Im Interview: Queens Of The Stone Age über Ragebait und Imperfektion

Queens Of The Stone Age
Foto: Andreas Neumann

Queens Of The Stone Age kehren am 30. Oktober mit ihrem neunten Album Perfecth zurück. Im Gespräch mit Dean Fertita tauchen wir in unperfekte Songs, das Altern als Band und sein erstes Treffen mit Josh Homme ein.

Perfecth – das beißt auf der Zunge, denn ebenso unperfekt geschrieben wie das Wort sehen Queens Of The Stone Age die Welt. Vielleicht ist diese Abkehr vom Perfektionismus eine Weisheit, die mit 30 Jahren Bandkarriere kommt, vielleicht ist sie auch einfach der Kern dieser neuen Songs. Entstanden hier und dort und jetzt und damals, legen Josh Homme und Co. auf Perfecth mal überraschend entspannte Akustik-Balladen, mal dramatische Streicher, mal ein Iggy-Pop-Quasi-Cover dar. Das illustriert, welch ein Flickenteppich das neue Album geworden ist; doch wehe dem, der denkt: „Queens Of The Stone Age ist das alles egal geworden, sie hauen einfach nur noch raus, was gerade gut klingt.“ Sie wissen haargenau, was jedes Mitglied und jedes Produktionsdetail ausmacht; das ist eine Qualität, die die Band seit jeher auszeichnet und die gern auch mal weirden Songs immer so tight gemacht hat.

Perfecth von Queens Of The Stone Age für Zuhause:

So legt Josh direkt zu Beginn des Albums sein Herz im gänsehauterzeugenden It’s Only Love auf die Bahnschienen, wenige Tracks später stellt er die unsägliche Frage: Where The Goth Girls At? – in vollem Bewusstsein, dass dahinter zwar eine wesentlich weniger plumpe Geschichte steckt, aber sich erstmal alle über diesen Songtitel beschweren werden. Zur Vorsorge haben Queens Of The Stone Age schon mal eine Beschwerde-Hotline eingerichtet.

Um mögliche Beschwerden kümmert sich im heutigen Interview Dean Fertita: seit 20 Jahren Teil der Band, hauptsächlich an Keys und Gitarre, nebenbei in Bands wie The Dead Weather, Eagles Of Death Metal oder Solo-Projekten aktiv. Heute ist er aber vor allem ein ausgesprochen freundlicher Gesprächspartner.

Dean, Gratulation! Neue Platte und sie klingt mal wieder anders! Die vorherige, In Times New Roman…, war in meinen Augen sehr rhythmusfokussiert. Welches Element hat das neue Album deiner Ansicht nach als Fokus?

Ich glaube, wir waren uns alle einig, den Songs nicht im Wege zu stehen – also nicht das zu tun, was wir normalerweise gemacht hätten, wie etwa lautere Gitarren einzusetzen. Die Intensität dieses Albums liegt eher in den Texten und den Gesangsperformances. Wir haben den Schwerpunkt dieser Intensität also gewissermaßen von den Gitarren auf den Gesang verlagert.

Hat euch auch eure Akustik-Konzertreihe Alive In The Catacombs dazu inspiriert?

Das hat uns definitiv in diese Richtung gelenkt. Ich weiß nicht, ob „Selbstvertrauen“ das richtige Wort ist, aber es hat uns dieses Gefühl gegeben, dass die Leute es wohl akzeptieren würden, wenn wir diesen Weg ein Stück weit einschlagen. Wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, wie diese Band „altert“, ohne dabei in die üblichen Muster zu verfallen, die Bands oft durchlaufen. Wir sind schon immer Risiken eingegangen. Jede einzelne Platte klingt anders. Es fühlte sich einfach so an, als wären wir unehrlich, wenn wir uns in den Weg davon stellten. Und Catacombs hat definitiv den Weg dafür geebnet.

