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Foto: Amy Sussman/GA/The Hollywood Reporter via Getty Images

Ist Lee Soo-man der „King Of K-Pop“?

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Eine in diesem Jahr veröffentlichte Amazon-Prime-Doku schaut auf das Leben und Wirken von Lee Soo-man – dem Gründer der Produktionsfirma SM Entertainment. Der Titel greift dabei schon gleich zu den Sternen: Lee Soo-man – King Of K-Pop. Viele K-Pop-Fans halten den Film für eine Shitshow, aber wer sich für das K-Pop-System interessiert, sollte den Film trotzdem mit einer gesunden Grundskepsis anschauen.

Journalistische Einblicke in die K-Pop-Industrie sind rar. Wer wissen will, wie Songwriting-Camps, langjährige Trainee-Ausbildungen und das Idol-System wirklich funktionieren, findet kaum seriöse, tiefschürfende Dokumentationen oder Features. Das liegt auch daran, dass man im K-Pop die Blicke hinter die Kulissen gerne selbst produziert und das dort gezeigte Bild auf diese Weise penibel kontrolliert. Gleiches gilt für Interviews mit K-Pop-Idols: Hier sind die Sicherheitsvorkehrungen oft ähnlich wie im Profi-Fußball. Das bedeutet: Fragen werden im Vorfeld abgesegnet und die Antworten im Nachgang oft noch einmal freigegeben. In den letzten Jahren ist das zwar ein wenig lockerer geworden, aber so offen wie eine Indie-Band dürfen die meisten Idols immer noch nicht sprechen.

Man nimmt, was man kriegen kann

That being said: Die neue Amazon-Prime-Doku Lee Soo-man – King Of K-Pop von Regisseurin Ting Poo ist allein schon sehenswert, weil die Macher:innen im Vergleich zu anderen Produktionen erstaunlichen Zugang hatten und auch kritische Themen ansprechen – diese aber viel zu schnell links liegen lassen. Der Gründer von SM Entertainment, der sonst extrem selten Interviews gibt, wird hier in zahlreichen Situationen begleitet und ausführlich befragt. Zwar lässt man ihm so manche abwiegelnde Antwort durchgehen und leuchtet nur ein paar fragwürdige Ecken seines Lebens aus, aber hey – man nimmt als K-Pop-Journalist:in, was man kriegen kann.

Den Titel der Doku findet der heute 73-jährige Lee Soo-man selbst etwas drüber: Er sagte kürzlich in einem Interview mit der Associated Press, er habe sich da dem Wunsch der Produktionsfirma beugen müssen. „Sie meinten, der Titel würde beim amerikanischen Publikum besser ankommen. Ich finde, er klingt ein wenig zu sehr nach Nachtclubbesitzer.“ Sein auch nicht gerade bescheidener Vorschlag: „Hätte es nicht ‘Der Vater des K-Pop’ sein können?“

Vom Sänger zum Boss

Das klingt für Außenstehende alles ein wenig übertrieben. Deshalb ein paar Basics zu Lee Soo-man und K-Pop im Allgemeinen: Der 1952 geborene Koreaner ist einer der Architekten des K-Pop-Systems, wie wir es heute kennen. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren der „Korean Wave“ (Hallyu genannt) der 80er-Jahre, die den Grundstein dafür legte, dass Popmusik einer der erfolgreichsten Kulturexporte Südkoreas wurde. 1983 gründete er nach einer eigenen kurzen Karriere als Sänger die Produktionsfirma SM Entertainment – neben JYP und YG eine der „Big Three“ der K-Pop-Industrie. Heute muss man dank der BTS-Produktionsfirma HYBE (ehemals Big Hit) von den „Big Four“ reden. SM Entertainment hat der Musikwelt zum Beispiel BoA, TVXQ!, Super Junior, Girls’ Generation, SHINee, EXO, NCT und aespa beschert.

Lee Soo-man ist zwar streng genommen schon seit 2010 nicht mehr geschäftsführend bei SM Entertainment, aber er prägt die wichtigen Bereiche, bringt sich im Artist Development ein, verantwortet das internationale Geschäft und erschließt neue Konzepte an der Schnittstelle zwischen Technik und Entertainment. Er selbst nennt sich „Chief Producer“ und sagt in der Doku, er höre und beeinflusse jeden Track, der bei SM veröffentlicht werde. Die SM-Idols wiederum nennen ihn entweder „Boss“ oder „Teacher“. Während viele ihn für visionär halten, heißt es in der Branche aber auch, er sei ein gieriger, selbstverliebter Mogul. Die Doku deutet an, dass beides stimmen könnte.

Mehr Lob als Kritik

Lee Soo-man: King Of K-Pop schafft es dabei, zahlreiche namhafte Talking Heads vor die Kamera zu bekommen: BoA (die seit über 25 Jahren bei dem Unternehmen ist) sowie Leeteuk, der Anführer von Super Junior, Suho, der Anführer von EXO, und Taeyong, der Anführer von NCT sowie die gesamte Band aespa kommen in der Doku zu Wort – haben aber natürlich nur Gutes zu sagen. Spannender wird es, wenn Lee Soo-mans Neffe Lee „Chris“ Sung-soo zu Wort kommt: Die beiden lieferten sich 2023 einen regelrechten Krieg um Positionen und Firmenanteile – was in der Doku auch ein wenig gezeigt wird.

