Militarie Gun im Interview: „Songs sind niemals fertig“

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Foto: Nolan Knight

Militarie Gun im Interview: „Songs sind niemals fertig“

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Wir treffen Ian Shelton und Kevin Kiley von Militarie Gun beim Hurricane Festival – nur wenige Tage nach ihrem Berlin-Gig als Support von Alexisonfire. Ein Gespräch über den Sound von God Save The Gun, die besondere Wucht ihrer Liveshows und darüber, warum sich ein Song für diese Band auch nach dem Release noch jederzeit verändern kann.

Militarie Gun sind eine absolute Live-Wucht. Auf Platte spielen sie schon eine faszinierende Mischung aus Hardcore-Punk, Alternative-Rock und Refrains, die schon einen leichten Pop-Vibe haben. Aber die Shows sind nochmal ein ganz anderes Kaliber.


Als wir Ian Shelton und Kevin Kiley beim Hurricane Festival treffen, liegt der Auftritt der Band noch frisch in der Luft. Dazu kommt: Nur kurz zuvor haben Militarie Gun in Berlin als Support von Alexisonfire gespielt – ein Umfeld, das für sie erstaunlich gut passt. Alexisonfire bringen diese Post-Hardcore-DNA und Militarie Gun ergänzen das Line-Up perfekt mit ihrem ganz eigenen Sound zwischen Härte und dreistimmigem Chorus.

Und genau das macht God Save The Gun so spannend. Das zweite Album der Band ist kein Rückzug aus dem Hardcore, aber auch kein Versuch, puristische Erwartungen zu bedienen. Es ist eher der Moment, in dem Militarie Gun die Tür weiter aufstoßen: mehr Melodie, mehr Harmonie, mehr Mut zur Langsamkeit, aber immer noch diese raue, fast nervöse Energie, die Ian Sheltons Stimme trägt. Die Songs wirken, als würden sie gleichzeitig um Kontrolle kämpfen und sie verlieren wollen.

Militarie Gun im Circle Store:

Zwischen Hardcore und… Pop?

Militarie Gun waren nie einfach nur eine Hardcore-Band. Dafür waren die Hooks zu groß, die Songs zu kompakt, die Melodien zu sweet. Schon auf Life Under The Gun lag unter der Aggression immer ein Pop-Gedächtnis: kurze Songs, klare Pointen, viel Druck, keine Umwege. God Save The Gun ging dann einen Schritt weiter. Die Band klingt größer, offener, stellenweise fast verwundbar, aber immer noch mit ungeschliffener Kante.

B A D I D E A ist dafür ein gutes Beispiel: ein Song, der buchstabierend im Kopf hängen bleibt und trotzdem nicht nach kalkulierter Radiotauglichkeit klingt. God Owes Me Money wirkt dagegen sperriger, kantiger, wie ein Fremdkörper, den die Band bewusst früh in den Live-Kontext gestellt hat. Ian erzählt, dass es ihm wichtig war, diesen Song schon vorab im Set zu haben, weil er sich vom Rest des Materials abhebt. Das Publikum sollte ihn nicht einfach irgendwann auf der Platte entdecken, sondern früh live mitnehmen.


Überhaupt reden Ian und Kevin über Songs nicht wie über abgeschlossene Produkte. Für den Sänger ist ein Song „eine laufende Unterhaltung“, eine fortlaufende Interpretation. Was auf der Platte landet, sei nur eine Performance dieses Songs, also eine Version von vielen. Jeden Abend müsse die Band ihn schließlich wieder spielen. Und wenn etwas irgendwann nicht mehr passe, werde es geändert. Diese Haltung erklärt viel über Militarie Gun: Bei ihnen ist Musik nichts Statisches. Sie bleibt in Bewegung

Und auch das Songwriting ist ein fließender Prozess. Kevin beschreibt, dass er oft mit ausgearbeiteten Demos kommt, bevor andere Perspektiven dazukommen. Ian wiederum arbeitet am liebsten in kleinen Konstellationen. „Me plus one“, sagt er sinngemäß: erst eine individuelle Idee, dann nach und nach mehr Personen, Meinungen und Ideen. Für ihn beginnen die besten Songs mit einer klaren Einzelperspektive, bevor die Band sie gemeinsam interpretiert. Zu viele Leute im Raum können ihn beeinflussen, sagt er offen, weil er dazu neige, anderen gefallen zu wollen, statt konsequent dem zu folgen, was er selbst im Kopf hört.