Auf Perfecth präsentiert ihr auch eine neue Version von Sunday, einem Song von dem Iggy-Pop-Album, an dem du und Josh [Homme] einst mitgearbeitet hattet.

Wir hatten schon während der Aufnahmen die Idee im Kopf, auch ein paar Cover-Songs einzuspielen. Damals waren wir gerade in New Orleans. Man trat aus der Studiotür direkt in eine Mardi-Gras-Parade hinaus – die Stadt hatte zu dieser Zeit eine ganz besondere Energie, und wir hatten darüber gesprochen, genau diesen Song zu machen. Das ist mein Lieblingsstück auf dem Iggy-Pop-Album und ich habe schon vermisst, es zu spielen. Wir dachten uns: „Lass uns doch mal versuchen, eine Art French-Disco-Version daraus zu machen.“ Ich weiß gar nicht, ob uns damals schon klar war, dass es tatsächlich auf die endgültige Tracklist kommen würde, aber wir hatten das Gefühl, dass diese Energie nötig war, um einen Ausgleich zu den emotional schwereren Seiten des Albums zu schaffen.

Mit Blick auf den Albumtitel habt ihr das Konzept der Imperfektion sehr begrüßt. Trifft das auch auf die Aufnahmen und Produktion zu?

In der Vergangenheit hatten wir nie großen Zeitdruck verspürt, da wir einen Großteil der Aufnahmen in Joshs Studio gemacht hatten. Dort konnten wir mehr Zeit darauf verwenden, nach bestimmten Klängen zu suchen und diesen perfekten Schlagzeugsound oder was auch immer es für uns gerade war, hinzubekommen. Bei dieser Platte konnten wir nun einen Schritt zurücktreten und ich glaube, das Wesen der Songs hat das auch begünstigt. Man konnte die Augen schließen und sich fragen: „Fühlt sich das richtig an?“ Sicher, vielleicht war das Tempo an einer Stelle etwas angezogen oder der Sound hätte noch einen Tick besser sein können, aber: Fühlt es sich im Großen und Ganzen richtig an? Da wir die Aufnahmen in verschiedenen Studios und in einzelnen Blöcken absolviert haben – was den Prozess etwas fragmentiert hat –, wirkte alles sehr unmittelbar. Ohne es zu sehr zu überdenken, war es mehr: Das ist, was passiert ist. Und das erschien uns auch konzeptionell als ein sehr ehrlicher Ansatz.

Also entstand das Album auch an verschiedenen Orten?

Ja, wir haben es in etwa fünf verschiedenen Studios aufgenommen, zum Beispiel in Sound City, Shangri-La, bei Marigny in New Orleans und in Joshs Heimstudio. Es war alles ziemlich verstreut und geschah zu unterschiedlichen Zeiten. Einige der Songs wurden schon vor ein paar Jahren angefangen. Run Away From The Mob zum Beispiel entstand ursprünglich während der …Like-Clockwork-Sessions; und Insignificant Other kam erst ganz am Ende von In Times New Roman… dazu. Die grundlegenden Aufnahmen dafür sind einfach wir, wie wir live in einem Raum spielen, nachts um eins, am letzten Tag, und wir haben versucht, diese eine weitere Idee umzusetzen. Wir haben uns durch das Arrangement getastet, aber das war einfach der richtige Take. Wir haben versucht, es neu aufzunehmen und bessere Sounds zu finden, aber wir konnten es einfach nicht übertrumpfen. Letztendlich war nun mal genau da die Idee – man muss also einfach akzeptieren, was da ist.

Sticht da ein besonderer Ort oder Zeitpunkt besonders für dich heraus?

Wir haben von jedem Ort, an dem wir waren, etwas Interessantes mitgenommen. Mono zum Beispiel entstand bei Josh in seinem Garagenstudio. Dabei wurde ein so verletzlicher und emotionaler Gesang eingefangen, und die Instrumentierung ist seltsam.

