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BTS haben keine Lust mehr auf die Grammys
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Es hat ja schon fast Tradition, dass wir hier über den eher komplizierten Beziehungsstatus zwischen K-Pop und den Grammys schreiben. Schon im vergangenen Jahr haderten wir in dem Artikel „K-Pop und die Grammys: Es ist kompliziert“ mit dem größten Musikpreis der Welt. Kurz darauf konnte man immerhin vermelden, dass mit Golden aus dem Film KPop Demon Hunters zum allerersten Mal ein K-Pop-Song ausgezeichnet wurde – allerdings in der nicht wirklich prominenten Kategorie „Best Song For Visual Media“. Was im Grunde ein schlechter Witz ist, wenn man bedenkt, dass Golden viele Mitnominierte in den Grammy-Königsklassen in Grund und Boden gestreamt hatte.
BTS: Nicht bei den Grammys, aber in deinem Plattenregal
Besser wurde die Sache dann auch nicht, als die Grammys im Juni verkündeten, dass sie die Kategorie „Best Asian Pop Music Performance“ einführen. Weiter kann man eine Kategorie kaum fassen, soll es darin doch um Musik aus so verschiedenen Ländern wie Thailand, Japan, Südkorea, Vietnam, China und Indonesien gehen. Das offizielle Wording der Grammys lautet dabei: „In dieser Kategorie wird künstlerische Exzellenz bei Darbietungen asiatischer Popmusik gewürdigt, die ihren Ursprung in asiatischen Märkten haben oder dort breite Anerkennung finden, darunter unter anderem K-Pop, J-Pop und C-Pop, wobei eine oder mehrere asiatische Sprachen sinnvoll eingesetzt werden. Die Auszeichnungen werden an die auftretenden Künstler verliehen.“
Was eigentlich neue Märkte erschließen und vor allem den K-Pop-Fans gefallen sollte, ging allerdings erst einmal nach hinten los. Die Reaktionen waren eher negativ, viele empfanden diese Lösung als gönnerhaft oder gar rassistisch.
BTS verweigern sich der Grammy-Teilnahme
Nun haben auch BTS mit einem stark über die Bande gespielten Volleyschuss ihren Unmut über die neue Kategorie geäußert. Oder besser: Sie scheinen gleich ihren ganzen Unmut über die Grammys geäußert zu haben.
Foto: BTS Instagram
Aber der Reihe nach: Alle BTS-Member posteten in dieser Woche via Insta-Story diese Message: „Wir haben uns entschieden, dieses Jahr keinen Beitrag für die Grammys einzureichen. Wir hoffen, dass Musik unabhängig von Region oder Sprache gehört und geliebt werden kann – einfach als Musik selbst.“
BTS gingen zwar nicht weiter auf das Thema ein, aber die Sachlage scheint klar: Das Wording legt nahe, dass sie sich vor allem an der regionalen und sprachlichen Einteilung stören. Deshalb werten die meisten das Statement als Protest gegen die neue Kategorie.
Die Absage sorgte für so viel Wirbel, dass sich schließlich Grammy-CEO Harvey Mason jr. mit einem offiziellen Statement zu Wort meldete. Er bedauere die Entscheidung von BTS, verstehe sie jedoch als Musikschaffender. Gleichzeitig verteidigte er die Asian-Pop-Kategorie, die ihm zufolge geschaffen wurde, um „die Tiefe, Diversität und das außerordentliche künstlerische Pop-Wachstum aus Asien zu feiern“. Nominierungen in solchen Genre-Kategorien und allgemeinen Kategorien würden sich nicht ausschließen und die Academy werde weiterhin „alle Künstler:innen ehren und feiern, deren Musik die Welt bewegt."
Ein bekannter Kampf
Die Reaktion und die Interpretationen sind verständlich – wobei man schon anmerken sollte, dass Rap- und Latin-Pop-Acts, oder PoC-Acts im Allgemeinen, schon lange ähnliche Kämpfe kämpfen. Und hier irgendwann obsiegten: Beyoncé zum Beispiel bekam irgendwann ihre Grammys in den Hauptkategorien, als sie so riesig war, dass selbst die Recording Academy (die mit ihrem Voting über die Grammy-Gewinner:innen entscheidet) nicht mehr an ihr vorbeikam. Bad Bunny schrieb bei der letzten Verleihung am 1. Februar 2026 Geschichte, weil er als erster lateinamerikanischer Künstler mit DeBÍ TiRAR MáS FOToS in der Königsklasse „Album des Jahres“ gewann. Der Slogan „Grammys So White“ kursiert auch schon seit über zehn Jahren, und eigentlich hat Tyler, The Creator 2020 schon alles zu dem Thema gesagt, als er meinte, für ihn sei das Wort „Urban“ (so heißt auch eine Kategorie bei den Grammys) nur ein politisch-korrekterer Weg, das „N-Wort“ zu sagen.
