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2015 wissen allerhöchstens Brancheninsider, wer hinter den maskierten Satansbraten von Ghost steckt. Ihr drittes Album Meliora bringt ihnen den erhofften Mainstream-Durchbruch – auch dank einer sehr gewagten Produzentenwahl.
Solange die Identität von Ghost-Erfinder Papa Emeritus noch ein Geheimnis war, hatte der Rock’n’Roll wenigstens einen letzten Mythos nicht verloren. 2015 ist das noch der Fall: Ghost und ihr elaborierter, theatralischer, gruseliger Bombast-Rock-Budenzauber mit dämonischem Papst am Mikro sind längst kein Geheimtipp mehr und in der Metalszene eine anerkannte Präsenz; der Mainstream hat sie aber noch nicht wirklich für sich entdeckt. Das soll sich mit der dritten Platte Meliora ändern. Doch bis die 2015 erscheint und den Schweden endlich den erhofften Durchbruch im ganz großen Stil verschafft, muss einiges passieren.
Ghost im Circle Store:
Der Papst bei Coachella
Dazu muss man natürlich wissen, dass Ghost schon damals das nötige Kleingeld haben, um in Sachen Produktion ein wenig mehr aufzufahren und im Stile der großen Rockbands der Achtziger in Sachen Studiobudget richtig auf die Kacke zu hauen. 2015 sind Ghost schließlich eine Band, die schon mit Dave Grohl gearbeitet hat, in den USA und Australien getourt hat, in Schweden eine Nummer-eins-Platte und Musikpreise abräumt, bei Coachella oder mit Iron Maiden auf der Bühne steht. Keine kleine Nummer also. Und längst auch im Visier der Major-Labels.
Am Ende machen Loma Vista Recordings das Rennen, wissen aber damals noch nicht ganz, worauf sie sich da einlassen. Denn Tobias Forge, der Sänger, Frontmann, Songwriter und kreative Kopf hinter der Band, ist Perfektionist. Er will mit dem Nachfolger zu Infestissumam alles richtig machen. Die extra mile gehen. Ganz nach oben kommen und all dem Business-Buzz gerecht werden, der sich seit 2012 wie dichter Nebel um die theatralische Band gelegt hat.
Der Pop-Produzent und die Gitarren
Dafür geht er eine ungewöhnliche Klammer ein: Einerseits will er die neue Platte deutlich gitarrenlastiger ausgestalten als die letzte und dafür jede Menge Vintage-Gibsons und -Fenders aus den Sechzigern und Achtzigern verwenden. Andererseits will er unbedingt Klas Åhlund als Produzenten. Und der arbeitete davor eher mit Katy Perry oder Madonna. Und hatte keinerlei Erfahrung mit Heavy Metal. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir viele Ideen und neue Blickwinkel gewonnen haben, die wir mit einem etablierteren Rockproduzenten nicht gehabt hätten“, so sagte damals einer der sogenannten Nameless Ghouls, den bis heute weitgehend anonymen Ghost-Musikern.
Also, halten wir fest: Ein Pop-Produzent soll ein fettes okkultes Metal-Album voller Gitarren produzieren. Und das noch für einen perfektionistischen Musiker, der gerade drauf und dran ist, das nächste ganz große Ding zu werden. No problemo, oder? Ach ja, nicht ganz. Allein die Vorproduktion verschlingt Unmengen an Zeit und Budget, drei ganze Monate, wie Tobias Forge später sagen wird. Danach fliegt er nach Los Angeles, um mit einem Session-Drummer schon mal die Schlagzeugspuren aufzunehmen. Nach ihrer Rückkehr nach Stockholm hatten sie laut ihm dann einen „sehr, sehr aufwendigen, dummen Ablauf“ in einem großen Studio, in dem mehrere Leute ein- und ausgingen oder einfach nur herumhingen. „Einerseits denkt man, dass das gut für die Moral ist, aber nein, das war es offensichtlich am Ende nicht.“
Der erste Grammy
Das Album, das später den Titel Meliora tragen wird, entsteht insgesamt in vier Studios. Ein wenig Größenwahn hat dem Rock’n’Roll aber eben noch nie geschadet. Und am allerwenigsten einer Band wie Ghost, bei denen alles immer schon ein wenig größer, übertriebener und bombastischer ist. Außerdem weiß Tobias Forge natürlich, was er tut. Am Ende geht alles gut: Für seine grandiose Dritte voller düsterer Rock-Hymnen zwischen Black Sabbath, Queen und ABBA gibt es den zweiten schwedischen Grammis-Preis, die Single Cirice räumt sogar einen Grammy ab. Damit ist der Weg frei für diesen satanischen Zirkus: fette US-Tour, danach Europa, danach Support für Iron Maiden, alle großen Festivals. Sogar in der Late-Show von Stephen Colbert dürfen sie passend zu Halloween auftreten.
Der Mainstream entdeckt Ghost für sich. Und verfällt dieser verruchten Band und ihrem satanischen Image wie zuletzt bei KISS – Skandale, Boykotte und ein wenig Satanic Panic inklusive. Mainstream-Appeal hatten sie schon immer, das wusste Tobias Forge schon lang. Er war sich auch nicht zu schade, zuzugeben, eine Arena-Band werden zu wollen. Nur mit Musik ist das aber eben deutlich schwerer. Die Sache mit der Sukzession an Papstdämonen, den Nameless Ghouls und der sakral-okkulten Bühnenmagie schadet da natürlich nicht. Dass er es so schnell ganz nach oben schafft, ist dann aber eben eine ganz andere Geschichte.