Wo du gerade schon …Like Clockwork und auch Mono erwähnst: Mono erinnert mich sehr an Kalopsia von dem …Like-Clockwork-Album!

Interessant, dass du das sagst! Denn ich habe mir Gedanken zum neuen Album gemacht. Bei jedem Album sagen wir: „Ich hoffe, den Leuten gefällt das Album.“ Klanglich stellt das neue einen größeren Wandel dar, denn es stehen nicht wie sonst laute Gitarren im Vordergrund. Wenn ich mir die Songs anhöre, habe ich allerdings das Gefühl, dass man bei fast jedem Stück eine Verbindung zu einem früheren Song herstellen und ihn quasi als dessen „Bruder“ betrachten kann. Und Mono verbinde ich auch schon immer mit Kalopsia! Ich hatte immer das Gefühl, dass die Songs aus derselben Zeit stammen könnten. Für sich genommen finde ich die neuen Songs also gar nicht so ungewöhnlich für das, was wir machen. Der Unterschied liegt einfach darin, sie alle auf einem Album zu vereinen.

Ihr habt jetzt eine Beschwerde-Hotline für eure Fans eingerichtet. Haben QOTSA-Fans ein irreguläres Maß an Beschwerden?

(lacht) Nun, wir nehmen das einfach ein bisschen vorweg – und versuchen, die erste Band zu sein, die so etwas macht.

Wegen des Feedbacks zum Album?

Na ja, man weiß es einfach nie, oder? Man ist den Dingen so nah, und wenn man sie am Veröffentlichungstag der Welt übergibt, gehören sie einem nicht mehr. Ab da liegt es an den anderen, zu entscheiden, ob es ihnen genauso gut gefällt wie dir. Dieses Gefühl fühlte sich dieses Mal noch etwas stärker ausgeprägt an. Es könnte in jede Richtung gehen.

Ich habe ohnehin das Gefühl, dass ihr gerne mit den Erwartungen der Leute spielt. Ihr hattet ja beispielsweise ein Reel mit einem Messer, in dem ihr absichtlich das falsche Releasedatum des Albums versprochen habt.

Stimmt, ich weiß auch da nicht, ob das jemals zuvor eine Band gemacht hat! Uns hat die Vorbereitung auf dieses Album großen Spaß gemacht. Vielleicht war das auch ein Gegenpol zu der emotionalen Ernsthaftigkeit, die in die Songs eingeflossen ist. Wir wollten dabei eben auch einfach etwas Spaß haben.

Tja, Ragebait ist ja auch Teil des Zeitgeists.

(lacht) Total!

In Deutschland ist „Ragebait“ sogar aktuell das Jugendwort des Jahres.

Tatsächlich? (lacht) Dann sind wir also gar nicht so sehr von der Realität abgekoppelt, wie wir vielleicht befürchtet haben!

„Meine erste Begegnung mit Josh war bei einer Raconteurs-Show“

Du hast natürlich schon in vielen unterschiedlichen Bands gespielt. Wie unterscheidet sich denn das Spielen in Queens Of The Stone Age von Bands wie The Dead Weather oder deinen Soloprojekten Hello=Fire und Tropical Gothclub?

Alles hat seine eigene Persönlichkeit. Und was uns alle auszeichnet, ist, dass wir ziemlich vielseitige Musikgeschmäcker haben. Deshalb war es uns schon immer wichtig, verschiedene Möglichkeiten zu haben, um unterschiedliche musikalische Facetten auszuleben. Was Queens betrifft, so habe ich das Gefühl, dass wir alle bei den Dingen, die wir außerhalb der Band machen, immer bestrebt sind, etwas davon mit einzubringen, wenn wir wieder zusammenkommen. Wir bleiben also auch in den Zeiten, in denen wir getrennt sind, eng miteinander verbunden. Der Workflow mag sich je nach Situation unterscheiden, aber ich empfinde es als großes Glück, mit Menschen Musik zu machen, die zugleich meine engsten Freunde sind. Ich verbringe ständig Zeit mit ihnen, ob wir gerade arbeiten oder nicht.

