer Chor und eine riesige Gesangsperformance machen diese neue Version für manche noch emotionaler als das Original. Schwer zu glauben, dass das das Werk einer KI ist?
Erstmal dachten einige, am Gesang sei Arsene Mukendi, welcher in der russischen Ausgabe von The Voice bekannt wurde. Die KI wurde nämlich auf seine Stimme trainiert. Und als das Afro-Soul-Cover erschien, postete Mukendi Videos, in denen er inbrünstig zum Song lipsyncte. Später stellte er deutlich klar: Das bin übrigens nicht ich, der da singt! Die tatsächlichen Interpret:innen heißen: Mikeeysmind, welcher ein tatsächlich existierender Produzent aus Schweden ist, sowie Unjaps und Chill77, Namen, hinter denen eine künstliche Intelligenz steckt. Und obwohl da kein echter Mensch singt, bewegt das Ergebnis aktuell Millionen an Menschen – und scheint nochmal ein Licht auf Stromae, von dem wir dringend wieder neue Musik brauchen.