Julia Holter im Interview: „Ich betrachte Lieder gerne als Kreaturen“

Julia Holter
Foto: Tashi Wada

Sie forscht unverwechselbar an Klang, Zeit und Liebe: die Art-Pop-Künstlerin Julia Holter. Nun hat sie ein neues Album namens Materia draußen – aber ist das nicht der Titel eines ihrer älteren Songs? In einem Gespräch über Umformung, Wasser und Hildegard von Bingen gehen wir dem auf den Grund.

Die Materie in Materia

Ein Song hat nicht nur eine Form. Mit jedem Mal, das man eine Komposition live spielt, wird sich die ursprüngliche Idee verändern und über die Jahre neue Ansätze annehmen. So sieht es auch Julia Holter auf ihrem neuen Album. Schließlich heißt es Materia, genauso wie ein Song auf ihrem vorherigen Album. Auf Materia (dem Album) hat Julia Holter es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, ihr eigenes Songmaterial aus verschiedenen Songs wiederzuverwenden und in neue Kompositionen zu transformieren.

Eine ungewöhnliche Herausforderung ist das. Aber bei Julia Holter konnte man sich eigentlich sicher sein, dass aus so etwas kein langweiliges Wiederkauen wird, sondern eine Sammlung an faszinierenden neuen Klangwelten. Schließlich ist sie schon seit spätestens den frühen 2010ern eine enorm spannende Figur in der Art-Pop-Welt. Eine, die es schafft, Klangexperimente in einladende, immersive Flächen zu formen, oder aber auch melodischen und zugleich vielschichtigen Pop mit klassischen Einflüssen zu machen.

Ihr neues Album Materia knüpft nun, wie sie selbst sagt, an den Vorgänger Something In The Room She Moves aus 2024 an. Zum einen spielt da dieselbe Band um Holter herum, eine Mischung aus Holzblasinstrumenten, Synths, Klavieren, Fretless-Bass und Drums. Zum anderen setzt das Album Kompositionen aus Something In The Room She Moves fort. My Twin und Fantasy etwa bestehen aus ähnlichen Teilen, die damals als Skizzen existierten. „Es ist faszinierend zu sehen, wie eine Komposition ihre Form verändern kann“, sagt Julia Holter. „Ich betrachte Lieder gerne als Kreaturen, und ich sehe gerne, wie sie sich in andere Kreaturen verwandeln.“

Aus einem Song entstehen drei

Das offensichtlichste Beispiel ist der Song Materia aus 2024, der nun zwei neue Versionen geschenkt bekommen hat. Holter dröselt es auf: „Die Art und Weise, wie Materia auf dem Album Something In The Room She Moves existiert, ist eher eine schlichte Darbietung. Ich dachte mir, es wäre spannend, das Stück weiter auszubauen, indem man die Harmonien und die Melodie stärker hervorhebt. Die Melodie unterscheidet sich deutlich von vielen meiner anderen Melodien. Sie ist sehr melismatisch angelegt – es gibt also viele Töne pro Silbe –, was von Hildegard von Bingen inspiriert ist.“ Die hört man auch nicht alle Tage als musikalische Inspirationsquelle!

Nun wurde die Komposition für den Track Materia 2 in zwei Gesangsstimmen aufgeteilt, die zudem von Bass und Klarinette umspielt werden – ein sehr anderes Stück mit nur leicht modifiziertem Text. Materia 3 wiederum ist im Grunde eine verlangsamte Aufnahme des Originals. Wer hätte gedacht, dass Julia Holter mal sozusagen „Slowed & reverbed“-Versionen erstellt, wie sie auf TikTok oder YouTube verbreitet sind?

Julia Holter: „Wasser und die Gebärmutter und solche Dinge“

Alle Tracks auf Materia, ob alt oder komplett frisch, vereint dabei eine besondere, fließende Atmosphäre. Julia Holter war schon immer eine Künstlerin, die sehr interpretationsreiche und poetische Texte geschrieben hat; hier hat sie sie absichtlich offen gelassen, was dieser Stimmung entspricht: „Der Text und die allgemeine Stimmung sind sehr sinnlich und frei. Ich habe sie eher impressionistisch geschrieben, es geht viel um den Klang der Worte.“

Auch auf die älteren Stücke trifft dieses Fließende zu, meint Holter: „Die poetische Komponente war sehr spezifisch für jene Zeit: die COVID-Pandemie, meine Schwangerschaft. In meiner Welt – und eigentlich auch im Leben vieler anderer Menschen – drehte sich damals unglaublich viel um den eigenen Körper. Um Wasser und die Gebärmutter und solche Dinge. Das spiegelt zwar nicht mehr meinen aktuellen Zustand wider, aber da viele der neuen Songs aus jener Zeit stammen, zieht sich dieser Stil durch das ganze Werk. Außerdem liebe ich es, mich in dieser Welt zu bewegen.“

