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Interview mit Chloe Slater: „Ich glaube, mein Herz wird immer am richtigen Fleck sein“
features18.05.26
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Chloe Slater wird als eine weibliche Version von Sam Fender gehandelt und gilt in manchen Kreisen als die britische Stimme der Jugend. Wir unterhalten uns über ihre Songs, die laut und vorwurfsvoll auf die Gesellschaft blicken, und sprechen darüber, wie sie zu der entschlossenen Songwriterin wurde, die sie heute ist.
Die Kraft der Jugend
Wenn man anfängt, mehr über Chloe Slater zu lesen, kommt man an dem Wort „jugendlich“ nicht vorbei: Ihre Musik hat einen unermüdlichen Drive. Sie ist politisch laut und trotzdem kreiert sie Melodien, die nach vorne gehen und einem eher einen kleinen Stoß versetzen als einen herunterzuziehen. In Fig Tree führt die Britin einen stürmischen Monolog darüber, wie sie immer und immer wieder mit patriarchalen Erwartungen konfrontiert wird. „How many days in between before my dates expired? How much more do I get before my looks get tired?“, singt Chloe Slater mit ihrer kraftvollen Kopfstimme. In den Zeilen klingt zwar Frustration an, aber auch der fundamentale Glaube daran, dass Proteste, Lieder und Konzerte die Welt verändern können. Ein Glaube, der inhärent mit den energetischen Zwanzigern kommt und der bei vielen irgendwann erlischt. Auch ihre neueste Single Ugly liefert feministische Zeilen, Kritik am Kapitalismus und am Perfektionswahn, die sie mit 80er-Synths und repetitiven Gitarren paart.
Wir sprechen über diese omnipräsente Entschlossenheit, Dinge anzukreiden, die Chloe Slater zur Stimme der Jugend macht. „Ich glaube, es gibt definitiv eine Tendenz, dass man mit zunehmendem Alter vielleicht ein bisschen den Anschluss an gesellschaftliche Themen und das aktuelle Geschehen verliert. Man gründet vielleicht eine Familie, und dann ist das die Priorität, und man beschäftigt sich damit, oder man bekommt einen gut bezahlten Job und denkt sich: ‘Na ja, das betrifft mich eigentlich gar nicht mehr, vielleicht muss ich gar nicht zu den Demos gehen oder Petitionen unterschreiben’.“ Dass dieser Weg nicht immer einfach ist, zeigt Slater in ihrem Titel Sucker, in dem sie auf die vielen negativen Kommentare eingeht, die unter ihren Videos immer wieder aufploppen und in ihren feministischen Parolen ein Feindbild erkennen wollen. Aufzuhören oder wie in ihren Ausführungen neue Prioritäten zu finden sieht Slater allerdings nicht in ihrer Zukunft. Bei der Frage, ob sie selbst davor Angst habe, einmal dieses Feuer zu verlieren, denkt sie kurz nach und schüttelt dann lächelnd den Kopf: „Ich glaube, mein Herz wird immer am richtigen Fleck sein.“
Chloe Slaters Weg in die Großstadt
Und obwohl Chloe Slater als die neue, junge Stimme der britischen Indieszene gehandelt wird (spätestens hier sollte der unvermeidbare Vergleich zu Sam Fender fallen) und immer wieder mit ihrer Jugendlichkeit zusammengebracht wird, findet sich die Musikerin in einer merkwürdigen Doppelrolle wieder. Denn ihre letzte Tour nannte sie „Southern Youth“ – eine kleine Clubtour durch Kleinstädte entlang der südlichen Küste von Großbritannien. Der Titel beruht auf einem bisher unveröffentlichten Song. Darin geht Chloe selbst teilweise im Rückblick Momente ihrer Jugend durch. Dabei wird sie in mehreren Porträts so gezeichnet, als sei die Mittezwanzigjährige noch mittendrin. „Der Song handelt davon, in einer Küstenstadt aufzuwachsen und dem Ganzen entfliehen zu wollen – sozusagen ein Umzug in die Großstadt – und davon, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich tatsächlich in die Großstadt gezogen bin, in meinem Fall nach Manchester.“
Die Küstenstadt, die Chloe Slater hier erwähnt, liegt direkt am Ärmelkanal und umfasst etwa 186.000 Einwohner:innen. Es ist ein besonderer Landstrich mit einer besonderen Mentalität. „Am Meer ist es super windig, und dieser Wind kann einen ganz schön müde machen. Ich fühle mich am Ende des Tages immer total erschöpft, wenn ich jetzt meine Heimat besuche. Aber wenn man aufs Wasser schaut und die Sonne scheint und es glitzert, ist das so entspannend“, erklärt Chloe die Natur ihrer Heimat. Trotz der Liebe für das Meer beschreibt die Musikerin, die auf der Bühne und in ihren Songs schon eine ganz klare Stimme voller Haltung gefunden hat, wie sie die Kleinstadt verlassen musste, um sich selbst zu finden.