Die Grammys sind und bleiben ein amerikanischer Branchenpreis
Die Grammys wären dabei eigentlich niemandem Rechenschaft schuldig: Der Preis ist im Grunde ein Branchenpreis, der von den Mitgliedern der amerikanischen „Recording Academy“ vergeben wird. Wenn jemand seine Arbeit einreicht und diese die Kriterien der Grammys erfüllt, hat man im Grunde eine Chance, dort zu gewinnen – egal aus welchem Land man kommt und in welcher Sprache man singt. Allerdings erfolgt das Voting dann innerhalb der Academy, die nach der aktuellen Selbstdefinition das hier ist: „Wir sind eine Bewegung, die von 30.000 aktiven Songwritern, Interpreten, Produzenten, Toningenieuren und Branchenfachleuten getragen wird, die sich für die Musikgemeinschaft einsetzen, indem sie deren Stimme auf der globalen Bühne vertreten, ihre Rechte schützen, Aufstiegsmöglichkeiten schaffen und direkte Hilfe leisten, wenn diese am dringendsten benötigt wird. Und mit den Grammy Awards würdigen wir jedes Jahr das Allerbeste, was uns die Musik zu bieten hat.“
Das Ding ist nur: Die Academy ist eine amerikanische Einrichtung, die also die US-Musikindustrie abbildet und dort ihre Member rekrutiert. Und die hat natürlich eh ein Interesse daran, dass vor allem die eigene Musikindustrie als die kulturell dominante gezeigt wird. Es geht also mitnichten um „das Allerbeste, was uns die Musik zu bieten hat“, sondern eher um das Allerbeste, was die eigene Branche hervorgebracht hat. Der blinde Fleck in Sachen Latin Music und K-Pop & Co. hat also auch einen wirtschaftlichen Background, was die Grammys aber in ihrem hochtrabenden Wording gerne verschweigen. Zwar haben sie inzwischen Schritte eingeleitet, das zu ändern und zum Beispiel auch Mitglieder der Latin Recording Academy zur Wahl eingeladen sowie Anfang des Jahres fast 4.000 recht diverse und junge neue Mitglieder an Bord geholt, dennoch wird es in der Academy kein großes Interesse geben, sich einzugestehen, dass andere Regionen inzwischen vielleicht ähnlich kulturell prägend sind wie die USA.
BTS und die Grammys haben eine Vorgeschichte
BTS zielen mit ihrer freundlich formulierten Absage natürlich mitten auf diesen Themenkomplex, der den Grammys seit jeher unangenehm ist. Aber sie erinnern ganz nebenbei auch an die eigene Grammy-Historie. BTS waren insgesamt fünfmal nominiert und waren die erste südkoreanische Band, die überhaupt eine Nominierung bekam. Sie gewannen allerdings nie, obwohl sie sogar dreimal dort spielten und in einigen Jahren zu den kommerziell erfolgreichsten Acts zählten. Die Lesart der Fan-ARMY: Man lade BTS immer gerne ein, weil sie super performen und danach das Internet brennt, schätze sie aber nicht als so kulturell wertvoll ein, dass sie einen Preis verdient hätten.
Anscheinend sehen das BTS ähnlich: Anders ist es nicht zu erklären, dass sie sich nicht um den immerhin größten Musikpreis der Welt scheren. Die Entscheidung wirkt umso trotziger, wenn man sich bewusst macht, dass BTS mit ihrem aktuellen, Rekorde brechenden, die US-Charts stürmenden Album Arirang gar nicht in die neue Kategorie gehören würden. Ihr Album ist amerikanischer denn je, voller wichtiger US-Produzent:innen und Songwriter:innen, überwiegend englisch getextet und tief geprägt von der amerikanischen Rap- und Pop-Geschichte.
In Sachen kommerzieller Erfolg und kultureller Impact wäre Arirang also ein heißer Kandidat für „Album des Jahres“. Ob BTS vielleicht am Ende befürchten, hier schon wieder den Kürzeren zu ziehen? Gegen „hausgemachte“ amerikanische Erfolge wie Olivia Rodrigo, Madonna oder Drake? Wir wissen es nicht.
Was aber nun klar ist: BTS haben hier freundlich im Ton aber klar in der Sache ihren Mittelfinger in Richtung Grammys ausgefahren, um ihnen zu sagen: Ihr braucht uns eigentlich mehr als wir euch. Auch, wenn sie das – nett wie sie sind – niemals so sagen würden.