Interview mit The Warning: „Wir alle fallen jeden einzelnen Tag“

The Warning
Foto: Brian Ziff
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Die Villarreal-Vélez-Schwestern haben die moderne Rockmusik aufgemischt wie kaum eine andere Band in den letzten zehn Jahren. Daniela, Paulina und Alejandra von The Warning sind gerade mal zwischen Anfang und Mitte 20, haben aber längst die größten Bühnen der Welt erobert und veröffentlichen mit Everything’s Falling jetzt schon ihr fünftes Album. Drummerin Paulina Villarreal Vélez stand uns Rede und Antwort.

Die Geschichte ist filmreif. Drei Schwestern wachsen im mexikanischen Monterrey auf, spielen schon als Kinder wie besessen Rock Band und gründen 2013 eine Band. Die jüngste der Villarreal-Vélez-Schwestern, Alejandra, war damals gerade mal sieben Jahre alt. Sie gehen viral mit einem sensationellen Cover von Enter Sandman, das sogar Kirk Hammett auf den Plan ruft – und der Rest ist Geschichte. Sie spielen mit Foo Fighters oder Guns N’ Roses, hauen eine fesselnde Platte nach der anderen raus und werden binnen weniger Jahre ein weltweites Phänomen, das längst auf den größten Bühnen spielt.

Mit Everything’s Falling sind sie schon bei Album fünf angekommen, absolute Veteraninnen in einer unnachgiebigen Industrie, von der sie sich doch nie verbiegen ließen. Inzwischen sind sie Anfang beziehungsweise Mitte 20, haben alles gesehen und erlebt. Das hört man den selbstbewussten, düsteren neuen Songs an. The Warning sind nicht hier, um der Welt irgendwas zu beweisen. Sondern um ihre wahre Größe zu demonstrieren.

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John Lennon hat sinngemäß mal gesagt: „Das Leben ist das, was passiert, während man damit beschäftigt ist, Pläne zu schmieden.“ Das scheint auch die Grundaussage von Everything’s Falling zu sein, oder?

Ja, in gewisser Weise schon. Dinge ändern sich. Das Leben kommt dazwischen. Dennoch muss ich sagen, dass das Leben, das wir drei führen, extrem seltsam und ungewöhnlich ist, weil alles schon zwei Jahre im Voraus geplant ist. Ich habe mein Jahr 2028 schon durchgeplant. Aber auch wenn die Pläne feststehen und alles terminiert ist, können sich die Dinge im Laufe der Zeit immer ändern. Und ich glaube, das ist etwas, was wir in den letzten fünf Jahren gelernt haben. Wir haben ja vor etwa fünf oder sechs Jahren angefangen zu touren, und das hat unsere Sichtweise wirklich verändert: Auch wenn wir all diese Pläne haben, die sich so konkret anfühlen, als könne man sie wirklich nicht ändern, und man dann anfängt, sie mechanisch abzuarbeiten, merkt man: Das Leben ist so formbar, und es spielt keine Rolle, wie viel man plant – es wird sich ändern, weil man nicht weiß, wie man am nächsten Tag aufwachen wird.

Das klingt aber nicht unbedingt nur negativ.

Keineswegs. Es ist sehr befreiend, denn obwohl man einen Zeitplan hat, kann man diesen Zeitplan anders interpretieren. Letztendlich ist es immer deine Entscheidung, wie du diese Entwicklungen wahrnimmst. Das ist etwas, das wir auf diesem Album viel erforschen – wie wir uns durch den Trubel unseres Alltags bewegen, der eben schon ziemlich verrückt ist.

Wer von euch ist am besten im Planen und wer von euch ist eher die Spontane?

Das hängt sehr stark von der jeweiligen Situation ab, aber entgegen der landläufigen Meinung ist Daniela die Spontanste, Alejandra und ich sind in unseren Gewohnheiten eher festgefahren. Wenn es einen Plan gibt, halte ich mich gerne daran. Ich mag Struktur, ich mag es, organisiert zu sein, besonders am Arbeitsplatz – auch wenn dieser Arbeitsplatz eine Bühne ist.

Der Albumtitel suggeriert, dass nichts für die Ewigkeit ist, dass Dinge schiefgehen, dass man scheitert. Habt ihr nach diesem jahrelangen Höhenflug der letzten Jahre Angst, irgendwann zu fallen?

Wir sind schon oft gefallen. Man hat es nur nicht gemerkt. Heute wird ja nur noch das als wahr angesehen, was wir nach außen projizieren. Wir gehen davon aus, dass es uns immer gut geht, wenn wir wieder eine coole Story aus dem Urlaub sehen. Doch die Realität ist weit davon entfernt. Wir alle fallen jeden einzelnen Tag. Und was wir in diesem Album erforschen, ist, uns selbst die Gnade zu gewähren, Misserfolge zu akzeptieren. Und eher zu fragen, was man daraus lernen kann, wie man daran wachsen kann.

