„Xtraordinary Girls“ ist over: XG sind zum Release ihres Albums „THE CORE“ keine Girlgroup mehr
popkultur26.01.26
Die Abkürzung XG stand mal für Xtraordinary Girls – seit kurzem bedeutet sie: Xtraordinary Genes. Was dahinter steckt, könnte auch die K-Pop-Welt ein Stück weit verändern – und das, obwohl Jurin, Chisa, Hinata, Juria, Cocona, Maya und Harvey streng genommen gar nicht zum K-Pop gezählt werden. Dabei leben und arbeiten alle von ihnen in Seoul. Klingt kompliziert? Ach was …
Wenn man heute die Kategorie „Global Pop“ hört, denken viele zuerst an KATSEYE. Sie, bzw. ihre Labels HYBE und Geffen, waren es, die diesen Begriff zuletzt prominent besetzten. Man wolle über das Programm und die Show Dream Academy eine „Global Girl Group“ casten und diese „nach K-Pop-Methoden“ ausbilden. Das Konzept ging bekanntlich auf – so gut, dass einige K-Pop-Fans zurecht ein wenig genervt sind, wenn KATSEYE immer dem K-Pop zugerechnet werden.
Global Pop mit Fokus auf Korea
XG, die im März 2022 debütierten, waren mit der Idee und dem Label „Global Pop“ schon ein wenig früher dran, obwohl sie selbst lieber die Bezeichnung X-Pop nutzen. Gegründet von Xgalx, einem Unterlabel der japanischen Produktionsfirma Avex, trainierten die japanischen Idols Jurin, Chisa, Hinata, Juria, Cocona, Maya und Harvey fünf Jahre lang, bevor sie die englischsprachigen Singles Tippy Toes und Mascara veröffentlichten und ihren ersten TV-Auftritt in der koreanischen Show M Countdown gaben.
Schon hier waren XG nicht nur wegen ihrer Musik interessant: Obwohl sie eben keinen K-Pop machen, siedelte Xgalx nämlich alle sieben in Seoul an und wählte auch das Debüt im koreanischen Fernsehen sehr bewusst. Treibende Kraft dabei ist und war Simon Junho Park alias JAKOPS. Er ist CEO von Xgalx und sein familiärer Background ist koreanisch-japanisch. JAKOPS war ab 2010 Teil der K-Pop-Boygroup DMTN und wechselte danach ins Songwriting- und Produzenten-Handwerk, bevor er seine eigene Company gründete und das Projekt XG anging.
XG sind also im Kern, wenn man es auf die Nationalität der Member runterbricht, J-Pop. Ihr Sound verschmilzt aber ebenso überzeugend wie abenteuerfreudig Rap, Pop, R&B und elektronische Einflüsse – ganz so, wie man es aus dem K-Pop kennt. Auch ihre Choreos und ihre Outfits erinnern oft an das, was man aus dem modernen K-Pop kennt. Allerdings singen und rappen XG dabei überwiegend auf Englisch.
Die Idee von JAKOPS & Co. war also die: XG verfolgen ihre eigene Vision von moderner Pop- und Rapmusik, nutzen aber das kreative Potential, die lokale Infrastruktur, die Medien und die Promotion-Methoden der K-Pop-Industrie. Dass man sie oft fälschlicherweise der K-Pop-Welt zuordnet, kommt also nicht von ungefähr – auch und vor allem, weil viele K-Pop-Fans den Vibe und den Sound von XG lieben.
Der internationale Hype von XG begann so richtig, als sie im November 2022 die GALZ CYPHER veröffentlichten, in der Cocona, Maya, Harvey und Jurin ihre Rap-Skills flexten und Snippets des Clips bei TikTok viral gingen. Da waren sie noch die „Xtraordinary Girls“.
