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Massive Attack covern den K-Pop-Klassiker „Regret Of The Times“ – das ist die Geschichte dahinter
features08.06.26
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Das hatte wohl niemand so richtig auf der Bingo-Karte: Die ultrapolitischen Trip-Hop-Pioniere Massive Attack covern auf ihrer aktuellen Tour auch einen K-Pop-Klassiker. Sie spielen eine sehr druckvolle Version von Seo Taiji And Boys‘ Regret Of The Times. Wie man es bei ihren Live-Shows gewohnt ist, wird der Song von einer aufwendigen Video-Collage begleitet. Und die hat es in sich: Massive Attack erinnern darin nämlich an den durchaus subversiven und subkulturell geprägten Urknall von K-Pop, für den Seo Taiji And Boys maßgeblich verantwortlich waren. Auch die Songauswahl ist sehr bewusst, denn Regret Of The Times aus dem Jahr 1995 ist ein durch und durch politischer Song, der die Korruption der damaligen südkoreanischen Regierung und die Zensurpolitik anprangerte. Aber der Reihe nach …
Hol dir den Sound von Massive Attack nach Hause
Der K-Pop-Urknall
Seo Taiji und seine Band sind quasi der Urknall von K-Pop, wie wir ihn heute kennen. Wobei sich das eher auf die musikalische Mischung bezieht – das Idol-System haben sie uns nicht eingebrockt. Aber als Jeong Hyeon-cheol alias Seo Taiji Anfang der 90er-Jahre mit Yang Hyun-suk und Lee Juno die Band Seo Taiji And Boys gründete, schockten die drei zuerst die Musikindustrie Südkoreas. Die setzte zu der Zeit noch auf patriotisch angehauchte Folk-Balladen, Hymnen für die noch sehr junge Demokratie und Herzschmerz-Schmachtfetzen nach Vorbildern wie Barbra Streisand oder Lionel Richie.
Koreanische Mainstream-Musik war dabei vor allem ein Fernsehthema: Die großen TV- und Radiosender veranstalteten Musikrevuen und Formate, die den heutigen Castingshows sehr ähnlich waren. Genau dort gaben Seo Taiji And Boys, auf dem Sender MBC, am 11. April 1992 ihr TV-Debüt. Seo Taiji – Sänger, Produzent und Songwriter – hatte zuvor in der noch heute aktiven Rockband Sinawe gespielt, sich für sein neues Projekt aber noch Tanzen, B-Boy-Style und Hip-Hop-Beats draufgeschafft. Ihr erster Song hieß Nan Arayo, übersetzt „I Know“, und klang wie eine Kreuzung aus Snap! und den Beastie Boys auf Koreanisch.
Die Jury hasste es. Sie bemängelte den aggressiven, ungelenken Tanzstil und die Melodiearmut des Stücks. Doch bei der jungen Generation trafen Seo Taiji And Boys einen Nerv. Sie brachten das Interesse an aktueller US-Musik mit einer eigenen koreanischen Identität zusammen und legten den Grundstein für den internationalen Siegeszug des K-Pop. Großen Anteil daran hatten aber vor allem die Texte der Band: Sie nahmen ihr jugendliches Publikum ernst, handelten schon damals von Mental Health und sozialem Druck, von Identität und politischen Themen.
Die Zensur des südkoreanischen Public Performance Ethic Committees
Die Demokratie hatten sich die Südkoreaner:innen erst 1987 erkämpft, nach langen und durchaus brutalen Militärdiktaturen. Vielleicht lag es daran, dass man Anfang der 90er noch sehr skeptisch auf die eigenen Kulturprodukte schaute, oder aber von Seiten der Regierung gezielt Musik und Kunst förderte, die eine möglichst positive Message hatte und nicht die Arbeit der jungen Regierung kritisierte oder gesellschaftskritische Fragen anrührte. Filme und Lieder mussten dabei vor der Veröffentlichung dem Public Performance Ethic Committees vorgelegt werden.
Seo Taiji And Boys scheuten trotzdem nicht davor zurück, politisch zu werden – und das zeigte sich vor allem in zwei Songs von ihrem vierten und letzten Album Seo Taiji & Boys IV, das 1995 rauskam. Ein Song ist Come Back Home, in dem sie über ein Phänomen singen, das damals sehr aktuell war: Teeanger:innen, die von zuhause wegliefen, weil sie mit dem Druck in der Schule, der Familie und der Gesellschaft nicht mehr klarkamen.
Der andere, sehr politische Song ist Regret Of The Times, der schließlich zum Showdown mit dem Public Performance Ethic Committee führte. Das hatte zuvor durchaus einige gesellschaftskritische Songs der Band durchgewunken, aber hier war man der Meinung, Seo Taiji sei zu weit gegangen. Die Lyrics des Songs nahmen nämlich sehr genau zielend die Regierung ins Visier.