Das ist eine erstaunlich ehrliche Aussage, weil sie viel über den emotionalen Kern dieser Band verrät. Militarie Gun klingen oft direkt, fast ruppig. Aber dahinter steckt kein stumpfes Draufhalten, sondern ein ständiges Austarieren: Wie viel Gefühl hält ein Song aus? Wie viel Pop darf in Hardcore stecken? Wie viel Verletzlichkeit kann man zeigen, bevor sie zur Pose wird?


Bei God Save The Gun scheint die Antwort zu lauten: ziemlich viel, solange es ehrlich bleibt.

Dreistimmige Vocals im Hardcore-Punk

Besonders interessant wird es, wenn Ian über Gesang spricht. Er sagt nicht, dass er sich selbst für einen großartigen Sänger hält. Eher beschreibt er, dass er viel an seinen Vocals gearbeitet hat und weiter daran arbeitet. Früher, so klingt es bei ihm, ging es im Studio vor allem darum, die Performance überhaupt festzuhalten. Heute will er mehr: öfter singen, mehr Wiederholungen haben, ein besseres Gefühl für Nuancen entwickeln, stimmlich mehr ausprobieren. Er hört God Save The Gun und merkt, dass er manche Songs zum Zeitpunkt der Aufnahme vielleicht erst wenige Male wirklich gesungen hatte. Für die Zukunft wünscht er sich, vor einer Aufnahme tiefer in die Songs hineinzuwachsen.

Das passt perfekt zu der Art, wie Militarie Gun live funktionieren. Ian möchte nicht einfach beweisen, dass die Band die Platte reproduzieren kann. Er will zeigen, dass sie das Material übersetzen können – vielleicht sogar in einer besseren Version als auf dem Album. Kevin sieht das ähnlich. Gerade das neue Album sei schwer live umzusetzen, sagt er, weil so viel darin passiert. Aber man merkt ihm den Stolz an: Die Band hat in den vergangenen ein, zwei Jahren spürbar Fortschritte gemacht.


Wer Militarie Gun live sieht, versteht sofort, was damit gemeint ist. Ian betont, wie wichtig der Band Harmonien sind. Drei Stimmen in jedem Chorus – das ist im Rock-Kontext längst nicht selbstverständlich, vor allem nicht bei einer Band, die aus der Hardcore-Welt kommt. Genau darin liegt aber einer der Schlüssel zu ihrem Sound: Militarie Gun können ruppig sein, ohne eindimensional zu werden. Sie können schreien, singen, schieben, abbremsen. Ihre Musik hat Schultern und Herz.

Ein Festivalset mit Balladen und Ragern

Das ist auch der Grund, warum Ian so viel über Setlists nachdenkt und unterschiedlichste Versionen baut. Für ein Festivalset ist das besonders wichtig: Die Versuchung wäre groß, in 30 oder 45 Minuten einfach nur die schnellsten und bekanntesten Songs rauszuhauen. Militarie Gun machen das nicht ganz so einfach. Natürlich wissen sie, dass Menschen die Songs hören wollen, mit denen sie etwas verbinden. Ian sagt klar, dass er die Live-Erfahrung als etwas versteht, bei dem man dem Publikum Vertrautheit gibt. Unveröffentlichte Songs zu spielen, empfindet er eher als wenig beeindruckend – nicht, weil neue Songs unwichtig wären, sondern weil Fans Zeit brauchen, um eine Verbindung aufzubauen und es bei Shows doch gerade um diese Verbindungen geht.