„Wäre ich nicht weggezogen, wüsste ich nicht, ob ich so denken würde“
„Ich erinnere mich daran, wie ich als Teenager angefangen habe, meinen Stil ein bisschen zu ändern und vielleicht etwas ausgefallenere Sachen zu tragen, die ich heute gar nicht mehr als ausgefallen empfinden würde. Aber weil ich in dieser Stadt lebte, in der einfach alle Leggings und Skinny-Jeans trugen, hatte ich große Angst davor, etwas weitere Kleidung zu tragen. Heute trage ich einfach, was ich will, und es ist mir egal. Wäre ich nicht weggezogen, wüsste ich nicht, ob ich so denken würde.“ Gleichzeitig erklärt Chloe, dass sie die Großstadt auch verändert habe und es eine Weile gedauert habe, bis sie tatsächlich herausgefunden hat, wer sie wirklich sein wollte.
„Ich bin in die Stadt gezogen und habe mir eine Fassade zugelegt, aber mich auch immer mehr so verhalten, wie ich sein wollte. Es hat mich als Person so viel selbstbewusster gemacht und mich aus meiner Komfortzone herausgeholt. Ich glaube, man muss sich einfach ändern, wenn man aus so einer Kleinstadt in eine Großstadt zieht und jede Menge Leute trifft und jeden Abend ausgeht. Ich glaube nicht, dass ich einfach dieselbe schüchterne Person hätte bleiben können.“ Wie die Großstadt sie herausforderte, beschreibt sie in dem Song Death Trap – im Grunde ein Disstrack gegen ihren Vermieter und den verkommenen Wohnungsmarkt, der es erzwingt, dass sie in einem heruntergekommenen Haus lebt.
Entschlossenheit, Klarheit und Deutlichkeit
Als wir Chloe Slater treffen, ist sie gerade im Begriff, ein neues Kapitel anzufangen und nach London zu ziehen. Die letzten Jahre verbrachte sie in Manchester, am anderen Ende des Landes. Dort fand sie die vielen Grassroot-Clubs, die sie in Bournemouth vermisste und die ihr ermöglichten, sich auszuprobieren. „Ich war noch ziemlich ein Kind, ich meine, ich war zwar 18, aber ich glaube, mit 18 ist eigentlich noch niemand wirklich erwachsen. Ich glaube, da steckt viel Naivität und blinde Hoffnung drin, während man als Erwachsener vielleicht ein bisschen mehr Angst vor solchen großen Veränderungen im Leben hat.“ Auf London guckt sie trotzdem voller Zuversicht und lässt wenig von den angedeuteten Sorgen und Ängsten durchblicken.
Chloe Slater durchdringt eine gewisse Entschlossenheit, die auch ihre Musik bestimmt. Im November letzten Jahres veröffentlichte sie den Titel Warcrimes, ein Song, der auf Palästina und die Zerstörung Gazas schaut, die britische Regierung zur Verantwortung zieht und sogar den Premier Keir Starmer namentlich nennt. Das Cover der Single stammt vom palästinensischen Künstler Ahmed Al Da’alsa, dessen Werke das Leben in Gaza dokumentieren. Obwohl Chloe Slater mir erklärt, dass ihr Label Awal sie nicht an diesem Release hinderte, ist es mutig, in so einer jungen Karriere einen Protestsong dieser Deutlichkeit zu veröffentlichen. Sie erzählt von Songs wie diesen mit einem Lächeln, erklärt Positionen mit Gelassenheit und doch geistiger Schärfe. Es ist leicht, ihr zu folgen, und ihre eingängigen Melodien machen es noch ein bisschen leichter. Doch über allem steht eine beeindruckende Klarheit, mit der Slater ihre Musik voller Parolen teilt. Sie zeichnet Slater aus und hebt sie von anderen Artists ab.