Und was meine Solo-Sachen angeht: Da geht es für mich einfach darum, bestimmte Ideen loszuwerden. Ich habe nie die Absicht, viel mehr damit zu machen, als sie aufzunehmen und sie aus meinem Kopf zu bekommen.

Die Songwriting-Credits sind in Queens Of The Stone Age ja auch recht gleichmäßig verteilt, oder? Das ist ja nicht nur Josh.

Er liefert zwar den Großteil der Ideen, aber alles durchläuft den Filter der gesamten Band. Mikey [Shuman] und ich sind jetzt schon seit 20 Jahren zusammen in dieser Band, Troy [Van Leeuwen] vielleicht 26 Jahre, und Jon [Theodore] ist auch schon über zehn Jahre dabei. Die Besetzung ist also sehr beständig. Ich glaube, dieses über die Jahre gewachsene Vertrauen und das Verständnis dafür, wie die anderen arbeiten, schaffen viel Freiraum. Und es ist einfach ein Prozess, der großen Spaß macht. Niemand fühlt sich auf die Instrumente beschränkt, die er normalerweise spielt oder die wir live einsetzen. Wenn jemand eine Idee für den Bass oder Keyboards hat, setzt er sie um.

Erinnerst du dich noch an den ersten Moment, in dem du auf Josh trafst?

Na klar! Meine erste Begegnung mit ihm war bei einer Raconteurs-Show. Da gab es diesen Typen, Hutch, der für den FOH-Sound zuständig war – er hat auch schon ewig den Sound für Queens gemacht. Sie kamen zu einer der Shows, ich habe sie kennengelernt, und sie waren gerade mit der Aufnahme des Era-Vulgaris-Albums fertig. Hutch meinte dann: „Du musst unbedingt mit Josh reden, ich glaube, sie brauchen jemanden für die Platte.“ Und dann sind Mikey und ich am selben Tag zum Vorspielen gekommen. Daran erinnere ich mich noch ganz genau, wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Josh und ich haben sofort einen Draht zueinander gefunden.

Damals hattest du doch eine Musikerin ersetzt, die verstarb oder?

Ja, Natasha [Shneider]! Aber sie kannte ich auch. Sie und Alain [Johannes] waren oft da, als ich gerade angefangen hatte, und sie war großartig. Die beiden waren einfach unglaublich!

Hast du einen Song von Queens Of The Stone Age, den du am liebsten spielst?

Das ändert sich oft. Es gibt ein paar Songs, die ich immer wahnsinnig gerne spiele – zum Beispiel Misfit Love, da wir den auch nicht so oft spielen. Oder viele der Sachen vom ersten Album. Meistens läuft es darauf hinaus, dass wir uns fragen: „Was haben wir schon länger nicht mehr gespielt?“ Und genau das wird dann zu meinem Favoriten.

Welche Songs würdest du gerne für diese Tour ausgraben, die gut zum neuen Album passen?

Wenn wir mit den Proben beginnen, wird das sehr spannend. Denn eine Sache, die wir bei den Catacombs-Shows gemacht haben, war, Songs wie Someone’s In The Wolf zu nehmen und zu dekonstruieren. Jetzt fühlt es sich so an, als wären wir an einem Punkt, an dem wir alles nehmen und genau so umsetzen können, wie wir wollen. Vielleicht gibt es ja eine interessante Möglichkeit, einige dieser seltener gespielten Songs, die wir schon lange nicht mehr im Programm hatten, einzubauen. Das fände ich klasse!

Vom ersten Album spielt ihr ja auch wenige Songs.

Ja, und von Lullabies haben wir bisher nicht allzu viel gespielt. Von daher würde ich gerne mal schauen, ob wir vielleicht ein paar davon etwas häufiger spielen können. Mal sehen!

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