Die K-Pop-Expert:innen im Film geben immerhin bisweilen kritische Anmerkungen – zum Beispiel, wenn es um die Vorwürfe geht, SM hätte in der Vergangenheit mit „Sklavenverträgen“ gearbeitet. Dieser Begriff machte 2009 die Runde, als drei Mitglieder der Boyband TVXQ – Jaejoong, Yoochun und Junsu – die Firma verklagten. Der tragische Suizid von SHINee-Mitglied Jonghyun, der auch im Film angesprochen wird, sorgte schon Monate vor der Veröffentlichung der Dokumentation für Empörung. Als die K-Pop-Fans den ersten Trailer sahen, fiel ihnen auf, dass man kurz private Filmaufnahmen von Jonghyuns Beerdigung einspielte – die eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte. Das fanden viele Fans völlig zurecht taktlos. Auch hier muss man feststellen: Die Doku spricht diese Punkte an, aber tut das oft nur oberflächlich.

Lee Soo-man wiederum plädiert dafür, nicht immer auf die Vergangenheit, sondern in die Zukunft zu schauen. Hier kriegt er viel Raum, seine Visionen für eine koreanisch-chinesische Girlgroup und die Erweiterung von K-Pop in virtuelle Welten auszubreiten. Vermutlich war das der Deal für den Zugang und die Erlaubnis, zumindest an kritischen Themen zu kratzen.

Geprägt von MTV

Was der Film aber gut herausarbeitet: Lee Soo-man „König“ oder „Vater des K-Pop“ zu nennen, ist schon irgendwie nicht ganz falsch. Selbst wenn SM Entertainment heute oft weniger innovativ (und erfolgreich) als zum Beispiel HYBE (mit BTS, Katseye und Le Sserafim), JYP (mit Stray Kids, NMIXX, Twice) oder YG (mit Blackpink, Babymonster, Treasure) wirkt, hat er das System, das K-Pop bis heute ausmacht, gewissermaßen erfunden.

Damit ist vor allem das „Idol-“ oder „In-House-System“ gemeint, bei dem die Talente schon im Teenager:innen-Alter unter Vertrag genommen und dann über Jahre innerhalb der Produktionsfirmen ausgebildet werden. Aber Lee Soo-man war es auch, der das Visuelle im K-Pop auf eine Stufe mit der Musik stellte. Er lebte nämlich zur Geburtsstunde von MTV eine Weile in Amerika und sah dort die revolutionäre Kraft des Musikfernsehens. Als er 1985 nach Seoul zurückkehrte, hatte er seine ganz eigene Vision für die südkoreanische Popmusik. Lee Soo-man trat allerdings nicht mehr in erster Linie als Sänger in Erscheinung, wie er es in den 70ern tat, sondern als TV-Host und DJ. In dieser Zeit sammelte er das Geld, mit dem er 1989 SM Studio gründete, das dann später zu SM Entertainment wurde.

Der erste Künstler, mit dem Lee durchstarten wollte, war Hyun Jin-young. Was nur leidlich funktionierte und von Lee Soo-man selbst als Misserfolg bezeichnet wurde. Hyun Jin-young war groß und gut aussehend, ein etablierter Tänzer, der auch recht passabel singen und später rappen konnte. War das Debütalbum noch ein Flop, nahm Lee Soo-man dann auf das zweite Album massiven Einfluss in Sachen Musik und Image. Er kleidete Hyun in Baggy-Hosen und erhöhte den Hip-Hop-Anteil in der Musik. Leider fiel der Release in die Zeit des Hypes um Seo Taiji and Boys, die als musikalische Urväter des Genres gelten. Trotzdem feierte es passable Erfolge.

Harte Schule

Kurz nach Album Nummer drei passierte dann etwas, das bis heute großen Einfluss auf das K-Pop-System hat: Hyun Jin-young verstrickte sich in einen Drogenskandal und musste eine Haftstrafe wegen des Konsums und Besitzes von Marihuana antreten. Seine Karriere war am Ende, da die Öffentlichkeit und auch seine Fans hart mit ihm ins Gericht gingen.

Lee Soo-man, der viel Geld dabei verlor, lernte seine Lektion – und erfand das bis heute bewunderte wie gefürchtete In-House-System, mit dem er versuchen wollte, nicht nur die musikalischen und technischen Fähigkeiten seiner Idols zu formen, sondern auch Charakter und Persönlichkeit zu schulen. Das Firmengebäude in Seoul wurde somit zur Kaderschmiede für den perfekten Popstar – und wurde nicht nur zur Arbeitsstelle von Idols, Produzenten, Textern und Songwriterin, sondern ebenso Choreographen, Designern, Gesangs- und Schauspiel-Coaches, Managern, Image-Beratern und einer großen Marketing-Abteilung.

Lee Soo-man: King Of K-Pop funktioniert also gut als Extended-Blick-hinter-die-Kulissen und als K-Pop-Geschichtsstunde, weil man an seiner Person eben entscheidende Punkte erzählen kann – eine wirklich kritische Dokumentation ist der Film allerdings unterm Strich auch nicht. Auch die K-Pop-Fan-Community ist sich in großen Teilen einig: Viele monieren zurecht, das einige prägende Idols fehlen, finden, dass man wenig Neues lernt und hätten sich an vielen Stellen ein kritischeres Bohren gewünscht. Und das sind noch die freundlicheren Stimmen: Bei Reddit findet man viele Rants, die es den Macher:innen weiterhin übelnehmen, wie hier mit Jonghyuns Suizid umgegangen wurde und wie stark Lee Soo-man als Visionär und nicht als fragwürdiger Mogul gezeigt wird, der er eben auch ist.

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