Gleichzeitig wollen Militarie Gun nicht nur Singles runterspielen. Ian ist stolz darauf, dass im aktuellen Set auch Platz für einen tieferen Cut wie Wake Up And Smile ist. Kevin ergänzt, dass schnelle Songs dabei helfen, das Set kompakt zu halten. Ian beschreibt es als Dynamik zwischen Balladen und „Ragers“. Genau diese Skala beschreibt die Band sehr gut: Militarie Gun haben Songs, die nach vorne preschen, aber eben auch solche, die ein kleines Stechen in der Brust hinterlassen.


Beim Hurricane funktioniert diese Mischung besonders gut. Ein Festivalpublikum ist anders als ein Club-Publikum. Viele stehen vielleicht nicht in der ersten Reihe, weil sie seit Jahren jedes Demo kennen. Manche kommen zufällig vorbei. Manche haben den Namen gelesen. Manche kennen Do It FasterVery High oder die neuen Singles. Ein gutes Festival-Set muss viele verschiedene Menschen abholen, ohne die eigene Identität zu verwässern. Militarie Gun schaffen das, weil ihre Songs schnell verständlich, aber nicht simpel sind.

Und trotzdem bleibt genug Tiefe für alle Fans. Hinter der Eingängigkeit steckt ein Album, das sich mit Selbstzerstörung, Selbstbehauptung und dem unangenehmen Moment beschäftigt, in dem man merkt, dass man nicht nur Opfer der eigenen Geschichte ist, sondern manchmal selbst Schaden anrichtet. God Save The Gun klingt deshalb nicht wie ein glatter Aufstiegsmoment. Es klingt wie eine Band, die größer wird und gleichzeitig merkt, dass Größe neue Brüche sichtbar macht.

Von Alexisonfire in Berlin zurück in den Festivalsommer

Dass Militarie Gun kurz vor dem Hurricane als Support von Alexisonfire in Berlin gespielt haben, fühlt sich in diesem Zusammenhang fast symbolisch an. Die stehen nämlich seit Jahren für eine Form von Post-Hardcore, die Chaos und große Melodien nicht als Gegensätze versteht. Militarie Gun treten in diese Tradition nicht ein, um sie zu kopieren, sondern um sie in eine andere Gegenwart zu ziehen: weniger Screamo, mehr trockenes L.A.-Riffing, mehr Alternative-Rock-Schub, mehr Pop-Instinkt. Aber dieselbe Grundidee bleibt: Emotion darf laut sein.


Nach dem Hurricane ist für Militarie Gun noch längst nicht Schluss: Der Festivalsommer führt die Band weiter durch Europa und Großbritannien, bevor im Herbst eine große Nordamerika-Runde unter dem Motto 20 Songs for 20 Dollars ansteht. Zwanzig Songs für zwanzig Dollar: Das klingt nach Punk-Pragmatismus, aber auch nach einem Versprechen. Wir kommen, wir spielen, wir liefern.

Am Ende bleibt vom Treffen beim Hurricane vor allem dieser Gedanke hängen: Militarie Gun sind eine Band im Übergang, aber nicht im unsicheren Sinne. Eher wie eine Band, die gerade herausfindet, wie groß ihr eigener Sound werden kann, ohne seine Nervosität zu verlieren. God Save The Gun zeigt sie melodischer, detailreicher und verletzlicher als zuvor. Live zeigen sie, dass diese neuen Schichten nicht im Studio bleiben müssen. Sie können auf die Bühne, in den Moshpit, in die Harmonien, in den Refrain.


Kevin sagt an einer Stelle, er hoffe, dass Menschen nach einer Show mitnehmen, dass Militarie Gun Musik machen und gute Songs schreiben können. Das klingt fast zu bescheiden. Und vielleicht ist das der Unterschied zu anderen Bands: Bei Militarie Gun ist ein Song nicht fertig, wenn er veröffentlicht wird. Er ist fertig genug, um losgelassen zu werden. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit.

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