Hast du manchmal das Gefühl, dass die Gesellschaft, in der wir leben, kein Scheitern zulässt? Dass sie uns keinen Raum für Fehler lässt?

Ja. Das ist der Preis, den wir dafür zahlen, in einem so vernetzten Zeitalter zu leben. Ich verstehe zwar diesen Wunsch, immer perfekt sein zu wollen – ich glaube, das ist Teil der menschlichen Natur. Aber ich halte das für eine äußerst gefährliche Denkweise. Als jemand, dessen Karriere darauf basiert, Dinge online zu teilen, weiß ich schmerzhaft genau, dass nicht alles der Wahrheit entspricht. Deswegen bin ich sehr dankbar, meine Schwestern immer um mich zu haben. Wir drei gehen auf eine sehr menschliche Weise damit um.

Was ist es, das euch drei am Laufen hält? Was ist der eigentliche Kern von The Warning?

Was uns antreibt, ist, dass wir drei eine so tiefe Verbindung zueinander haben und gemeinsam etwas ganz Besonderes aufgebaut haben – wir drei allein. Und ich weiß: Wenn ich mal müde bin, geht es nicht um mich. Es geht um uns. Selbst wenn ich das Gefühl habe, nicht mehr weitermachen zu können, sehe ich meine Schwestern. Ich erinnere mich an das Versprechen, das ich gegeben habe, und an die Verpflichtungen, die ich eingegangen bin. Ich trage eine gewisse Verantwortung gegenüber meinen Schwestern. Denn alles, was ich in meinem Leben tue, wirkt sich auf ihr Leben aus, und was sie tun, wirkt sich auf meines aus. Es sind also diese Liebe und diese Fürsorge, die wir füreinander und für die Träume der anderen empfinden. Träume, die es uns ermöglichen, bestimmte Momente einfach durchzustehen.

Ihr wart sehr jung, als ihr euren Durchbruch hattet. Was hat die Musikindustrie mit euch gemacht?

Allein dadurch, dass ich in einer Band in dieser ganz besonderen und nicht immer besonders netten Branche tätig bin, habe ich gelernt, wie und wo ich mich anpassen muss. Ich meine, nicht falsch verstehen, ich halte mich für einen der glücklichsten Menschen auf der Welt. Das, was ich tue, ist ein großes Privileg. Diese Branche hat mir aber gelehrt, dass man nie genug vorbereitet sein kann. Es gibt immer Raum für Wachstum und es gibt immer etwas, das man noch nicht weiß, und nur wenn man sich mit den richtigen Leuten umgibt, kann man sich irgendwie in dieser verrückten Welt zurechtfinden.

Es gibt einige Passagen auf Everything’s Falling, die man durchaus als Mittelfinger an eure Hater interpretieren könnte…

Wir stehen nicht darüber, wütend zu sein, wenn wir für Dinge kritisiert werden, die normalerweise nicht kritikwürdig sind. Oder wenn man uns an diese fast unmenschlichen Maßstäbe anlegt, nach denen man einfach nicht das sein kann, was die Leute von einem erwarten. Und wenn wir dann im Proberaum sitzen und über diese Dinge sprechen, dann lassen wir sie auch raus. Wut ist eine mächtige Waffe. Und nicht viele Menschen haben die Möglichkeit, diese Wut einfach rauszulassen.

Ihr habt euch 2025 wohl eine Auszeit vom Touren genommen, um euch auf das Album zu konzentrieren. War es nach all den Jahren nicht total seltsam, nicht unterwegs zu sein?

Es war wirklich verrückt. Wir waren in den letzten vier oder fünf Jahren nonstop auf Tour. Und wenn ich nonstop sage, meine ich auch wirklich nonstop. Länger als zwei Wochen am Stück waren wir nicht zu Hause. Deshalb wussten wir, dass wir es bei diesem Album anders angehen wollten. Eine Auszeit vom Touren und die bewusste Entscheidung, das Album zuhause aufzunehmen. Wir gingen ins Studio, arbeiteten den ganzen Tag und gingen dann zu uns nach Hause. Unter unsere Dusche, in unsere Betten. Nicht aus einem Koffer zu leben, war sehr bereichernd und diesmal genau das Richtige.

Everything’s Falling ist eines der am meisten erwarteten Rockalben des Jahres. Habt ihr diesen Druck gespürt?

Natürlich spüren wir Druck. Wird dieser Song im Radio gespielt oder nicht? Ist er gut genug? Wird es eine Single, brauchen wir noch mehr Singles? Aber das ist okay, denn auch Diamanten entstehen nun mal erst durch Druck. Und manchmal braucht es ihn, um das Beste aus sich herauszuholen.

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