Es gibt Hardrock, es gibt Mathrock, es gibt Punkrock – und was gibt es noch? Na klar: Kuschelrock! Gut, im Gegensatz zu den anderen genannten Spielarten handelt es sich bei Letzterem natürlich um kein eigenes musikalisches Genre – sondern um einen Sampler, der im deutschsprachigen Raum höchstens mit den altehrwürdigen Bravo Hits vergleichbar ist – und dem wir zum Valentinstag einmal huldigen wollen.
Denn vor allem für die Semester unter uns, die dabei waren, als die CD noch gar nicht mal so alt war, birgt die Sampler-Reihe mit dem einprägsamen Logo und den hochromantischen Covermotiven die eine oder andere Erinnerung an vergangene Tage und möglicherweise auch verflossene Liebschaften. Zum Valentinstag bietet es sich also an, mal wieder eine Kuschelrock in die Hifi-Anlage zu schieben und sich mit Haddaways I Miss You (siehe: Kuschelrock 8, 1994) oder Duran Durans Ordinary World an die verflossene Ferienliebe zu erinnern.
Auch kuschlig: Unsere Valentinstags-Kollektion
Kuschelrock: Born in the 80s
Das erste Mal erschien Kuschelrock am 23. November 1987. Die Eighties waren noch in vollem Gang, die Frisuren waren immer noch groß (außer bei Phil Collins), Nirvana hatten noch nicht die Welt umgekrempelt und selbst wenn, wäre dieser musikalische Acker verschont geblieben. Auf zwei CDs – beziehungsweise drei LPs – versammelte der Sampler eine Melange aus schmachtenden 70er- und 80er-Jahre-Balladen. Es war eine Sammlung für gedimmtes Licht und sehnsüchtige Blicke, ein Soundtrack für langsame Tänze auf Klassenpartys und fürs Verlieben auf dem Teppichboden des Jugendzimmers – sauber produziert, emotional zugänglich und so harmlos wie wirkungsmächtig.
Wir hörten Peter Cetera zu, wie er die Glory Of Love besang, Jennifer Rush zelebrierte The Power of Love, Phil Collins sang One More Night und, mit Genesis, Tonight, Tonight, Tonight, dazu kamen Spandau Ballet mit Through The Barricades und Elton John mit Sorry Seems To Be The Hardest Word. Auf dem Cover, schwarz-weiß gehalten: ein Paar. Er, nackter Oberkörper, respektable Brustbehaarung, liegt auf ihrem Knie; sie trägt Jeans, ein Hemd, fährt sich durch das wellige, üppige Haar, seine Augen sind geschlossen.
Nachschub, Nachschub, Nachschub
In regelmäßigen Abständen gab es Nachschub. More of the same: große Songs, große Gefühle, die Cover immer nach dem gleichen Schema. Die nächste Kuschelrock erschien im Frühjahr 1988, dann folgten weitere Volumes in den Jahren danach, darunter Klassiker wie Kuschelrock 3 und Kuschelrock 5, die erneut mit einer Mischung aus radiotauglichen Balladen und Pop-Hits begeisterten und das Erfolgsrezept fortschrieben. Kuschelrock, das waren Rod Stewart und Bryan Adams, Meat Loaf, Spandau Ballet und Elton John, Lionel Richie und, logisch: Roxette. Die Reihe verkaufte sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den ersten Jahren millionenfach.
Kuschelrock erschien jährlich, die Romantiker:innen wollten Nachschub und die Pop-Landschaft gab das her. Und weil wir die Musikgeschichte irgendwie ja mit der Ankunft von Nevermind umschrieben: Im selben Jahr, als Nirvana den Hairspray-Rock beerdigten, erschien Kuschelrock 5. Cobain & Co. waren nicht drauf, dafür jede Menge Hochglanz-Gefühl: Roxette mit It Must Have Been Love, Richard Marx mit Angelia, Heart mit Alone, Maria McKee mit Show Me Heaven, Chris Isaak mit Wicked Game und Phil Collins mit Another Day In Paradise. Dazwischen reihten sich Céline Dion, Mariah Carey, Lionel Richie, Elton John, Bette Midler und die Scorpions.
Kuschelrock never dies!
Wer jetzt glaubt, dass die Zeit von Kuschelrock vorbei ist, irrt: Die Reihe erscheint seit 1987 nahezu jährlich, ohne Unterbrechung – und das auch heute noch, mehr als drei Jahrzehnte nach der ersten Ausgabe. Die bislang jüngste Ausgabe heißt KuschelRock Vol. 39, erschien als Doppel-CD und bleibt ihrem Namen treu – sie ist immer noch kuschelig, nur hörbar moderner. Auf Disc 1 versammelt der Sampler aktuelle, weich polierte Balladen wie Alex Warrens Ordinary, Benson Boones Momma Song oder Sabrina Carpenters Please Please Please, ergänzt um gefühlige, aber zeitgemäß produzierte Beiträge von den Scorpions (When You Know (Where You Come From)), Coldplay (All My Love) und Bruce Springsteen (One Minute You’re Here).
Die KuschelRock-Cover folgen bis heute derselben Bildkomposition wie seit den 1980ern: Zu sehen ist meist ein nah beieinander sitzendes oder liegendes Paar, weich ausgeleuchtet, überwiegend in Schwarz-Weiß oder gedeckten Tönen und klar romantisch codiert. Einzig die fotografische Ästhetik hat sich ein wenig geändert: Die 80er-Patina ist weniger geworden, knistern tut es aber immer noch ordentlich. Sagen wir es mit AC/DC, die übrigens noch nie auf Kuschelrock drauf waren: For those about to Kuschelrock: We Salute You.