Ein Duell zwischen Künstler und Staat
Dazu muss man wissen: Die südkoreanische Gesellschaft war Mitte der 90er aufgewühlt und wütend. Auslöser des Unmuts waren zwei tragische Katastrophen, die aufzeigten, wie korrupt und nachlässig Teile der damaligen Regierung arbeiteten. Am 21. Oktober 1994 stürzte die Seongsu-Brücke in Seoul ein. 32 Menschen starben, 17 wurden verletzt. Im Juni 1995 kollabierte dann das Gebäude des Sampoong Department Stores, tötete 502 Menschen und verletzte 937. Beide Tragödien hätten verhindert werden können, wenn die Behörden den Bau richtig kontrolliert hätten. Aber die Regierung pushte den wirtschaftlichen Fortschritt gnadenlos, schaute nachlässig über Konstruktionsmängel hinweg und scherte sich nicht um Sicherheit.
Seo Taiji textete darauf koreanische Zeilen, die übersetzt ungefähr lauten: „Die Ära der ehrlichen Leute ist vorbei“ und „Ich wünsche mir eine neue Welt, die den alten Mist über den Haufen wirft.“ Das Ethik-Komitee blockierte den Release des Songs daraufhin. Die offizielle Begründung: Der Song schaue „mit zu viel Negativität auf die Realität“. Seo Taiji And Boys reagierten durchaus clever darauf und veröffentlichten Regret Of The Times trotzdem auf ihrem Album – allerdings ohne die Lyrics. Als sich in den Wochen nach der Veröffentlichung rumsprach, warum der Song ein Instrumental war, fiel der Backlash so gewaltig aus, dass er am Ende gar die Praxis des Public Performance Ethic Committees über den Haufen warf. Es gab Massenbriefe, Proteste vor der Behörde, tausende wütende Anrufe und am Ende eine Petition, diese Praxis zu beenden, die sowieso eher den Geist der alten Militärdiktaturen weiterführte. Am 4. Oktober 1996 beschloss das Koreanische Verfassungsgericht schließlich, dass die Artikel, die der Behörde erlaubten, Filme und Songs vor der Veröffentlichung zu „prüfen“, nicht verfassungskonform seien.
Bis heute ist Regret Of The Times nicht nur ein K-Pop-Klassiker, sondern auch ein Protestsong, der zum Beispiel im Dezember 2024 auf zahlreichen Demos gespielt wurde, als der rechtskonservative damalige südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol am 3. Dezember 2024 das Kriegsrecht ausrief und halb Südkorea auf die Straße brachte. Seo Taiji sagte damals in einem Statement: „Ich glaube, unsere Fans von damals waren zahlreich bei den Protesten vertreten, aber ich sehe vor allem junge Menschen in den Zwanzigern, die daran teilnehmen. Es macht mich stolz, das zu sehen, weil es mich an all die Menschen erinnert, die mit uns damals auf die Straße gingen.
Was Massive Attack aus dem Song machen
Massive Attack schaffen es mit ihrem Cover, dass dieses sehr spannende Kapitel der K-Pop-Historie wieder ins Bewusstsein kommt. Sie nutzen das Duell zwischen der Band und dem koreanischen Start aber auch, um auf die heutige Zeit zu verweisen, in der Künstler:innen wieder oder immer noch gegen Zensur von Seiten eines Staates oder großer Firmen kämpfen müssen. Damit meinen sie zweifelsohne den Backlash, den sie für ihre Position zum Gaza-Konflikt zu spüren bekommen.
Die Schlusspointe ihrer Hommage kritisiert dann allerdings auch die K-Pop-Industrie. Massive Attack sagen nämlich, dass zwar die Zensur in ihrer damaligen Form abgeschafft sei, sie heute aber vom Idol-System ersetzt worden sei. Die „totale Management-Kontrolle“ und das klar erkennbare Ziel, Bands wie „Markenprodukte, die man monetarisieren kann“ zu gestalten, verhinderten ebenso effektiv, dass sich Idols oder K-Pop-Bands mal kritisch politisch äußern. Das ist zwar auch wieder eine etwas populistische Verkürzung, aber im Kern eben leider auch nicht falsch.
Was dann zu einer weiteren, interessanten Pointe führt: Einige K-Pop-Acts haben den Instagram-Post von Massive Attack gelikt. Unter anderem Aespa, die Regret Of The Times vor zwei Jahren sogar coverten und als Single veröffentlichten. Sie sind bei SM Entertainment unter Vertrag – einer der vier größten K-Pop-Produktionsfirmen Koreas. Und deren Gründer Lee Soo-man gilt als Erfinder des Idol Systems, das Massive Attack hier anprangern. Und da sage noch einer, im K-Pop ginge es nicht subversiv zu …