Ein Album, in das man sich hineinlegen kann

Motive aus der Natur finden sich in Holters Texten und Klangästhetik oft, Materia hat die wässrige Atmosphäre aber wirklich auf Anschlag gedreht. Hallige Mixes mit nur wenigen Instrumenten, die wie eine riesige Unterwasser-Fläche klingen, beherrschen jeden Song. „In der Produktion gab es sehr spezifische Dinge, wie zum Beispiel die Bearbeitung der Percussion: Ich habe da oft einen Filter draufgelegt, der einen glockenartigen Klang erzeugte, für mich aber sehr wässrig wirkte.“ Selbst The Laugh Is In The Eyes, welches das Album relativ voll und rhythmusfokussiert beginnt, taucht später in wundervolle Ruhe ab und lässt den Fretless-Bass übernehmen, also einen E-Bass ohne Bundstäbe zwischen den Tönen, ähnlich wie bei einem Kontrabass. Dieses Gleiten von einem Ton in den nächsten erzeugt einen sehr „schwelgenden“ Charakter, wie Holter ihn mit ihrer Bassistin Debra Hoff angestrebt hatte.

Denn die Texturen und die Produktion sind für Julia Holters Musik mindestens genauso wichtig wie das Songwriting. „Ich fing früher als klassische Komponistin an“, erzählt Holter. „Das war nur für ein paar Jahre, aber dabei lernt man zumindest die Grundlagen der Orchestrierung kennen. Die Klangfarbe der Instrumente ist mir daher immer wichtig. Deshalb mache ich mir schon sehr früh im Entstehungsprozess eines Songs Gedanken über das Arrangement und die Produktion. Ich bin keine Songwriterin, wie man es aus der Popmusik kennt, wo Aufgaben oft klar verteilt sind: Man schreibt zum Beispiel nur die Melodie, während jemand anderes die Akkorde beisteuert, und so weiter. Bei mir ist das eher alles miteinander verwoben.“

Was heißt „zeitgenössisch“?

Materia ist klar eines der Alben, auf denen Holter am meisten Gewicht auf die Klanglandschaften legt. Man könnte es fast als Ambient-Musik kategorisieren. Aber Holter meint: „Das muss man von Song zu Song betrachten; denn auch auf Materia gibt es Stücke, die ganz klassisch aufgebaut sind: Strophe, Refrain, Strophe und so weiter. Und dann gibt es natürlich diese eher ausschweifenden, sich schlängelnden Songs.“ Sie möge es zwar auch, klassischere Songs zu schreiben, die „eine in sich geschlossene Erzählung schaffen.“ Denn Vorbilder für ihr Songwriting seien etwa Scott Walkers frühe Werke oder Bob Dylans Album Nashville Skyline.

Im Vergleich zu solchen Kompositionen sieht Holter das neue Album eher als fließend und „zeitgenössisch“ an. „Nicht zeitgenössisch im Sinne von ‚für alle‘, sondern bezogen auf meine eigene aktuelle Existenz in der heutigen Zeit.“ So singt sie auf einigen Songs von Liebe, Zeit und wie diese einander bedingen oder befreien können.

Intuition und Zähneausbeißen

Ein klarer Plan habe hinter dem Album nicht von Anfang an gesteckt, denn meistens schreibe Holter einfach drauflos, ohne sich groß Gedanken zu machen, meint sie. Die ersten Songs sollten erstmal entstehen, um neue Stücke live mit der Band spielen zu können – woraus schließlich ein ganzes Album wurde. „Um aber am Ende die Vision für ein Album umzusetzen, vertraue ich primär meiner Intuition. Es ist nicht immer einfach zu erklären, warum alles zusammenpasst. Deshalb vertraue ich oft darauf, dass die einzelnen Teile als Ganzes funktionieren. Wenn ein Teil nicht dazu passt, nehme ich es heraus und hebe es für ein anderes Projekt auf. Ich folge also viel dem, was passiert, und hinterfrage nicht zu viel.“

So fließend und einfach, wie das klingt, läuft das nicht immer ab. Es gehört auch viel Verwerfen und Zähneausbeißen dazu, so habe etwa der Song Fantasy lange „nichts getaugt“, was Holter geradezu besessen davon machte. Viel Zeit fließt ins Editieren von Songs, bis sie die Form erreicht haben, die sich richtig anfühlt.

Das ist ein Prozess, den Holter oft immer noch allein ausführt. Auch wenn sie mittlerweile eine Band hat und zum Aufnehmen ins Studio geht, liegen ihre Wurzeln in Schlafzimmer-Produktionen. „Ich mache meine Musik auch heute noch so – wobei es nicht mehr buchstäblich mein Schlafzimmer ist, sondern ein Arbeitszimmer.“ Sie liebt aber vor allem die verschiedenen Farben und Stimmen, die die Zusammenarbeit mit anderen Musiker:innen in ihre Kunst bringt. Fühlt sich das dadurch weniger persönlich an? Nein, sagt sie. „Man hat einfach mehr Möglichkeiten. Es ist – ich vermeide das Wort eigentlich immer, aber ehrlich gesagt – ein Privileg.“

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!

Dein neues Zuhause für All Things Vinyl

Von Rock über Pop bis zu Hip-Hop und Jazz – bei uns gibt's alles für dein Plattenregal.