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Interview mit In This Moment: „Manchmal sind wir unser schlimmster Feind“
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In This Moment haben ihrem neunten Album den trügerisch simplen Titel Witch gegeben. Dahinter lauert ein düsteres, abgründiges, faszinierendes Lehrstück in Sachen Modern Metal, das female rage, alte Mythen und die mediale Hexenjagd unserer Zeit in einen beeindruckenden Koloss gießt.
Es heißt schon was, wenn Bands, die sich viele Jahre lang nicht eindeutig politisch positionierten, zumindest teilweise ihre Meinung ändern. Das hatten wir in diesem Jahr schon mit Evanescence, jetzt schließen sich In This Moment an. Seit 20 Jahren arbeitet sich das Kernduo Maria Brink und Chris Howorth an beeindruckenden Monolithen zwischen Alternative, Gothic Metal und Metalcore ab, immer schon waren sie ein Safe Space für Andersdenkende.
Mit Witch setzen sie diese Tradition fort, positionieren sich aber erstmals eindeutig gegen den Wahnsinn, dem die Kalifornier:innen wie der Rest der Welt jeden Tag im politischen Tagesgeschehen ihrer Heimat ausgesetzt sind. Zugleich lebt Witch von einer titelgemäß verhexten Grundstimmung, die dem ebenso einfachen wie angemessenen Titel in allen Facetten gerecht wird. Bandgründer und Gitarrist Chris Howorth steht uns Rede und Antwort.
Ihr veröffentlicht mit Witch euer neuntes Album. Gibt es da überhaupt noch Überraschungen im Entstehungsprozess?
Völlig richtig, wir haben schon eine Menge Platten gemacht, aber Witch war die schwerste von allen. Wir hatten eine derart genaue Vision des Albums, dass wir lange nicht zufrieden waren. Insgesamt haben wir zwei Jahre daran gearbeitet und immer wieder Songs verworfen, die schlussendlich nicht so waren, wie wir uns das vorgestellt hatten. Vielleicht wollten wir zu viel, aber wir spürten instinktiv, dass wir diesmal keine Kompromisse eingehen wollten. Jetzt haben wir ein Album voller Songs, die mich für den Rest meines Lebens nicht mehr loslassen werden. Es hat viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet, aber es hat sich gelohnt.
Bei In This Moment kommen seit jeher riesige Stadion-Refrains mit einer ganz besonders verhexten Aura und vielen progressiven Details zusammen. Wie schafft ihr diese Balance aus Radiomaterial und dieser unheilvollen, abseitigen Stimmung?
Das ist alles Maria. Wir können riesige Stadionsongs schreiben, kein Problem. Aber das reicht uns nicht. Natürlich wollen wir starke Songs, wir wollen unsere Fans aber auch fordern. Sie sollen sich ruhig mal fragen, was zum Henker sie da gerade eigentlich gehört haben. Wir mögen es nun mal überhaupt nicht, vorhersehbar zu sein. Also fordern wir uns immer wieder heraus und verwerfen immer wieder richtig gute Ideen. Manchmal sind wir durchaus unser schlimmster Feind.
„Darf man Another Brick In The Wall covern? Die meisten sagen: Nein.“
Kommt daher auch eure Schwäche für ungewöhnliche Coverversionen? Allein auf Witch finden sich Songs von The Police, Pink Floyd und Nine Inch Nails…
Wir lieben Musik über alles. Das wollen wir zeigen. Wir suchen uns bewusst Songs raus, die die meisten niemals anfassen würden, weil sie einfach zu … heilig sind, wenn du weißt, was ich meine. Darf man Another Brick In The Wall covern? Die meisten sagen: Nein. Aber Maria sagt: Auf jeden Fall!
Lass uns über den Titel des neuen Albums sprechen. In dem Wort „Hexe“ stecken so viele Konnotationen, so viele Ebenen. Die sprichwörtliche Hexenjagd zwischen Mittelalter und früher Neuzeit, moderne Hexenjagden, aber auch Feminismus, altes Wissen, Weisheit, Unabhängigkeit, die Stärke der Außenseiterin. Wann kam euch der Titel Witch?
Wenn ich an eine Hexe denke, denke ich an die Verfolgung von jemandem, der anders ist, oder von jemandem, der erleuchtet ist oder auf einer anderen Ebene denkt als alle anderen. Und vielleicht haben viele ein bisschen Angst vor diesen Menschen. Anstatt also zu versuchen, es zu verstehen, tötet man es lieber. So ist der Mensch. Und streng genommen hat sich daran seit dem Mittelalter nichts geändert: Auch in diesem Zeitalter der sozialen Medien, der Empörung und der sofortigen Verurteilung finden ständig Hexenjagden statt.
Eine Hexe ist auch ein starkes Symbol für Individualität. Für das also, was viele faschistische und autokratische Systeme abschaffen wollen.
Individualität scheint heute wichtiger denn je, dem stimme ich zu. Wir leben in einem extrem aufgeheizten Klima, die Welt ist gespalten in all diese Fraktionen und Lager. Wer heute anders ist, wer nicht in die Norm passt, wird verfolgt. Das gilt für die USA, aber wie ich das sehe, auch für den Rest der Welt.
Also schleicht sich die extrem angespannte Stimmung in den USA auch in die Musik von In This Moment?
Ich glaube, wir alle wollen einfach nur in Frieden leben. Aber es gibt einige Leute, die offensichtlich etwas dagegen haben. Alles, was wir in den Nachrichten sehen, ist so verdammt düster. Das geht unter die Haut, das macht traurig. Ich halte mich dennoch mit Verurteilungen zurück, weil ich immer noch ein Verfechter des offenen Gesprächs bin. Sobald wir den Diskurs von Social Media in die Realität verlagern, finden oft ehrliche, echte Gespräche statt. Dort müssen wir wieder hin.
Kann Musik immer noch purer Eskapismus sein oder sind diese Zeiten vorbei?
Wir haben uns nie als politische Band gesehen, was auch immer das heißen mag. Aber wir können bei manchen Dingen nicht länger schweigen. Natürlich hoffen wir, dass die Menschen durch unsere Musik abschalten und auf andere Gedanken kommen können. Wir wollen, dass sie Kraft finden in unseren Songs. Aber wir wollen trotzdem, dass sie sich nach dem Hören unserer Musik besser fühlen. Politische Bands sind wichtig, wir brauchen sie. Aber wir brauchen trotzdem Bands, die eine gewisse Realitätsflucht ermöglichen.
Was hoffst du, dass Hörer:innen mitnehmen, nachdem sie Witch gehört haben?
Ein Gefühl der Selbstermächtigung.