Ein Sprung in die Jetztzeit: XG haben gerade ihr neues Album THE CORE veröffentlicht, das (wie schon all die Veröffentlichungen davor) ziemlich überzeugend geraten ist. Der Sound der Leadsingles ist dabei ein wenig euphorischer, weicher, tanzbarer geworden – aber mit dem fast nach Crossover klingenden O.R.B. (Obviously Reads Bro) oder dem smarten R&B-Rap-Track Rock The Boat gibt es wie immer stilistische Variationen.
Änderungen im Bandkern
Dass man gerade aber noch ein wenig mehr über sie spricht, liegt an einem Vorgang, den man in der J- und K-Pop-Welt so noch nicht gesehen hat: XG haben angekündigt, dass ihre Abkürzung ab sofort nicht mehr für „Xtraordinary Girls“ steht. In einem offiziellen Statement auf ihrer Website heißt es: „Wir freuen uns, bekannt zu geben, dass XG seinen Gruppennamen von ‚Xtraordinary Girls‘ zu ‚Xtraordinary Genes‘ geändert hat. Das Wort ‚Genes‘ steht für die Kraft und Kreativität, die in unserem Kern steckt, sowie für unseren Geist, kontinuierlich neue Kultur zu schaffen, ohne uns von konventionellen Normen einschränken zu lassen. Aufbauend auf unseren Ursprüngen als ‚Girls‘ und zurückkehrend zu den ‚Genes‘ in unserem Kern wird sich XG weiterhin tiefgreifend und authentisch weiterentwickeln. Durch diese Entwicklung wollen wir eine Präsenz bleiben, die Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund auf der ganzen Welt stärkt.“
Die Betonung ihres „Bandkerns“ rührt dabei vor allem aus der Tatsache, dass ihr neue Album eben THE CORE, also „der Kern“ heißt.
Aber warum dieser Move und warum ist er bei ihnen weit mehr als bloßes Bandkonzept? Das liegt vor allem an einem Post vom jüngsten Member Cocona vom 6. Dezember – also an seinem Geburtstag. Unsere Wahl des Pronomens resultiert aus der Tatsache, dass Cocona sagte, er sei im Englischen fein mit „they/them“ und „he/him“. Da Letzteres im Deutschen besser funktioniert, wählen wir diese Variante.
In seinem sehr emotionalen Post verkündet Cocona: „Heute bin ich 20 geworden. Da ich nun ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlage, möchte ich etwas mitteilen, das mir schon lange am Herzen liegt. Ich bin AFAB [assigned female at birth, Anm.] transmaskulin non-binär. Anfang dieses Jahres habe ich mich einer Brustoperation unterzogen. Ich wurde als Frau geboren und wahrgenommen, aber diese Bezeichnung hat nie mein wahres Ich widergespiegelt.“ Dazu postete er ein schon jetzt ikonisches Foto mit raspelkurzen Haaren und einem Hemd-Ausschnitt, der die Ansätze der Narben der Brust-OP zeigt. Es dauerte nicht lange, bis auch die anderen Member und der CEO ihre Unterstützung verkündeten.
Coming Outs, oder Statements dieser Art, sind im K-Pop und im J-Pop gleichermaßen ziemlich rar. Kein Wunder: Beide Länder sind in Genderfragen eher konservativ, was man an den Konzepten, Outfits und Rollen vieler Girlgroups ablesen kann. Zwar verkündete Cherry – ehemals Mitglied der „Boy“-Group Jwiiver – 2025, dass sie transgender sei, aber solche Statements bleiben die Ausnahme.
Deshalb ist es so spannend, was gerade mit XG passiert: Obwohl die Band auch weiterhin mit ihrer guten Musik Schlagzeilen machen kann, fordert sie das vordergründig bunte, aber im Kern oft sexistische Gender-Bild im japanischen und koreanischen Pop heraus – und findet dabei vor allem international betrachtet viel Zustimmung, was wiederum daran liegt, dass viele internationale Fans der LGBTQ+-Bewegung nahestehen. Man darf gespannt sein, wie das in die jeweiligen Szenen hineinwirkt – und ob Cocona und Cherry weitere Idols inspirieren, ähnliche Schritte zu gehen.